lichen alten Weines, und da man sich überdies kaum einen angenehmeren Platz zum Speisen denken konnte, als die schattige Veranda mit ihrer schönen, wetten Aussicht über den menschenbelebten Strand und das blahblaue Meer, so vermochte selbst die kühle Zurückhaltung seine» Hausgenossen der heiteren Stimmung Georgs keinen Abbruch zu thun.
Welchen Eindruck sein munteres Geplauder auf Abraham Norton machte, ließ sich bei der undurchdringlichen Gleichmäßigkeit dieses faltigen Dankeegestchts nicht erkennen.
„Vielleicht hält er mich für einen langweiligen Schwätzer." dachte Georg, als es ihm durchaus nicht gelingen wollte, dem Anderen auch nur ein flüchtiges Lächeln abzugewinnen. „Einen besonders amüsanten Stubennachbar scheint mir der Himmel da allerdings nicht gerade bescheert zu haben. Versuchen wir's also, von geschäftlichen Dingen mit ihm zu reden."
Er fragte nach Diesem und Jenem und er hatte die kleine Genugthuung, daß Norton jetzt in der That um ein Geringes mittheilsamer wurde. Ganz zufällig fiel im Laufe des Gesprächs auch der Name Herbert Elmsley und er war, als wäre dabei ein electrischer Strom durch die Glieder des jungen Deutschen gefahren.
„Herbert Elmsley — der englische Consul? Er ist also ebenfalls Kaufmann?"
„Ja. Er ist Theilhaber der bedeutendsten Firma am hiefigen Platze und auch ohne seine amtliche Eigenschaft würde er eine sehr geachtete und angesehene Persönlichkeit in Yokohama sein."
„Danach besitzt er vermuthlich ein recht bedeutendes Vermögen ?"
„Es zählt sicherlich nach Millionen. Und daß er vielleicht etwas zu stolz ist auf seinen Reichthum, darf wohl al» seine einzige Schwäche gelten. Uebrigens müssen Sie ja unterwegs die Bekanntschaft seiner Familie gemacht haben, die ebenfalls mit der „Affyria" ankommen sollte."
„Seiner Familie — das heißt: seiner Schwester und seiner Nichte, der holdseligsten, reizendsten und liebenswürdigsten jungen Dame, die zu dieser Stunde auf japanischem Boden weilt."
Mit einem raschen, forschenden Blick sah Abrabam Norton zu dem Sprechenden hinüber. Georg aber war offenbar sehr glücklich, seiner schrankenlosen Bewunderung für Maud Donaldson gegen irgend einen lebendigen Menschen Luft machen zu können und er fuhr noch eine gute Weile fort, in den überschwänglichsten Ausdrücken von ihr zu reden. In tiefes Schweigen gehüllt und mit seiner undurchdringlichsten Miene hörte ihm der Amerikaner zu. Dann zog er plötzlich seine Uhr und stand auf.
„Wenn Sie, wie ich vermuthe, die Absicht haben, Herrn Contngton Ihre Aufwartung zu machen, so würde ich Ihnen empfehlen, es jetzt zu thun. Sie treffen den Chef um diese Stunde in seiner Privatwohnung und ich werde mir mit Ihrer Erlaubniß die Ehre geben, Sie ihm vorzustellen."
Er war noch steifer und förmlicher al« zuvor, so daß Georg etwas wie wirkliches Unbehagen fühlte; aber als sie ein paar Minuten später Sette an Sette durch den Garten gingen, wurde er nicht wenig überrascht, da Abraham Norton mit einem Mal ganz unvermittelt sagte: „Wenn Mr. Elmsley seine hetrathsfähige Nichte hat hierher kommen lassen, so geschah es ohne Zweifel, weil er einen Gatten für sie in Bereitschaft hat. Sie wird da eine glänzende Partie machen, wie ich denke, denn den Consul würde sich gewiß niemals entschließen, sie einem Manne ohne Vermögen und gesellschaftliche Stellung zu geben."
Sein unbewegliches Antlitz verrieth nicht, ob er mit dieser Bemerkung eine besondere Absicht verfolgt hatte; aber auf ihrem Wege bis zu der Wohnung des Herrn Contngton wurde jedenfalls nicht» mehr zwischen den beiden Männern gesprochen. Denn auch dem jungen Deutschen war seltsamer Weise plötzlich alle Lust zum Reden vergangen.
(Fortsetzung folgt.)
Einiges üöer die Weisen.
E» gibt in Deutschland acht verschiedene Arten von Meisen, und wollte ich über alle Bericht erstatten, so würde dies zu weit führen. Vorerst will ich daher nur die Kohl« und Blaumeise einer nähern Betrachtung unterziehen. Man sollte meinen, daß dieses so rührige, kleine Völkchen jedermann kenne, allein da dies nach meiner ganz bestimmten Wahrnehmung durchaus nicht der Fall ist, so halte ich es für geboten, eine kurze Beschreibung derselben vorauszuschicken.
Die Kohlmeise ist schwarz gescheitelt, ebenso sind Kehle und ein Strich, der bis auf die Gurgel herabzieht, schwarz. Die Wangen und Schläfe sind weiß. Der Oberkörper ist grün, unten am Leibe ist sie gelb, und das Männchen ist von einem vorn Halse bis zum Schwänze gehenden, schwarzen Streifen geziert-
Die Blaumeise trägt einen schönen hellblauen Scheitel, Schwanz- und Schwungfedern, die theilweise mit weißen Spitzen versehen, sind ebenfalls schön hellblau. Der Rücken ist blaugrou, und der Unterkörper, mit einem dunkelblauen Flecken auf der Kehle, hat eine blaßgelbe Farbe. Diese sehr schönen, lieblichen und munteren Vögelchen bewohnen unsere Gärten und Felder und entwickeln hier den ganzen Tag von früh bis spät ihre in hohem Grade nutzbringende Thätigkeit- Dieselben fliegen von Baum zu Baum, häkeln sich da sogar umgekehrt bald an die dünnsten Aestchen, bald an den Stamm und suchen sehr emsig nach den in hohem Maße für die Obstbäume schädlichen Jnseclen, deren Eier, Raupen und Puppen. Sie vernichten, da sie auch im Winter ihr überaus nützliches Geschäft fortsetzen, Millionen und abermals Millionen schädliches Ungeziefer und der berühmte Naturforscher Dr. K. Ruß behauptet daher mit Recht; daß die Meisen im wahren Sinne des Wortes als „Garten-, Feld» und Waldhüter" zu betrachten seien-
Um nun die große Nützlichkeit meiner obengenannten Meisen recht genau zu veranschaulichen, so lasse ich jetzt meine Beobachtungen, die ich mit der Uhr in der Hand genau und gewissenhaft gemacht habe, folgen. In dem Garten de» Herrn Dr. Ploch hat ein Blaumeisenpaar, da» sich, wie alle Meisen, sehr stark vermehrt, indem das Weibchen 10 bis 12 Ster legt, zweimal jährlich Brut hält, in einem von mir ausgehängten Nistkästchen feine Wohnung aufgeschlagen. Nachdem nach etwa 15 Tagen Männchen und Weibchen die Brut gemeinschaftlich vollendet, da saßen 12 liebe Jungen mit stets hungrigen Schnäbeln im Neste, und nun sah ich mit Rüdrung, wie Männchen und Weibchen in der Liebe zu ihren Jungen wetteiferten, denn sie stürzten in der größten Hast aus die nahen Odstdäume und holten schädliche Jnsecten herbei sür ihre hungrigen Kinderchen. Jede Minute, oft jede halbe Minute, kehrte eine der Meisen mit vier bis fünf Räupchen im Schnabel zur Fütterung in das Nest zurück. Rechne ich nun, um es ja nicht zu hoch zu greifen, auf die Stunde 240 und auf einen Tag bei vierzehnstü diger Fütterungszeit 3360 Raupen, so beträgt dies sür die ganze Fülterungszeit, die etwa 15 bis 16 Tage dauert, 50,400 schädliche Kerb» thiere ober sonstiges Ungeziefer. Bei der zweiten Brut, die in der Regel nur aus 8 bis 10 Jungen besteht, wird sich jedoch die angegebene Zahl um einige hundert vermindern. An einem Nistkästchen, in das sich ein Kohlmeisenpaar häuslich niedergelassen, habe ich bei der Fütterung fast ganz genau dieselbe Beobachtung gemacht, wie die oben näher beschriebene, und wer auf seinem Felde ober in seinem Garten nur während eines einzigen Sommers das rührige Treiben eines Kohlmeisenpärchens beobachtet hat, wie es Obstbäume, Fruchtsträucher, Hecken und Gemüse von Ungeziefer reinigt, der wird auch diese Meise in Beziehung der Nützlichkeit der Blaumeise vollständig anreihen, und er wird zugeben müssen, daß der kleine Schaden, den sie dem Bienenzüchter zusügt, gegen den großen Nutzen, den sie schafft, gar nicht in Betracht zu ziehen ist. Es unterliegt demnach gar keinem Zweifel, daß die Blau- und Kohlmeise, sowie überhaupt alle


