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Und er hielt dem Freunde dä» feine Briefblatt entgegen, welche» die wenigen Worte enthielt:
„Mein theurer Lohenthal I
Wie foll ich Ihnen für diesen Liebesdienst danken? Ja, ich komme natürlich, um den geliebten Vater noch einmal zu sehen und nehme Ihre Gastfreundschaft für mich und meinen kleinen Liebling an. Mein Mann dankt Ihnen für diese Großmuth ebenfalls ganz besonder». Gott lohne e» Ihnen I In alter Freundschaft stet» Ihre Therese."
Schweigend trat der Graf zurück, sein Antlitz war asch- fahl geworden und er sagte mit heiserer Stimme: „Der Vater wird es nicht wollen!"
„O doch, Rudolf, laß mich er ihm sagen! Sei barmherzig, Freund, denn er ist eine ernste Sache und selbst der Sohn hat nicht da» Recht, die Tochter vom Herzen der Vater» zu reißen, welcher bald im Tode erkalten soll!"
„Hohenthal, Du bist ein edler Mensch, ein treuer Anwalt! Laß — sie kommen, vielleicht kann der arme Vater dann leichter sterben, als meine Mutter."
„Der Himmel lohne es Dir, Rudolf! Meinst Du denn, ich hätte schon nach diesen paar Jahren mein Herzeleid überwunden? O nein, er wird von neuem aufleben, wenn ich — sie sehe und ihr Kind."
„Ist er — ein Knabe?"
„Rein, ein Mädchen; sie heißt Nora, wie Deine verstorbene Mutter und muß dem Bilde nach ein schönes Kind sein."
„Aber ich kann sie nicht sehen," fuhr der junge Graf rauh dazwischen, „und sie wird es auch nicht wollen. Das Band zwischen uns ist zerrissen."
Lange, lange saß Hohenthal am Krankenlager des alten Grafen und kämpfte schwer mit dem unvelsöhnlichen Groll de» alten Aristokraten, der sein Kind lieber gar nicht, als als Gattin eines Sängers wiedersehen wollte. Und endlich gelang Hohenthal» schönes Werk; mit überströmenden Augen reichte ihm der Kranke die welke Hand und sagte feierlich: „Bringen Sie mir mein Kind, damit ich mich mit ihm versöhne! O, Hohenthal, was sind Sie für ein edler Mann."
„Das bin ich nicht," entgegnete der Baron, „nur ein recht einsamer, stiller Mensch, der, nun sein eigen Glück in Trümmern liegt, wenigstens Anderen es zurückgeben möchte."
Am anderen Tage kam noch ein Telegramm an Hohenthal an, es lautete kurz: „Ich komme heute Abend acht Uhr. Therese." Der Baron fuhr selbst den offenen Wagen, um die einst so Heißgeliebte von der Bahn abzuholen; er sah um Jahre gealtert, erregt und dennoch zufrieden au».
Rach einer genauen Musterung der sorgsam hergerickteten Gastzimmer war er in den Wagen gestiegen und dahin gefahren in dem lauen, köstlichen Maiabend. Also nach vierjähriger Trennung sah er Therese wieder und zwar als seinen Gast! Ihm stockte der Athem, wieder erwachte das alte Weh in seiner Brust, aber er wollte muthig sein, höher richtete er sich auf, die Lippen preßten sich übereinander und als er in den Bahnhof einlenkte, hatte er seine volle Selbstbeherrschung wieder erlangt. Brausend und mit schrillem Pfeifen jagte der Zug einber; aus dem Damencoupse der zweiten Klaffe bog sich ein schöne», ach, so wohlbekannte» Antlitz, umrahmt von goldenen Flechten, blaue Augen blickten herzlich dem harrenden Manne zu, aus dessen gebräunten Zügen jede Spur von Farbe gewichen war.
„Therese!" murmelte er vor sich hin, als er mit gezogenem Hute näher trat. Die junge Frau eilte ihm hastig entgegen, ein kleines, gleichfalls blondes Mädchen an der linken Hand führend.
„Eduard, mein lieber treuer Freund, willkommen," rief sie feuchten Auges, tiefbewegt, „so müssen wir uns wieder sehen! Wie geht es auf dem Wildenstetn?"
„Richt gut, gnädige Frau," sagte der Baron, nahm die schlanke Hand Theresens und führte sie ehrerbietig an die Lippen, „aber Sie kommen noch zur rechten Zeit, ihn am Leben zu finden."
„Gott sei's gedankt! Baron Hohenthal, hier sehen Sie meine kleine Nora! Liebling, gib dem Onkel ein Händchen!"
Der stattliche Mann beugte sich nieder zu dem Kinde, welches ganz zutraulich beide Aermchen um seinen Hals schlang.
„Lieber Onkel," rief eine feine Kinderstimme, „Nora will Dich lieb haben und sehr artig sein."
„Mein Engelchen," murmelte er zärtlich und aus den blauen, fröhlichen Kinderaugen blickten ihn der Mutter Märchensterne an.
Der Wagen flog dähin durch den dämmernden Abend zum Hellen Entzücken Nora's; in Hohenthal'« Seele fluthete und brauste eine mächtige Erregung, und auch Therese blieb schweigsam.
War's doch die Heimath, durch die sie fuhr, die sie vor Jahren verlassen und nun erst wtedersah in schwerer, ernster Stunde; sie trug schwarze Gewänder, ein dichter, kurzer Schleier verhüllte ihr Antlitz und kopfschüttelnd blickten die Leute in Schloß Hohenthal ihr nach, als sie an des Barons Seite, ihr Kind führend, die Treppen hinaufstieg.
„Ich weiß, wer es ist." flüsterte geheimnißvoll der Kutscher, „die Wildensteiner Comteß, welche unser Herr Baron damals fortbegleitete und die nie wiederkam. Aber sie sieht sehr ernst und blaß aus und der Herr nannte sie „gnädige Frau", wie jede andere Dame. Na, ich hab'« schon längst gesagt, daß es mit der Verlobung aus war."
Am nächsten Morgen ritt der Baron schon zeitig nach dem Wildenstein, wo er Alles in Angst und Schrecken traf, denn der Graf lag im Sterben.
„Wo ist Graf Rudolf?" fragte Hohenthal hastig. „Ich muß ihn sprechen."
„Im Krankenzimmer, der Arzt ist da," berichtete ehrfurchtsvoll ein Diener.
Im selben Moment traten der junge Graf und der Arzt auf den Corridor, ein Blick in de» Grafen entstelltes Antlitz sagte dem Baron genug.
„Es geht zu Ende," sagte dieser tonlos, „willst Du zu ihm, Eduard? '
„Nicht ich allein," entgegnete dieser erschüttert, „sondern — eine nahe Verwandte, die bei mir sich befindet. Darf fie kommen, Herr Doctor?"
„Gewiß," sagte dieser hastig, „wer weiß, wie lange die Besinnung noch anhält. Jedenfalls — sind die Stunden de» Herrn Grafen stark gezählt; bis zum Abend — mag Alles vorbei fein."
Als der Doctor sich verabschiedet, wandte sich Rudolf traurig an den Freund und sagte: „So — laß sie kommen, vielleicht ist es gut so."
„Und Du, Rudolf, bist Du unversöhnlich?"
Eine Weile blieb es still, des Grafen Hand bedeckte feine Augen, dann sank sie herab, sein Gesicht war reglos, wie aus Stein gehauen.
„Ja," gab er zurück, „ich habe gestraft — ich kann nichts zurücknehmen."
„Armer Freund! Nimm in Deinem Zimmer das Buch aller Bücher hervor, in welches eine edle Mutter sich eingeschrieben und schlage es auf; weißt Du, was darin steht? Selig sind die Bamherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!"
„Ich bin barmherzig, — aber ich kann nicht vergessen, was zwischen uns liegt," erwiderte Graf Rudolf.
Er ging nvt schleppenden Schritten und Hohenthal trat leise bei dem Sterbenden ein; sehnsüchtig blickte dieser zu dem Sterbenden auf.
„Wo ist sie?" fragte "er mühsam. „Sie haben mir versprochen, daß — sie kommen solle und nun — geht'» mit mir zu Tode, ohne daß Therese da ist."
„Sie ist da, Herr Graf. Sie fragt, ob fie kommen und Ihre Vergebung holen darf."
Da leuchtete ein heller Schein über das welke, farblose Antlitz des alten Herrn, die Vaterliebe brach siegend hindurch, und er stammelte, Thränen in den matten Augen: „Therese,


