Und ehe er Zeit hatte, zu antworten, schloß ste mit sicherer Hand wieder die Wand, und er blieb allein, ab« geschloffen von der Außenwelt.
Es war eine harte Probe für den jungen Herrn, sich in so hilfloser Lage zu befinden, so ganz von der Barmherzigkeit Anderer abzuhängen, aber ehe Lord Belfort Zeit hatte, sich über seine traurige Lage richtig klar zu werden, wurde seine Aufmerksamkeit durch ein heftiges Klopfen an der Thür anderen beunruhigenden Gegenständen zugewendet.
Cora öffnete die Thür.
Zwei Männer, ihrem Aeußern nach Gerichtsbeamte, traten ein. Ihnen folgte Lord Marstons Diener, offenbar sehr entrüstet über das Amt, das man ihm übertragen hatte.
„Ich bedauere, daß wir Sie stören muffen," sagte der ältere der beiden Männer gebieterisch. „Wir sind beauftragt, jedes Zimmer zu untersuchen, indem der Lord möglicherweise verborgen sein könnte ... und das scheint mir allerdings ein gutes Versteck für einen Flüchtling zu sein. Ich sollte meinen, daß es doch sonderbar ist, daß Sie gerade hier in diesem alten halbverfallenen Flügel des Hauses sind."
„Wenn aber auch ich eine Flüchtige wäre?" sagte das Mädchen kalt. „Was dann?"
„Nun, so junge, hübsche Damen wie Sie pflegen nicht ost allein davon zu laufen," antwortete der Gerichtsbeamte spöttisch. „Das ist vielleicht der beste Beweis, daß wir noch Jemand in Ihrer Nähe finden."
„Wenn Sie glauben, es hätte mich Jemand begleitet, als ich Villa Faro verließ und Lady Marians Gastfreundschaft in Anspruch nahm, so kann ich Sie bald beruhigen," sprach das Mädchen stolz. „Sowohl Lady Marian als Frau Aston, die Haushälterin, können bezeugen, daß ich allein hierher kam."
„So waren Sie auf Villa Faro und kannten den ganzen entsetzlichen Mord und verhalfen Lord Belfort vielleicht gar zur Flucht?" sagte der Beamte mißtrauisch.
Cora antwortete hierauf nur mit einem Blicke der Entrüstung, der den erfahrenen Beamten vielleicht mehr überzeugte, als Worte.
„Nun, Sie können ebenso gut antworten, junge Dame! Höfliche Worte kosten nichts," bemerkte der andere Beamte zornig.
„Ich hatte so wenig Kenntniß von Lord Belforts Flucht, — weder wann, noch wohin er flüchtete, — als Miß Faro selbst," entgegnete Cora. „Ich bin bereit, das zu beweisen, nur seien Sie so gut und beeilen Sie sich mit Ihrer Durchsuchung, denn ich bin müde und kam hierher, um vor der traurigen Angelegenheit Ruhe zu haben."
„Ich gestehe, daß Sie müde und erschöpft aussehen," sagte der erste Beamte mitleidiger, „und wie mir scheint, gibt es hier nicht viel zu durchforschen. Wir werden Sie nicht lange stören, Fräulein."
Darauf gab er dem anderen Beamten einen Wink und trat in das Zimmer. Sie fingen mit ihrer Durchsuchung an, während Cora sich tapfer bemühte, eine kühle Gleichgiltigkeit zu bewahren.
XVII.
Zur Eröffnung des Testamentes des Lord Faro waren Miß Netta und deren Tante mit den Gerichtsbeamten und einigen Zeugen in dem Bibliothekzimmer versammelt.
„Es liegt mir heute eine sehr unerwartete und schmerzliche Pflicht ob," sagte Herr Price, der Familienanwalt. „Lord Faro war so gesund und für seine Jahre so frisch, daß ich nie daran gedacht habe, er könnte vor mir sterben. Darum ist es mir, offen gestanden, nie in den Sinn gekommen, ihn zur völligen Ordnung seiner Angelegenheiten zu drängen. Aber er ist tobt, der gute, großherzige, geliebte Mann, und es liegt uns nun ob, feine Wünsche in jeder Weise zu respectiren, soweit wir dieselben kennen. Und darum ist es jetzt mein erstes Geschäft, des Herrn Lords Testament zu verlesen. Daran schließen sich jetzt auch noch einige Papiere, die wohl seine letzten Gedanken und Eindrücke enthalten. Ich würde dieselben für vollständig bindend halten," fuhr er mit einem bedeutungsvollen Blick zu Lady Emily fort. „Ein Mensch, welcher im
Sterben liegt, steht die Dinge meist so, wie er sie wirklich empfindet, ohne Vorurtheil. Und das, glaube ich, ist auch bei Lord Faro der Fall gewesen."
Herr Price nahm einen Schluck Waffer und die kleine Gruppe wartete ungeduldig auf seine nächsten Worte.
„Herrn Faros Testament ist kurz, aber klar," fuhr er fort. „Ich will es den hier Versammelten vorlesen."
Hierauf setzte sich Herr Price die Brille auf und fing an, die gewöhnlichen Formeln zu lesen. Dann ging er auf den intereffanteren Theil des Testamente» über.
,,Meine Tochter Netta," lautete dasselbe, „wird, wenn sie das siebenzehnte Jahr erreicht oder eine angemessene Heirath geschlossen hat, in den Besitz des großen Vermögens ihrer verstorbenen Mutter treten. Dieses Vermögen wird ihr Haupt- erbtheil fein, es sei denn, daß der Himmel mich so lange am Leben erhält, um den Titel und den Reichthum meines älteren Bruders zu erben- Gleichzeitig ist es mein Wunsch, daß ein Theil des reichen Vermächtnisses einer Person, deren Vertrauen und Großmuth vielleicht wenig verdient und erwidert wurde, an einige meiner eigenen Verwandten zurückfalle. Wenn ich daher sterben sollte, bevor ich den Grafentitel und Reichthum geerbt habe, ist es mein dringender Wunsch und Befehl, daß meine Tochter und ihre Tante Emily ihren Wohnort in oder nahe der Besitzung meines Bruders, des Grafen Treville, aufschlagen und sich in ihren Plänen und Absichten von ihm leiten lassen. Und ohne Lady Emily» Autorität oder dar Glück meines Kindes beeinträchtigen zu wollen, ist es doch mein ausdrücklicher Wunsch, daß ste sich in Allem so viel als möglich der Führung des Grafen unterordnen, bis Netta dar Alter erreicht hat, um in die Welt eingeführt zu werden. Hieran füge ich die Bitte, daß er alle Differenzen vergessen möge, die einst zwischen uns bestanden und an meinem verwaisten Kinde die Stelle eines Vaters und Beschützers vertrete. Ausdrücklich verbiete ich jede Heirath, die Netta ohne des Grafen Segen eingehen sollte, bis sie das Alter erreicht hat, wo das Gesetz sie von jeder Vormundschaft als unabhängig erklärt. Und da die vom Vermögen ihrer Mutter ihr zukommende Summe zu ihrer Ausbildung und Erhaltung vollkommen ausreichend ist, bin ich nach langem, reiflichem Ueber« legen zu dem Entschluß gekommen, daß das kleine Vermögen, das ich hinterlaffe, so vertheilt werden soll, wie ich in einem kleinen Packet verfügt habe, das man versiegelt in meinem Schreibtisch finden wird. Villa Faro soll inzwischen mit derselben Sorgfalt wie zu meinen Lebzeiten verwaltet werden und die alten Diener, die mir treu gedient haben, in ihrer Stellung bleiben, bis meine Tochter siebzehn Jahre alt ist und das oben erwähnte Packet geöffnet wird."
„Ein leichtverständliches Document," sagte einer der Anwesenden. „Ist dies das ganze Testament, Herr Price?"
„Noch nicht," erwiderte der Anwalt. „Ich bin im Besitz de» Packetes, das Lord Faro in seinem letzten Willen erwähnt, und auch noch eines Briefes, den er wenige Stunden, bevor das traurige Loos ihn ereilte, geschrieben hat."
Und er zog unter einem Haufen Papiere, der vor ihm lag, einen Brief hervor, der folgende wenige Zeilen enthielt: „Ich, Lord Faro, schreibe es am Abend, bevor ich mein Leb« in einem tödtlichen Kampfe auf'» Spiel setze, als letzten Wille« nieder, daß meine Tochter unter keinen Umständen an eine Verbindung mit Ernst Lord Belfort denke und daß ich hiermit jedes Vermächtniß in meinem Willen für null und nichtig erkläre, wenn die Empfängerin desselben Lord Belforts Gemahlin wird . . . obgleich ich voraussetze, daß Liebe und Dankbarkeit allein schon genügen, daß Beide nicht den Fluch auf sich laden werden, den ich ihm in solchem Falle als mein Vermächtniß zuertheile."
„Diesem Passus nach scheint es, daß meinem verstorbenen Freunde mehr an der Heirath seiner Tochter, als an der Ver- sügung über sein Vermögen gelegen war," bemerkte Derjenige, der schon vorher gesprochen hatte. „Nun, das Packet, von dem er in seinem letzten Willen spricht, wird wohl Alles, war dunkel in diesem Document ist, aufklären."
„Davon bin ich überzeugt," erwiderte der Testamentr-


