Ausgabe 
5.11.1895
 
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Meisen zu den nützlichsten aller unserer einheimische« Bügel gezählt werden müssen, die daher auch mit Recht verdienen, von allen Menschen in den größtmöglichsten Schutz genommen zu werden.

Aber wie dankt man noch oftmals den Meisen die überaus großen Dienste, die ste in jedem Jahre den Menschen durch Vertilgung von Millionen und abermals Millionen schädlichen Ungeziefers erweisen? Es gibt leider noch eine ziemlich große Anzahl roher und gefühlloser Menschen, die denselben die Nester ausheben, die alten Meisen im Wmter vermittelst Fallen und Leimruthen häufig wegfangen, ohne dabei gar nicht zu bedenken, daß ste durch ein solche» ab» scheultche Verfahren dem Haushalte der Natur einen entsetzlich großen Schaden zufügen, den ich doch oben so klar und deutlich bewiesen habe, daß ich e» nicht mehr nöthig habe, e» hier nochmals zu wiederholen. Es gibt aber auch, Gott sei Dank, noch viele gute, edle Menschen, die ein warme«, mit* leidiges Herz für alle nützlichen Vögel im Busen tragen, und diese versäumen gewiß nicht, denselben für die erwiesenen Wohlthaten einigen Dank abzustatten. Ganz besonder» bietet der strenge Winter dazu Gelegenheit, denn wenn die Erde mit tiefem Schnee bedeckt ist, wenn alle Bäume, Gebüsche und Sträucher dick mit Reif und Duft überzogen find, dann gerathen die Messen und auch anvere überwinternde Vögel in die größte Noth, die ste dem gräßlichen Hunger* tode preisgibt. Jetzt ist es hohe Zeit, denselben auf Futter­brettern ober sonst geeigneten Futterplätzen täglich, reichliche Nahrung zu gewähren, die bestehen kann au« Hanfsamen, vermischt mit geschältem Hafer, Lein-, Mohn- und Rübsamen, au« Sonnenblumensamen, au« kleinen Speiseresten von Fleisch, die für die Meisen wahre Leckerbissen find, au« Aepfel* und Birnkernen, aus zerhackten, frischen Knochen, in denen da« Mark bloß gelegt ist, au« Abfällen bei Dreschmaschinen, au« kleingeschnittenen Nußkernen, au« geriebenem, trockenen Schwarz« brod oder Semmeln, aus gequellten, zerdrückten Kartoffeln, aus Talg, aus getrockneten Wachholder*, Vogel* und Hollunder­beeren u. f. w.

Die Blau- und Kohlmeise find Höhlenbrüter, und da aber die Herren Forst- und Landwirthe unter den hohlen Bäumen immer noch gewaltig aufräumen, so ist bei den benannten Vögeln große Wohnungsnoth eingetreten; es fehlt denselben an natürlichen Brutstätten, die wir ihnen, als Hauptsache be­trachtend, sofort durch künstliche Nistkästchen in großer Anzahl gewähren müssen. Die Nistkästchen werden in verschiedenen Größen angefertigt, die für Meisen 18 Centim. hoch, 7 bis 8 Centim. weit, Flugloch 2V2 bis 3 Centim. (also möglichst eng, damit fich nicht Spatzen eindrängen), und dieselben find an Baumstämmen ober dicken Besten, die fich vom Winde nicht zu leicht bewegen lassen, 2 bis 3 Meter hoch fest anzubringen. Mancher Landmann hält vielleicht das Aufhängen van künst­lichen Ntstkästchen durchaus nicht für so dringend nöthig, weil er steht, daß sich namentlich unter seinen alten Obstbäumen immer nach eine große Anzahl befinden, die hohl sind, und kein Mensch die Meisen daran hindert, ihr Nestchen da hinein zu bauen. Ich möchte nun darauf bemerken, daß diese Löcher in der Regel viel, viel zu groß sind, daß sie durchaus nicht gegen Regen geschützt und daß die Aushöhlungen viel zu weit nach unten gehen. Jedoch mit leichter Mühe kann hier, um den Meisen recht zweckmäßige, billige Wohnungen zu verfertigen, helfend eingegriffen werden. Man fülle die zu tiefen Löcher mit Sand ober trockener Erde aus und nagele ein feste« Brett darüber, das oben mit einer runden, kleinen Oeffnnng (2Va bi« 3 Centim. weit) versehen ist. lieber dieser Oeffnung bringt man ein Brett in schiefer Richtung al« Wetterdach an, unter derselben wird ein kleine« Hölzchen zum Anklammern wagrecht befestigt, und wenn nun vielleicht nach Ritze vorhan­den sind, so verschmiert man dieselben sorgfältig mit Glaser­kitt ober einer sonstigen haltbaren Masse. Werben bann noch die Brettchen am besten mit grauer Oelfarbe angestrichen, so find dieselben auf lange Zett haltbar und dauerhaft, und wenn

da« kleine Werk glücklich vollendet ist, f« hat man, wie man zu sagen pflegt, zwei Mücken mit einer Klappe geschlagen, denn da Regen und Schnee in den hohlen Baurn nicht mehr eindringen können, so ist gewiß durch diese» nützliche Werk da» gefährliche Fortschreiten der Fäulniß verhindert, und e» gibt dabei zugleich einem Paar nützlicher Vögel sichere Gelegenheit zum Risten.

Die Meisen haben sich in der That sehr vermindert, denn in dem vergangenen, strengen Winter find sehr viele elmdiglich zu Grunde gegangen, und ich bitte daher, um eine Vermehrung derselben herbeizuführen, wieder freundlichst meine verehrten Herren College», ihren Schulkindern und auch allen Erwachsenen die große Nützlichkeit der Meisen recht eindring­lich vor die Augen zu führen. Dieselben werden fich auch gewiß dann veranlaßt fühlen, die Meisen und auch die sonst nützlichen, überwinternden Vögel in der oben angegebenen Weise zu pflegen und zu hegen.

Gießen, im November 1895.

H. Curschman«, Lehrer i. P.

Literarische»

SitkKfamtnlltni in. Heft. Zehn Lieder für eine hohe Eingstimme mit Begleitung des Pianosorte. Verlag von Siegismund u. Volkening in Leipzig. Preis 1,50 Mk. Das vor uns liegende dritte Heft dieser prächtigen Liedersammlung enthält zehn Lieder für eine hohe Stimme und zwar hervorragende Compositionen von Julius Püschel, Robert Graner, I. W. Kalliwoda (das herrliche Lied: Wenn sich der Geist auf Andachtsschwingen zum Himmel hebt), Jos. Aben­heim, Franz Abt, Arthur Schott, sowie von Friedrich Curschmann, Robert Schumann und Friedrich Silcher. Wie schon in den beiden ersten Heften, welche für tiefe Stimme berechnet sind, so finden wir auch in diesem dritten Hefte eine Auswahl sehr ansprechender Lieder vorzüglicher und namhafter Tondichter vereinigt und nehmen gern Veranlassung, diese Liedersammlung, welche fortgesetzt werden wird, allen Freunden des edlen Gesanges hiermit angelegentlichst zu empfehlen. Die Lieder sind auch einzeln und in tiefer Stimmlage zu haben.

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In ein überaus prächtiges Gewand hat zu Be­ginn des neuen Jahrganges 1896 die Großfolio-Ausgabe der illustrirten Familienzeitschrift »Uever Land tttt> SReet' (Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart) sich gekleidet, und mit der schimmernden Augenweide ver­bindet sich ein auserlesener Inhalt. Schöpfungen zweier unserer be­rühmtesten Dichter eröffnen den Jahrgang: die NovelleAbenteuer eines Blaustrümpfchens" von Paul Heyse undMaximum," Roman aus Monte Carlo, von Ossip Schubin. Hierzu gesellt sich in dem uns vorliegenden ersten Hefte ein reichhaltiges Feuilleton, das, aus der frischen Gegenwart schöpfend, dem Namen der Zeitschrift in vollem Maße entspricht, indem es die Leser durch die verschiedensten Gegenden der bewohnten Erde geleitet. Besondere Beachtung dürfte ein Aufsatz über Conrad Ferdinand Meyer finden, der, von Abbildungen begleitet und dem berühmten Dichter zu seinem 70. Geburtstage huldigend, ganz neues Licht auf sein Leben und Schaffen wirst; ferner der Artikel Neue Goethe-Bilder," der uns in den Familien- und Freundeskreis des Altmeisters versetzt und manches Porträt vorführt, das hi r zum ersten Male in der Wiedergabe erscheint. Abgesehen von diesem farbig getönten Tableau, bringt das Heft eine Folge polychromer Darstellungen, die als Musterleistungen der Technik gelten müssen. Neben dem doppel­seitigen KunstblattÜeberraschung" nach dem Gemälde von Paul Thu­mann, das, in den Rahmen gefaßt, einen hervorragenden Wandschmuck bilden wird, finden wir ein reizvolles Blumenstück:Oleander" von Katharina Klein, ferner ein drolliges Genrebildchen von M. Wunsch, endlich auch im Text noch eine Reihe farbiger Abbildungen, ganz zu geschweigen von der Menge der übrigen Illustrationen, alle in technischer Vollkommenheit ausgeführt. Ein erhöhtes Interesse beansprucht auch die AbtheilungZeit und Leben," die auf zwei Tafeln die Porträts von 26 deutschen Prinzen und Prinzessinnen nach neuster photographischer Aufnahme veranschaulicht also ein Stückchen genealogischen Kalenders im Bilde. Bis auf den Umschlag erstreckten fich die glücklichen Neuerungen der Heftausgabe vonUeber Land und Meer." Ebenfalls farbig ge­tönt, zeigt er in idealisirter Gestalt die moderne Fama, die, den Griffel in der Hand, gespannten OhreS lauscht, was ihr von fern und nah die Genien von bemerkenswerthen Dingen zutragen. So erscheint im 38. JahrgangeUeber Land und Meer" in verjüngter und wesentlich vervollkommneter Gestalt. Allen unseren verehrlichen Lesern empfehlen wir, sich das erste Heft von der nächsten Buchhandlung kommen zu lasten, um sich von dem, wasUeber Land und Meer" für seinen billigen Abonnementspreis (3 M. 50 Pfg. vierteljährlich, 60 Pfg. für das Istägige Heft) bietet, selbst zu überzeugen.

Redaktion: A. Eck-hda. Druck mrd Verlag ta «rithl'fchm UniverfitLtS-Bvch- ** (Pietsch & Schechd») in Gießen.