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Wolfgang hatte seinen Brief auf die Posthalterei getragen
Ein paar Worte sind doch immer mehr als nichts I Ich sitze hier zwischen Thür und Angel! Der Husten fährt fort, mich zu quälen; ich lebe nur halb und scheue mich deshalb auch, in die Stadt zu kommen. Die Welt ist so schön, so schön! Wer's nur genießen könnte! Ich bin manch- mal ärgerlich über mich selbst und halte mir Erbauungs- stunden über das Heute und die Lehre von der Glückselig» feit, wie sie gewiß mancher Professor der Ethik nicht besser —,----------- ... ...
vorträgt. Adieu, ich wollte Ihnen nur ein Wort schreiben l und fand Salomea im Garten. Sie erwiderte seine« Morgen-
Ob die Mäuler hiernach wirklich süßer geworden, ist wohl schwer zu sagen, denn acht Tage später sandte er dem ersten den nachfolgenden Brief hinterher:
„Mein lieber Actuarius!
klärung des jungen Herrn erwartet. War er zu blöde, meinte er es nicht ehrlich? Gleichviel, der Sache mußte auf die eine oder andere Weise ein Ende gemacht werden. So lautete Frau Maria Magdalenens Ansicht.
Herr Johann Jacob dachte anders.
„Laßt ihn nur in Ruhe,- bemerkte er; „es ist ein fett» samer Vogel; macht man den Versuch, ihn in einen Bauer zu schließen, so wird er kopfscheu und fliegt davon! Friederike ist die einzige, die ihn fesseln kann, den wilden Falken! Und da« wird sie! Nicht wahr, mein Kind?"
und für das Zuckerding« danken, Cie zugleich aber auch versichern, daß ich Sie liebe. Ihr
Wolfgang Goethe."
In diese Nacht fällt wieder etwa« Sonnenschein mit den hellen, nun folgenden Tagen. Hatte sich aber der Dichter in Goethe an Friederikens zauberischer Schönheit begeistert, so kam jetzt in ihm der Mensch wieder zur Geltung und de« Vater« drohende« Nein stieg wie schwarze Gewitterwolken an seinem Liebeshimmel auf. In dieser Zeit war es, als Wolfgang Friederike» folgende Widmung auf da« Nähtischchen
Er streichelte den Liebling des Hauses, das Mädchen j [egte: aber sagte: „Es ist wirklich gar keine Gefahr vorhanden, | „Erwache, Friederike,
liebe Eltern! Nach seiner Promotion wird Wolfgang schon | reden! Gewiß geniert e« ihn, ohne Stellung um Euren Segen Am Tag- gemach?
zu bitten!" I Der Vögel sanft Geflüster
Salomea sah die Mutter erstaunt an und meinte dann: 1 Ruht liebevoll,
„Wie richtig dieses Kind urtheilt! — So ist es, Mutter, I Daß mein geliebt Geschwister
und ich glaube nun Vieles anders zu sehen, was ich vordem | Erwachen soll,
ungünstig beurtheilte."
Leider hatte die Liebe diesmal nicht richtig gesehen, denn | Erwache! Unverzeihlich,
in Wolfgangs Herzen regten sich jetzt eben nicht geringe j Noch schlummerst Du!
Zweifel, ob Friederike wohl das Weib sei, welches seine | Horch, Philom-l-ns Kummer
Prometheusnalur zu fesseln vermöchte. Konnte sie, das ein» | £ Schlummer
fache Landmädchen, feine Muse bleiben, ihm, der um die I Nicht meiden will
Kränze des höchsten Ruhmes zu ringen bereit war? — Was I b $ häumcft
hatte ihm damals Herder, was fein Sokrates-Salzmann Schönst DÜ mein Md, '
gesagt? j Daß Du so lange säumest,
Jndeß, Wolfgang kehrte, dem süßen Hange folgend, gen | Die sonst so mild.
Sesenheim zurück und wurde herzlich wie immer ausgenommen. I Erröthen und erblassen
Ist aber das Mißtrauen zuerst einmal Gast an unserem Tische §?eJS verlassen
geworden, so stellt es sich öfter zur Tafel wieder em; das | Unb stärkt mich nicht,
empfand bald darauf auch Goethe. Die schwache Constitution aie Nachtigall im Schlaf-
Frtederiken« wankte unter den Aufregungen der letzteren Zeit I Hast Du versäumt,
bedenklich; der Gast sah ring« um sich her fragende und miß« I D'rum hör- nun zur Strafe,
muthige Gesichter, so daß sein Zustand fast ein unleidlicher I Was ich gereimt,
ward. Sollte er unter diesen Umständen gehen, sollte er | D^Reim-s^och 8u en
bleiben? — Zunächst machte er seinem gepreßten Herzen in I Die schönste meiner Musen,
einem Briefe an seinen Sokrates Luft. Er schrieb: j Du schliefst ja noch!"
„Mein lieber Sokrates! I Goethe riß sich gewaltsam empor, einen Entschluß zu
Unserem Herrgott zu Ehre» bin ich diesmal nicht mit I fasse». Bedeutete das strenge Gesicht der Pfarrerin nicht für der Psingstgefellschaft abgefahren! Mir geht'« freilich nicht I ihn eine Strafpredigt, war Salomeas Einst ihm nicht eine gut. Der Husten plagt mich sehr; das macht der Tanz! I Sectio», war Friederikens Traurigkeit nicht eine Anklage für Sie hätten aber auch sehen sollen, wie mein ganzes Ich I ihn? — Wolfgang fing an, herzlich wenig Respect vor sich im Tanze aufging! Meine Kleine fährt fort, krank und i selbst zu empfinden, wenn er fein Bild im Spiegel erblick^ traurig zu sein; das giebt dem ganzen Verkehr im Hause ! Ein« nur hielt ihn trotz des Aufruhrs in feiner Seele noch ein schiefes Aussehen, so daß es um mich herum nicht allzu | im Pfarrhause fest: die immer gleiche Heiterkeit und Freund» hell ist. Wenn Alles wäre, wie es fein sollte, so weilten I lichkeit des kleinen Pfarrherrn, der dem jungen Dichter sei» Sie ganz gewiß auch hier I Da dem nun aber nicht so ist, | ganzes Zutrauen geschenkt hatte und e« auch jetzt nicht verlor, so schreiben Sie mir bald und legen Sie auf mein» Rech- | In dieser Stimmung richtete et den brüten Brief an nung eine Schachtel mit zwei Pfunden guter Zuckerbäcker- | Salzmann, welcher hier folgt: wese» bei, rote sie Mädels gern essen, damit sie zu süßeren ] . Iiebe, Vunillen-Secretär!
Mäulern Veranlassung geben, wie ich seit einiger Zeit Ge- "^tn lteBer
sichtet zu sehen gewohnt bin. Der Kopf stcht mir wie eine | » Imm* unb »^1-^0«
Wetterfahne, wenn ein Gewitter Heraufziehen will. | ""W i? ben Rebblättern atn Fenster. Jch in
Adieu, mein guter Sokrates! Leben Sie wohl; Sie Wetterfähnchen auf dem Kirchthurm und drehe mich de» soik-n firtih nnn mir büren!! I ganzen Tag; unter den Mädchen hier fürchte ich noch selbst
Wolfgang Goethe" | Mädchennatut anzunehmen! Doch lerne ich schön Griechisch
1 so daß ich den Homer fast ohne Uebersetzung lese. Ich weiß nicht, was ich thnn soll 1 Wenn Sie sie sehen könnten, wenn ich Ihre Meinung wüßte! Wenn uns die Ehre Pflichten auferlegt, so giebt es doch heiligere Gebots und ich habe vor dem vierten allezeit gewaltigen Respect gehabt, obwohl'- in der Schrift heißt, man solle Vater und Mutter verlassen, um an seinem Weibe zu hangen. Behüt' mir Gott meine liebe Eltern, behüt' mir Gott meine liebe Schwester, behüt' mir Gott meinen lieben Actuarius und alle frommen Herzen. Amen! Ihr
Wolfgang Goethe.
Es wat am andern Tage früh.


