Ausgabe 
6.4.1895
 
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Allerdings zm Gräfin Western, der Schwester Hohenthals."

Aber wollen wir uns nicht setzen, Herr Graf? Mama mnß jeden Moment wiederkommen."

Wildenstein zog sich schweigend einen Seffel hervor, dem schönen Mädchen gegenüber. Es lag wie ein Alp auf seiner Brust, der Patchouligeruch des Boudoirs betäubte ihn, Melanies Lächeln sah so spöttisch aus, und all' die Worte, welche er sich so oft zurechtgelegt, schwanden aus seinem Gedächtniß. Erst als nach einer Weile das mühsam gepflogene Gespräch zu stocken begann, raffte er sich auf und sagte feierlich:Sie wissen, gnädiges Fräulein, daß mich ein ganz bestimmter Grund hierher führt es gilt mein Lebensglück."

Ah, Sie machen mich neugierig, Graf; Reden Sie deut' sicher, wenn ich bitten darf."

Melanie," fuhr er leidenschaftlich auf,spielen Sie nicht Comödie; Sie wissen seit langer Zeit, wie es in meinem Herzen ausfieht, wissen, daß ich Sie liebe und nur durch Sie glücklich werden kann. Nun bin ich gekommen, Sie um Ihre Hand zu bitten."

Er schwieg athemlos, tief erregt, während Fräulein von Roden sehr kaltblütig mit den Schleifen ihres blauseidenen Kleides spielte.

Aber, bester Graf," sagte sie nach einer Weile zögernd und anscheinend sehr unbehaglich,wie können Sie nur daran denken, eine solche Frage an mich zu richten? Sind Sie denn der Einzige in der Residenz, der nicht weiß, daß daß ich mich verlobt habe?"

Graf Rudolf meinte nicht recht gehört zu haben, aber ihre Worte fielen langsam, deutlich von ihren Lippen, sie wies auf den funkelnden Brillant am Finger der linken Hand.

Ich weiß von nichts," gab er rauh, athemlos zurück, ich habe nichts gehört, denn der Jammer in unserer Familie hat mich bisher völlig absorbirt."

Ich bin seit mehreren Tagen Fürst Porscus Braut," lächelte Melanie kokett,und bitte nur um Entschuldigung, wenn bei all' dem Wirrwarr die Anzeigen noch nicht bei Ihnen abgegeben wurden. Sie zürnen doch nicht darüber?"

O nein," sagte Wildenstein eiskalt und erhob sich,ich zürne nicht. Ich wünsche Ihnen alles Gute, gnädiges Fräu­lein, aber Therese hatte Recht, als sie meinte, Sie besäßen kein Herz, sondern nur viel Berechnung! Leben Sie wohl, hoffentlich sehen wir uns nie wieder, denn durch Sie habe ich den Glauben an Frauenliebe und Treue verloren."

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Vier Jahre sind vergangen, vorübergerauscht in die Ewig­keit, und wie Vielerlei hat sich geändert! Graf Rudolf von Wildenstein hing den bunten Rock an den Nagel und wurde Landwirth, er schaffte den Pächter ab und bewirthschaftete das Gut für seinen Vater mit der größten Umsicht und Energie. Was ihm an Erfahrung abging, ergänzte Baron Hohenthal, dessen Besitzung ja an diejenige Wildensteins grenzte und mit dem ihn treueste Freundschaft verband.

Rudolf war sehr ernst geworden, nachdem sein holdester Jugendtraum jäh und mitleidslos zerrissen, und so blieb es denn still und eintönig in dem großen, alten Grafenschlofle. Das Helle Mädchenlachen von ehedem war verklungen, das heitere, gesellige Leben vorüber aber der Wappenschild der Wildensteiner zeigte keinen Flecken.

Die Gräfin hatte sich nie von dem Schlage erholt, den sie beim Abschiede der Tochter vom Schicksal erhalten, sie kränkelte fortwährend und als vor nun fast zwei Jahren eine große Typhusepidemie im Dorfe auftrat, war die Gräfin das Opfer derselben. Ihre Krankheit war kurz, aber entsetzlich; mitten in den heftigen Fieberanfällen hörte die pflegende Dia- conissin wieder und wieder die jammernden Worte:Therese mein Kind! Mein Liebling!"

Gatte und Sohn wichen nicht aus dem Krankenzimmer, sie scheuten nicht die Ansteckung, sie wollten bis zuletzt die Theure sehen, denn daß keine Hoffnung war, sahen selbst die Laien. Und endlich ging die arme Dulderin ein in den ewigen

Himmelsfrieden, tieferschüttert knieten die Ihrigen am Todten- bett; sie dachten wohl Beide im Innern an Diejenige, die jetzt hier fehlte und die so fern von dem Vaterhause weilte.

Baron Hohenthal hatte, als die Krankheit der Gräfin eine schlimmere Wendung nahm, an Therese geschrieben, deren Mann noch immer in Rußland engagirt war; nach dem Ein­tritt des Todes telegraphirte er sofort, es war feine Pflicht als ihr einziger Freund in der Heimath! Umgehend erhielt er abermals ein Telegramm:Bitte, bringen Sie Mama von mir einen Kranz! Therese."

Er that es; am Tage der Beisetzung brachte er, nachdem seine eigene Blumenspende bereits abgegeben, einen wunder­vollen Kranz zartester Gardenien und legte ihn der Verklärten auf's Herz.

Es ist das letzte Liebeszeichen Therefens," sagte er leise, tieferschüttert zu Graf Rudolf, der einigermaßen erstaunt diesem Beginnen zusah;laß die Blumen liegen, Freund, ste ver­düstern Dein Wappenschild nicht, denn die Liebe allein hat sie gesandt."

Und der Graf nickte nur schmerzlich; Niemand sah, wie seine Hand späterhin über die Blumen glitt, Niemand ver­nahm den bebenden Laut von seinen Lippen:Therese!"

Seitdem war Jahr und Tag vergangen und nun mit dem beginnenden Frühling fing auch der alte Graf an, zu kränkeln.

Er wurde schwächer und hinfälliger, die Füße versagten ihm den Dienst und endlich mußte man ihn im Rollstuhl hinausfahren, um die milde Mailuft einzuathmen. Der Arzt erklärte das Leiden für Wassersucht und meinte, Hoffnung sei kaum noch vorhanden, den Patienten noch ferner zu erhalten, doch könne sich der jetzige Zustand noch Tage und Wochen hinziehen.

Auch diesmal schrieb Baron Hohenthal sofort an Frau zur Stetten und zwar mit der Bitte, sogleich zu kommen, um den sterbenden Vater wiederzusehen und sich wenn möglich mit ihm zu versöhnen.

Eines Tages kam er auf den Wlldenstein und suchte Rudolf auf, einen Brief in Händen haltend.

Mein Freund," sagte er ernst und bewegt,ich bringe Dir eine Nachricht, die vielleicht uns Allen ein Segen werden kann. Du weißt, daß Dein Vater nicht mehr lange zu leben

Ich weiß es," bestätigte Rudolf düster,er ist heute nicht mehr aufgestanden, sondern liegt im Bette, die Schwäche nimmt erschreckend zu."

Der Arzt wies darauf hin, daß man die nächsten Anverwandten herbescheiden müsse," sagte Hohenthal leise.

Wir haben keinen solchen!" fuhr Rudolf heftig empor, aber der Baron legte mit ernstem Blick seine Hand auf des Freundes Arm.

Du hattest einst eins Schwester," sagte er schwer betonend,oder solltest Du es ganz vergeffen haben?"

Nein ich weiß es noch wie heute! An dem Tage, da sie für uns starb, hat meine Hand ihren Namen durch­strichen in der Geschlechtstafel es gibt lerne Co Meß Wllden­

stein mehr I"

Rudolf Du bist furchtbar in Deiner starren Con- fequenz!"

Meinst Du, ich habe es grollend wie ein Schulbube gethan? Nein, Eduard, es ist mir sehr schwer geworden, mich von Therese loszusagen, und was ich in jener Nacht empfand und litt, weiß nur Gott allein."

Und Du meinst, er, der Allgütige, habe Deine That gebilligt? Bist Du denn glücklicher geworden mit Deinem fleckenlosen Wappenschild, als sie, die einen aufopfernden liebenden Gatten besitzt und ein fast dreijähriges Kind?"

Augenscheinlich überrascht hörte Graf Rudolf zu, dann aber sagte er fest:Wozu alte Schmerzen von neuem auf­wühlen, Eduard? Du wolltest mir eine Nachricht bringen?

Sie hängt mit den Angelegenheiten Theresens zusammen. Lies diese Zeilen!"