Ausgabe 
6.6.1895
 
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Nr. öa

Donnerstag den 6. Juni

1895.

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Die Tochter des Meeres.

Roman von A. Rieola.

(Fortsetzung.)

Aber Lord Belfort zögerte noch immer, der Aufforderung Coras Folge zu leisten, nur seine Augen waren auf ihr bittendes Gestcht gerichtet.

Cora, sprechen Sie deutlich; sind die Gerichtsbeamten im Hause?"

ja," rief sie voll Ungeduld,und Sie versäumen die kostbaren Minuten. Um Lady Marians willen beschwöre ich Sie, seien Sie nicht so thöricht, so unüberlegt, zu zögern."

Er schüttelte traurig mit dem Kopfe.

»Cora, glauben Sie, das Leben hat um einen solchen Preis Werth für mich ... ein belastetes Gewiffen, vernichtete Hoffnungen, für immer verlorene Freunde I Nein, nein, lassen Sie mich sterben und vergessen sein," setzte er hinzu und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen, von dem er sich bei ihrem Eintreten erhoben hatte.

Gehen Sie; Sie müssen, Sie werden gehen," rief sie erregt aus;Lord Belfort, das ist eine Schwäche. Ich be- schwöre Sie bei Allem, was gut und wahr ist, folgen Sie Lady Marians Wunsch. Sie ist bereit, viel für Sie zu wagen. Dadurch, daß sie Ihnen Schutz gewährt, hat sie ihrem guten Namen vielleicht schon geschadet. Wollen Sie ihr das aus Furcht vor Schmerz oder Schande so lohnen? Das wäre ein feiges Verfahren!"

Er blickte sie bewundernd an.

Sie sind eine edle Seele, Cora. Es gibt nur noch ein Wort, das Sie hinzufügen sollten, mich zu bestimmen, und dieses Wort würde mich am ersten bewegen. Wollen Sie mir sagen, daß Ihnen selbst an meiner Sicherheit gelegen ist? Wollen Sie sagen: Thu' es mir zu Liebe, Ernst?"

Heiße Gluth stieg ihr in die Wangen.

Das hängt davon ab, wie Sie diese Worte auffassen, Mylord. Es wäre mehr als anmaßend von mir, wenn ich nur ein Recht aneignen wollte, das ich weder habe, noch zu haben wünsche. Aber wenn Sie meinen, ob ich von ganzem Herzen Ihre Sicherheit wünsche und Ihre Verhaftung fürchte,

so will ich aus vollem Herzen sagen: Gehen Sie um meinet­willen!"

Während sie so sprach, glitt ein Strahl der Freude über sein Gestcht, aber er verschwand rasch wieder-

Dann bin ich in Ihrer Hand, Cora," sagte er,und wenn die Menschen mich feig nennen, werde ich mich mit dem Gedanken trösten, daß Sie mich baten, die Vorwürfe zu er­tragen- Das genügt mir und wenn die ganze übrige Welt mich deshalb verspotten sollte!"

Selten bleibt ein Mädchen von solchen Worten, wenn sie von den Lippen eines so edlen, hochgeborenen Mannes wie Ernst Belfort kommen, ungerührt. Und Cora ließ es zu, daß er ihre Hand in die feinige nahm und sie einen Augenblick an fein Herz drückte, während ihr scharfes Auge das Zimmer durchflog, die Stelle suchend, welche Lady Marian ihr beschrie­ben hatte und die auf den bestaubten und verblichenen Wänden schwer zu finden war. Aber endlich glaubte ste einen geringen Farbenunterschied in dem Getäfel zu bemerken.

Hier, Mylord!" sagte sie athemlos.Schnell! Sie sind stärker als ich. Versuchen Sie, ob das nicht das verschiebbare Feld ist, von dem Lady Marian sprach."

Der junge Mann folgte mechanisch ihren Worten. An­fangs widerstand die Wand sowohl seinen als Coras angestreng­ten Bemühungen, aber endlich gab das lange unbenutzt ge­bliebene Fachwerk nach und stellte einen viereckigen Hellen Raum frei, in dem gerade ein erwachsener Mensch Platz hatte, wenn auch ohne sich darin umdrehen zu können.

Lord Belfort trat rasch zurück.

Das ist unmöglich!" sagte er.Ich will nicht wie eine Ratte in diesem Gefängniß sterben. Cora, lassen Sie die Polizisten kommen! Ich will sie nicht fürchten."

Halten Sie so Ihr Versprechen, Mylord?" sprach sie vorwurfsvoll.Dann will ich nie wieder einem verpfändeten Wort trauen."

Das genügte, um den jungen Lord zu bewegen, in dis Nische zu treten, aber es glitt ein Blick des Abscheus über sein Gesicht, als er in den engen Raum trat.

Verlassen Sie sich auf Ihre Freunde!" flüsterte sie hastig.Sie sollen sobald wie möglich wieder befreit werden- Nur dürfen Sie sich, was auch geschehen möge, durch keinen Laut, nicht durch die geringste Bewegung verrathen."