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Wi amilk’R^läfkr
LluterhaUungsblaN jum Gießener Adriger (Oeneral-An?eiger).
Unebenbürtig.
Roman von H. von Ziegler.
(Fortsetzung.)
Rudolf stöhnte qualvoll, seine Lippen preßten sich auf ihre Wangen, ihre Stirn, Thränen standen in seinen Augen, dann machte er sich plötzlich rauh von ihr los. „Geh' hinaus zu ihm, den Du uns vorzogst. Ich habe keine Schwester mehr, aber ich werde ihrer dennoch voll unendlicher Liebe gedenken — wie einer Tobten I"
„Rudolf," sagte fie sanft, innig, „auch das ist mir genug. Ich werde zu Gott beten, daß er uns doch noch einst auf Erden zusammenführt."
„Nimmermehr," unterbrach er sie scharf, „hast Du ver- geffen, daß ich gestern erklärte, an dem Tage, da Du Deine Grafenkrone niederlegst, um den Namen jenes — Sängers anzunehmen, werde ich Dich streichen aus der Stammtafel der Wildensteiner."
Vor dem flammenden Blick seiner Augen brach fie zusammen, gerade als unten ein Wagen vorfuhr; gleich darauf trat Hohenthal ein, sich tief wie vor einer Fürstin verneigend.
„Es ist Zeit, Comteß," sagte er ruhig, obschon seine Lippen bebten, „darf ich um Ihren Arm bitten? Lebewohl, Rudolf, Du kommst doch bis zum Wagen mit — der Leute wegen I"
„Ich komme," sagte der Gras klanglos und nun war er'«, der noch einmal zur Schwester trat und sie küßte. „Lebe wohl, ich habe Dich unendlich geliebt — und werde Dich nie vergeffen."
Schweigend schritten fie die breiten Treppenstufen hinab, es war der lebende Leichenzug der Tochter der Wtldensteins. Drunten half Hohenthal der Gräfin beim Einsteigen und schüttelte nochmal« Rudolfs Hand. „Gott helfe uns Allen!" sagte Hohenthal beim Abschied, dann zogen die Pferde an, regungslos wie eine Statue stand der Graf, und Therese hatte da« Vaterhaus für immer verlassen. Droben hinter den Vorhängen de» Wohnzimmers lehnten die Wtldenstein'schen Gatten, wortlos aufgelöst in Schmerz und Jammer.
„Lebe wohl," murmelte die Gräfin erschüttert, „o,^m»ine
Therese, mein liebes Kind, muß ich Dich lassen, ehe der Tod meine Augen bricht! Alexander, wie soll ich den Schlag überwinden?"
„Mit Gott und meiner Liebe," entgegnete der Graf, ihr mildes, schmerzzuckendes Antlitz an sich pressend; „ich kann nicht anders handeln, wenn auch mein Herz beinahe bricht z/ — ich bin’» meinem Geschlechte schuldig." z
„Horch," unterbrach ihn seine Gemahlin mit versagender/^ Stimme, „der Wagen — rollt davon — sie ist fort!" ——
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Das Haus des Grafen von Wilbenstein war in den folgenden Tagen recht still geworden; die Gräfin lag an einer heftigen Gehirnentzündung schwer krank darnieder und zwei ' Aerzte boten all' ihr Wissen auf, fie am Leben zu erhalten. Erst nach langen bangen Tagen und Stunden wich die Gefahr — mit völlig weißgewordenem Haar verließ fie dar Krankenzimmer, zu lächeln vermochte sie nie wieder!
Auch Rudolf war ein Anderer geworden; er vermied das Zusammensein mit den Kameraden und Standesgenoffen, schon um deren Fragen nach seiner Schwester zu entgehen- Ruhelos schritt er oft stundenlang in seinem Zimmer umher, und ein zauberschönes Frauenbild mit rothflimmerndem Haar stand lockend vor ihm. „Sie hat kein Herz," murmelte er vor sich hin, „und dennoch liege ich in ihren Landen — vielleicht kann sie allein dis Wunde heilen, welche in mir blutet."
Und dann am Tage, nachdem seine Mutter zum ersten Male aufgestanden war, legte er Gala an und begab sich sporenklirrend in die Wohnung der Frau von Roden. „Die gnädige Frau ist nicht zu Hause, nur da« gnädige Fräulein," hieß es — und er war gar nicht unzufrieden darüber. Alder Diener in den Salon ging, um ihn zu melden, tönten leHte, tändelnde Melodien ihm entgegen und er hörte Melanie« Stimme: „Äch, sehr angenehm, ich lasse bitten."
Gleich darauf stand er vor ihr und sie neigte lächelnd das rothflimmernde Köpfchen zum Gruße.
„Steht man Sie auch einmal, Graf Wildenstein? Man meinte schon, Sie seien verschollen au« unserer Mitte, denn Niemand von Ihnen Allen ließ sich sehen."
„Meine Mutter war sehr krank —"
„Und Therese ist so plötzlich verreist, wie ich höre?"


