Ausgabe 
6.6.1895
 
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Vollstrecker und nickte bedeutsam dazu,und da Miß Netta sich erst in zwei Jahren entscheiden soll, hat sie vollkommen Muße, inzwischen eine freie, ruhige Wahl zu treffen."

Und was wäre die Strafe dafür, wenn sie thöricht und unüberlegt genug wäre, eine leichtsinnige Verbindung ein* zugehen?" fragte der alte Herr neugierig.

Dieselbe wäre einfach bis zur festgesetzten Zeit nicht legal," lautete die Antwort,und deshalb läßt es sich hoffen, daß Niemand so thöricht sein wird, sie zu einer Verbindung zu verleiten, die nur mit Jammer und Unehre enden könnte. Außerdem," fuhr er fort und wandte sich Netta zu, deren Gesicht entweder von Kummer oder Aerger umschleiert war, außerdem bin ich überzeugt, daß diese junge Dame eine zu gute Erziehung genoffen hat, um sich der Gefahr einer leicht­sinnigen Verbindung auszusetzen. Doch ist es nicht meine Sache, über die weisen Verfügungen meines verstorbenen Clienten zu urtheilen," fuhr Mr. Price fort,ich habe nur dafür zu sorgen, daß sie bis auf den Buchstaben befolgt werden. Habe ich nicht Recht, Lady Emily?" wandte er sich höflich zu der alten Dame.

Das weiß ich wirklich nicht. Nur so viel weiß ich, daß es ein sehr sonderbares, ungerechtes Testament ist," ent­gegnete Lady Emily mürrisch.Bis ich bessere Beweise für das Gegentheil habe, bleibe ich bei der Ansicht, daß meine Nichte in der ganzen Angelegenheit sehr schlecht behandelt worden ist. Komm', Netta," fügte sie aufstehend hinzu. Wir haben hier nichts mehr zu thun. Ich denke, je früher wir dieses Haus verlassen, um so besser."

Lady Emily reichte ihrer Nichte den Arm und rauschte mit stolz erhobenem Haupte aus dem Zimmer.

Was in aller Welt hat sich Papa bei alledem gedacht, Tante Emily?" fragte das Mädchen, als sie sich wieder in ihren eigenen Gemächern befanden.

Was er sich gedacht hat? Nun, was ich stets von ihm erwartet habe. Er hat sich von dem koketten Mädchen voll­ständig umstricken lassen, starb aber nur zu früh, um das ganze Unheil herbeizuführen. Es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn er ihr noch sein ganzes Vermögen hinterlassen hat, nachdem er Dir den Geliebten geraubt hat, der eine so gute Parthie für Dich gewesen wäre. Sie ist ein abscheu* liches, listiges Ding ... das steht fest und . . . der einzige Trost, den mir Deines Vaters Tod gewährt, ist, daß dadurch das Schlimmste zwischen den Beiden verhütet wurde."

Nun, wenn mir nichts an Ernst gelegen ist, sehe ich auch nicht ein, was es Andere kümmert," erwiderte Netta gereizt.Es ist mir durchaus nicht bange, daß ich noch eine gute Parthie machen werde, wenn ich erst in die Welt ein- geführt bin. Bi» dahin werde ich mich allerdings zu Tode langweilen."

Das wird sich ja finden," sagte die Tante ruhig. Jedenfalls halte ich es für das Beste, das Haus hier sobald als möglich zu verlassen und nach Cannes zu Deinem Onkel Trevllle zu gehen. Wir müssen bemüht sein, die Kälte, die zwischen ihm und Deinem armen Vater bestand, bald ver­gessen zu machen."

, Netta stimmte ihr hastig bei, erklärte, sie fühle sich von der Schwüle in den Zimmern matt und abgespannt, hüllte sich in ihren Schleier ein und begab sich in's Freie.

^anlÖon wal r,er Magnet, der das eigensinnige Mädchen an sich zog und sie eilte rasch vorwärts, bis sie sich im Schutz dieser romantischen Laube befand.

War sie allein? Hatte sie ihm aus freien Stücken ein Nendez-vous gegeben?

Einen Augenblick trieb diese Befürchtung eine flammende Zornesröthe auf des Mädchens Wangen, und sie stampfte mit dem kleinen Fuße vor Aerger über die Beleidigung, die man ^ meinte, zugefügt hatte. Aber im nächsten Augen* vor Freude, denn es zeigten sich ihrem Blicke die hübschen Züge ihres seltsamen Bekannten.

XVIII.

Es erforderte wohl mehr Festigkeit und Ruhe, als man bisher von Cora verlangt hatte, ruhig und unentwegt zu bleiben, während das Leben des jungen Lord in höchster Ge- fahr schwebte.

Aber sie hatte ein tapferes, stolzes Gemüth und hätte sich selbst verachtet, wenn sie durch die geringste Schwäche ihr kostbares Geheimniß verrathen hätte.

Die Beamten öffneten die Thür, die nach dem inneren Zimmer führte, und guckten in jeden Winkel, in jede Ecke, in der sich kaum eine Ratte, geschweige ein menschliches Wesen hätte verbergen können. Mehr al» einmal gingen sie dicht an der Nische vorbei. Cora war e», als könnten sie den darin verborgenen Flüchtling athmen hören, so hatte die Angst sie fieberhaft erregt. Der geringe Farbenunterschied in dem Getäfel kam ihr in dem Augenblick so auffällig vor, daß sie nicht begreifen konnte, wie er dem geübten Auge der Beamten entgehen konnte. Aber nachdem sie noch einen forschenden Blick auf sie geworfen hatten und mit der Hand leicht über die Wände hingeglitten waren, begaben sich die Beamten in die nächsten Zimmer.

Merken Sie wohl auf, mein junges Fräulein I" sagte der Aeltere von Beiden in strengem Tone.Sie sind jung und hübsch genug, um einem hartherzigeren Mann, als ich bin, das Herz zu rühren, aber trotzdem lasse ich mich nicht von Ihnen täuschen und werde ein Auge auf Sie haben, wenn Sie es am wenigsten erwarten. Ich warne Sie davor, keine weiteren Streiche zu spielen und in den nächsten Tagen, bis der Flüchtige gefunden ist, nicht heimlich das Haus zu ver­lassen. Es möchte Ihnen allerdings auch schwer werden, denn das ganze Haus ist von Wachen umstellt. Also wenn Sie meinen Rath befolgen wollen, setzen Sie sich nicht der Gefahr aus, festgenommen zu werden, gleichviel, ob Sie schuldig sind oder nicht."

Darauf folgte er seinem Kameraden mit unzufriedener Miene in das andere Zimmer.

Es entstand eine athemlose Stille.

Cora stand regungslos da, fürchtend, das geringste Ge­räusch könne die Beamten zurückrufen. Aber der verborgene Gast war weniger vorsichtig. Ein leises Geräusch hinter dem Felde warnte Cora, daß er vielleicht in anderer Gefahr als jener der Entdeckung schwebte und nach einem raschen, angst- vollen Blick ringsum schob sie leise das Feld zurück, doch nur weit genug, um ein paar Worte mit dem ungeduldigen Ernst wechseln zu können. (Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Gsne.

Roman »ach Victorien Sardou und F. Morreau.

Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

In drei Monaten?"

Ja, am 6. November; diesen Tag hat er festgesetzt." Ah, er ist jetzt nicht so pressirt, der Herr Baron!" ^Von den Ereignissen erschreckt und an den Fortschritten der Revolution nicht zweifelnd, hat Baron Lowendaal gestern Abend vor Schluß der Thore Pari» verlassen und sich auf seine Güter begeben. Sein Schloß bei Jemappes an der belgischen Grenze bestimmt er zur Feier dieser un* möglichen Hochzeit."

Und wirst Du nach Jemappes gehen?"

Mein Vater, der ebenfalls etwas erschrocken ist, hat die Absicht, sich in das Schloß des Barons zu begeben. Wir sollen fort, sobald die Straßen wieder frei sind."

Du wirst ihn begleiten?"

Ja, aber sei ruhig, ich bin fest entschlossen. Niemals werde ich die Gattin des Barons."

Du schwörst es mir?"

Ich schwöre es Dir!"

Aber woher wirst Du die Kraft nehmen, in Je­mappes zu widerstehen, nachdem Du hier nachgegeben hast?"