575
Zrub sehr kühl und fragte dann: „Haben Sie wi-der «ah Straßburg geschrieben?" *
»Ja, Mademoiselle!" lautete die Antwort.
„So kehren Sie wohl bald wieder dahin zurück?*
»Ich denke; einmal muß es ja doch sein!"
Da blickte Salomea vom Salaipffücken auf und meinte bedeutungsvoll: „Ihre Studien machen es ja nSthig, denn es Ede i wohl Zeit, an Ihre zukünftige Lebensstellung zu
Warum verwundete dieses Wort Wolfgang so tief? — O, er hatte diese Anspielungen jetzt satt, vollauf satt! Er sah fich im Geiste schon als Amtmann eines kleinen Dorfes, die kleine, kugelrunde Gattin am Arm und — lachte laut auf • aber dieses Lachen klang wie Hohn und Selbstpeinigung! '
Ec verließ den Garten schweigend und ging an anderen Anlagen dieser Art vorüber. Nicht weit ab fand er einen Burschen an einer Rosenhecke, welcher derselben durch Um- graben des Erdreiches Luft machte.
»Was treibt Ihr da?" fragte Wolfgang.
„Et," lachte der Bursche, „ich helfe der Rosenhecke nach, bre der Großvater selig einst gepflanzt. Hei, wie das in der Jugend grünte und blühte und jetzt, es will nicht fort, feit* 6em Alles in der Fülle erstickt!" '
Wolfgang nickte und ging, indem er murmelte: „Nein, nein, nur nicht als Amtmann eine» Dorfe« an der Fettsucht ersticken!“
Er kam an den Kirchhof. Nur der Todtengräber war darauf, sonst kein Mensch. Der Alte schaufelte ein Grab und sang dabei sein Liedchen:
„Was nützt mir das Leben, Bringt's mir keine Ehr'? Da könnt Freud' mir geben Auch Liebe nicht mehr! Heidudeldo, heidudeldo, Holdriodriodrioho!"
Da trat Wolfgang hinzu und fragte: „Ihr grabt wohl ein Grab, Alterchen?"
Der Todtengräber stützte sich auf da» Grabscheit. „Ja!" sagte er. „Ein Grab freilich, Herr!"
„Und für wen?"
„Ei, für die Jungfer vom Nußhof! Sie hat das Güte von ihrem Vater selig geerbt! Einst hatte sie sich al» junges Ding holterdipolter mit einem neugebackenen Schullehrer verlobt. Da das junge Herrlein aber sah, daß sich gebildet und ungebildet nicht verträgt, ging er! Da dachte Jungfer Ilse denn, daß sie gleich vor Kummer sterben müßt', aber e» stirbt sich nicht so leicht! Sie ist mittlerweile vierundachtzig geworden, Herr; ja, meiner Seel, volle vierundachtzig I"
Wolfgang gab dem Alten einen Specierdrittel, sagte Ade und ging.
Unterwegs murmelte er leise: „Es muß sein! Ich fühle es, daß ich nicht dazu geboren bin, zwischen all' der Freundschaft hier al» Vetter Amtmann zu verbauern. Mache ich'«, wie der gescheidte Schullehrer! Also fort!"
Als er heim kam, war Friederike unsichtbar, der Pfarrer ausgegangen, die Pfarrerin und Mamsell Salomea schafften in der Küche. So ging Wolfgang auf sein Zimmer und schrieb an Salzmann den vierten Brief:
„Mein theurer Sokrates!
Nun wäre es wohl bald Zeit, daß ich käme! Wenn nur nicht die Gesichter um mich her wären! Die Welt ist übrigens so schön, wie ich sie lange nicht geseh'n. Ich befinde mich in einem Zirkel der liebenswürdigsten Mensche»; was will ich mehr? Sind die Träume meiner Kindheit nicht erfüllt? Aber man ist nicht um ein Haar glücklicher, wenn man erreicht hat, was man wünschte! Doch die Zugabe, die Zugabe, Freund! Es gehört diel dazu, in der Welt glücklich zu werden! — In der Jugend pflanzte ich Kirschbäumchen und wartete ungeduldig, daß sie Früchte tragen sollten. Aber da fraßen sie mir ein Jahr die Spatzen weg, das andere Jahr kamen die Raupen dazwischen, das dritte Mal stahl mir ein diebischer Nachbar
die Früchte! Deshalb pflanzt mm aber doch wieder Bäum- chen und Gottlob giebt es noch so viel Obst, daß man satt wird.
Eigenllich wollte ich noch von einer Rosenhecke er» zählen; doch da es zu spät werden möchte, schicke ich Ihnen nur noch Grübe, denn bald ist wieder bei Ihnen
Ihr Wolfgang Goethe."
Erst zur Tischzeit sahen sich die Liebenden. Wolfgang nahm Friederike sogleich bei der Hand, führte sie zu dem Fliederbusch im Garten, wo sie so oft Hand in Hand der Nachtigall zugehöct und sagte: „Sie flötet uns heute da« Abschiedslied!"
„Du willst scheiden?" fragte sie erschreckt.
„Einmal muß ich doch an die regelmäßige Aufnahme meiner Studien wieder denken, Herzlieb!" entgegnete Wolf, gang. „Diese Unthätigkeit drückt mich moralisch zu Boden!*
»Du magst Recht haben!" gab sie bedrückt zurück.
Sie blieb still und in sich gekehrt, sonst aber ebenso lieb wie früher. Dieses sanfte, engelgleiche Wesen konnte Nie. mandem zürnen, am wenigsten dem Freunde, der sie jetzt so schnöde verlassen wollte. Sie war es vielmehr, welche Wolfgang über da« Peinliche dieses Abschiedes durch eine heitere Einleitung bei Tisch weghalf, wobei sie ihren Schmerz tapfer verbiß.
Wolfgang blutete bei dem Anblick das Herz, aber er blieb fest und reiste anderen Tages ab.
VI.
Nachtfröste.
Siehe die Blüthe am Baume, herrlich entfaltet im Frühlina; Doch schau, der Frost einer Nacht hat sie, wie bald ach, geknickt!
Den verstört zurückkehrenden Goethe berührte die plumpe Zutraulichkeit seiner Wirthin doch angenehm, als sie ihn knixend willkommen hieß und ihm mittheilte, wie viele Men- scheu täglich nach ihm gefragt hätten.
Er brachte zunächst in seine Sachen einigermaßen Ord. nung, kleidete sich dann um und empfing mit Entzücken einen gar lieblichen Besuch: Salzmann war da.
„Mein lieber Sokrates," tief Goethe, den Ankömmling umarmend, aus, „Gott fei Dank, daß Sie da sind! Wie habe ich mich doch darnach gesehnt, mich mit Ihnen frei anssprechen zu können!"
Goethe sah mit seinem Lockenkopf — er trug keine Perrücke — entzückend aus.
Der Actuar streichelte ihn liebevoll und sagte dann: „Ihre Farbe ist schlecht, ja, miserabel, Wolfgang!"
Goethe ließ den Kopf hängen und entgegnete: „Ja, ja, es ist die Folge der heftigen Seelenkämpfe I Ach, mein Lieber, wie bin ich unglücklich!"
„Unglücklich? Bei Ihrem Alter, Ihrer Zukunft und der Liebe des besten Mädchens sicher?"
„Das ist's ja eben," entgegnete Wolfgang, „diese Liebe ängstigt mich! Wohl kenne ich den strengen Vater; nie würde er seine Einwilligung zu dieser Verbindung geben, die mich einer zahllosen Vetterschast auf dem Lande überantworten, meine Talente opfern, meine Zukunft untergraben hieße! Und wie ich es jetzt übersehe, hätte er auch Recht! Die Liebe hält UNS zuerst in Bewegung wie ein Schaukelpferd; wir werden nicht Herr der Situation! Wird man sich dann über seinen Zustand klar und bewußt, überblickt man den bereits zurück- gelegten Weg und die Strecke zum Ziel, so ist e» gewöhnlich zu spät, umzukehren!"
„Für einen Verliebten phllosophiren Sie viel zu kühl, mein lieber Wolfgang!"
«Ich fühle da» selbst, mein lieber Sokrates! Eben deshalb glaube ich, daß Friederike nicht das Weib ist, welche» mir genügen könnte! Noch ist er Zeit, noch find wir Beide nicht gebunden! Sie sollen sie sehen und sprechen, mein Freund; Sie sollen mir sagen, was ich thun muß!"
(Fortsetzung folgt.)


