UnterlMungsdLatt MM Gießener Anzeiger (General-Ameiqer)
1895*
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Dichterfrühling.
Historische Original-Novelle von Carl C ass au.
(Fortsetzung.)
Dann verfiel man auf den Tanz, das Hauptvergnügen der goldenen Jugend. Rasen war genug vorhanden und wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen. Weyland kam bald auf den guten Gedanken, des wackeren Dorfschulmeisters Geige zu erborgen, ein Violinkundiger fand stch auch unter den jungen E Leuten und da ging's, heiffa, lustig Herl Da wollte es denn I das Glück, daß fünf lustige Schnurranten mit ihren Jnstm- I menten durch'« Dorf zogen, um stch ihr Abendbrod zu er» | blasen. An sie machte stch der Alte von Rischwoog, nahm l sie gegen Zahlung eines artigen Douceurs in speciellen Dienst und stellte der Gesellschaft, da Frau Maria Magdalena gegen einen Tanz im Pfarrhause, als deflen Ehrbarkeit nicht entsprechend, protestirte, seinen Saal in Räschwoog zur Ver- ■ fügung, wo man besser als auf dem Rasen walzen könne.
Da wanderte denn die ganze Gesellschaft fast eine Stunde weit unter Scherzen, Lachen und Liedern nach Räschwoog, wo die Festlichkeit auf Kosten des urbanen Hausherrn nut Essen und Trinken, vor allem aber mit Tanzen fortgesetzt wurde.
Wolfgang selbst tanzte leidenschaftlich und da Friederike ihrer zarten Gesundheit wegen nur einige Tänze wagen durste, so drehte stch Goethe mit der gewandten Salomea bis Mitternacht im Saale herum, wodurch er sich bei dem guten Mädchen einen großen Stein in's Brett setzte.
In der Stille des folgenden Morgens dichtete Wolfgang Goethe damals an Friederikens Seite an dem Abhangs des Hügels vor Sefenheim gelagert, wo man die schönste Aussicht nach Drusenheim und dem Rhein hat, sein herrliche» Matlied:
„Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne, Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüthen Aus jedem Zweig, Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch.
Und Freud' und Wonne Fühlt jede Brust! O Erd', o Sonne, O Glück, o Lust!
O junge Liebe, So golden schön, Wie Morgenwolken An jenen Höh'n!
Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blüthendampfe Die volle Welt!
O, theure» Mädchen, Wie lieb' ich Dich! Wie blickt Dein Auge, Wie liebst Du mich!
So liebt die Lerche Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft, Wie ich Dich liebe Mit heißem Blut, Die Du mir Jugend Und Freud' und Muth Zu neuen Liedern Und Tänzen greift Sei ewig glücklich, Wie Du mich liebst!"
Wie war da die Brust hoch geschwellt!
Aber der Rückschlag sollte nicht ausbleiben.
Zuerst stellte sich nach diesen Extravaganzen Uebelbefinden, Schnupfen, Husten und böse Laune bei Wolfgang ein, denen stch quälende Sorgen um die Doctorpromotton, zu welcher der Herr Rath wiederholt angetrieden, gesellten. Zwar ließ Goethe seine Bücher nach Sefenheim holen und studirte vielfach seine Pandekten, aber ein geordnetes Studentenleben war das nicht. Sefenheim schien seine Heimath zu sein, nach Straßburg kehrte er nur zeitweilig seiner „wunderlichen Studien" wegen zurück.
Bei einer solchen Abwesenheit Goethens hielten Brivns einen Familienrath wegen Friederikens, ihren Liebling, ab. Natürlich hatte sie den Eltern als gehorsames Mädchen ge- beichtet und die Pfarrerin hatte jeden Tag eine reelle Er-


