Ausgabe 
5.11.1895
 
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Ich bin Ihnen für diese Freundlichkeit außerordentlich verbunden, Herr College," versicherte Georg, dem der merk­würdige Empfang bereit« einen Theil seiner unverwüstlichen guten Laune wiedergegeben hatte.Bei meiner Unfähigkeit, eine japanische Eonoersation zu führen, befand ich mich schon in der größten Sorge, wie ich mich hier bis zu Conington und Blomfield durchfragen würde."

Herr Norton hielt es für überflüssig, etwas darauf zu erwidern, aber er erwies sich trotz feiner Schweigsamkeit als ein sehr umsichtiger und gefälliger Mann, indem er dem An­kömmling bei der Erledigung der unvermeidlichen Zollrevision auf eine Weise behilflich war, die dem zwerghaften japanischen Beamten offenbar großen Respect einflößte-

Während Georg noch damit beschäftigt war, seine Koffer zu schließen, fanden sich auch einige andere Passagiere von der Aflyria" im Zollhause ein und Herr Abraham Norton unterbrach sein lange« Schweigen plötzlich durch die Frage: Kennen Sie jenen großen Herrn dort, der eben mit den beiden Zollbeamten spricht?"

Ein nachdenklicher Ausdruck war auf seinem Gesicht; aber als Georg nach einem raschen Blick auf die bezeichnete Per­sönlichkeit zurückgab:Gewiß! Es ist mein Reisegefährte Thomas Ellis aus England. Sollten Eie ihm schon früher einmal begegnet sein?" schüttelte er verneinend den Kopf und meinte:Für einen Augenblick schien er mir so; aber ich war wohl in einem Jrrthum. Jedenfalls habe ich den Namen Thomas Ellis nie zuvor gehört."

Als sie wieder in'« Freie hinaustraten, sahen sie sich von einer Menge häßlicher japanischer Kulis in kurzen blauen Hemden und eng anschließenden Beinkleidern umringt.

Jinriktscha! Jinrikischa!" tönte es ihnen von keineswegs wohllautenden Stimmen ein paar dutzend Mal entgegen und dabei schlugen sich die Leute mit affenartigen Bewegungen auf die Kniegelenke und die Wadenmuskeln, wie wenn sie da­durch die Kraft und die Ausdauer ihrer Beine pantomimisch hervorheben wollten.

Was in aller Welt bedeutet da« ?" fragte Georg lachend. Pflegt man auf diese Art die Fremden in Japan zu be­grüßen ?"

Nein!" lautete die Antwort.Diese Leute vertreten hier in Yokohama die Stelle der Droschkenpferde. Sie bieten ihre Dienste an, um un« in den leichten Wagen dort an da« Ziel unseres Weges zu befördern."

Der Ankömmling betrachtete die zierlichen, fein lackirten Gefährte mit den beiden hohen, wenig dauerhaft aussehenden Rädern und schüttelte bedenklich den Kopf.

Ich muß gestehen, College Norton, daß dies merkwürdige Beförderungsmittel nicht viel Verlockendes für mich hat. Die schmächtigen Burschen würden überdies ihre liebe Roth haben, einen Kerl wie mich von der Stelle zu bringen."

O, was das anbetrifft, dürften Sie ganz unbesorgt sein. Jeder dieser Kurumaläufer zieht Sie ohne sichtliche Anstreng­ung im Laufschritt, so weit Sie nur wollen. Aber da ich Befehl gegeben habe, Ihr Gepäck in unsere Wohnung zu schaffen und da wir nicht länger al« eine Viertelstunde zu gehen haben, ziehen Sie es vielleicht vor, den kleinen Weg zu Fuß zu machen."

Unbedingt! Man muß wohl erst einigermaßen hier acclimatisirt sein, um ohne Unbehagen so ein schweißtriefende« menschliches Zugthier vor sich hertraben zu sehen."

Auf ihrer Wanderung durch die Fremden-Anstedelung hatte Georg natürlich hundert Fragen, auf die Mr. Norton bereitwillig, aber zumeist ziemlich lakonisch und mit einer ge­wissen Zurückhaltung Antwort gab. Soviel jedoch hatte der junge Deutsche neben den Auskünften über die bemerkens- werthesten Gebäude bei ihrer Auskunft immerhin erfahren, daß fein Begleiter von Geburt Amerikaner fei und feit fünf Jahren die Stellung eines Disponenten bei der Firma Coning­ton und Blomfield begleite. Wenn feine kurze Bejahung der Wahrheit entsprochen hatte, war er mit dem Aufenthalte in Yokohama vollkommen zufrieden. Und er hatte in der Thai ganz das Aussehen eine« Menschen, den nichts in der Welt

außer Fassung zu bringen ober ernstlich zu beunruhigen vermag.

Am Ende ist e« hier wie überall," meinte er ganz ernst­haft.An diese ober jene kleine Sonderbarkeit hat man sich bald gewöhnt und es lebt sich in Yokohama immer noch an­genehmer, als in manchem westlichen Territorium der Verei­nigten Staaten."

Run, das ist immerhin ein Trost," dachte Georg, den die kleinen, schmalbrüstigen, krummbeinigen, ärmlich aursehen- den japanischen Bewohner der anscheinend sehr volkreichen Hafenstadt nicht eben mit besonderem Vertrauen erfüllt hatten. So viel Civilisation, al« für befcheidene Ansprüche durchaus unerläßlich ist, wird also doch wohl zu finden sein."

DerBungalow", der da« Ziel ihrer Weges bildete, war ein hübsches, einstöckiges Holzhaus in halb europäischem und halb japanischem Geschmack. Er lag mitten in einem ansehnlichen, wohlgepflegten Garten und gewährte einen schönen freien Blick sowohl auf dar Meer als über die grauen Dächer der alten, unregelmäßig gebauten Stadt in der Ebene. Die niedrigen Zimmer erschienen hell und luftig, da die breiten Schiebethüren zwischen ihnen überall weit geöffnet waren und ihre aus japanischen und englischen Gebrauchsgegenständen bunt zusammengesetzte Ausstattung, wie die dicken, weichen, teppichartigen Matten auf den Fußböden gaben ihnen einen durchaus behaglichen und wohnlichen Anstrich.

Wir werden dies Haus miteinander theilen," sagte Mr. Norton,aber ich denke, es hat Raum genug für uns Beide und ich verspreche Ihnen, daß Sie durch mich sehr wenig geniert werden sollen. Die drei Zimmer auf dieser Seite hier stehen Ihnen für Ihren ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung. Und in dem jungen Menschen hier stelle ich Ihnen Harn, Ihren Kammerdiener, vor, mit dessen Hilfe Sie sich jetzt zunächst vor Allem durch ein Bad erfrischen und um­kleiden werden."

Der kleine, schlitzäugige Japaner, dessen Gesicht ebenso häßlich und ebenso gmmüthig war wie alle die anderen, die Georg bisher gesehen hatte, warf sich auf die Äniee nieder und neigte den Oberkörper nach vorn, bis seine Stirn die Matte berührte. Dann stand er auf und wartete in ehr­erbietiger Haltung der Befehle seines neuen Gebieters.

Es scheint, daß ein Handlungsgehilfe in Yokohama das Leben eines englischen Baronets führt," dachte Georg;aber wenn das der Landessitte entspricht, so habe ich jedenfalls keine Veranlassung, mich dagegen zu sträuben."

Während sich Abraham Norton mit steifem Gruße zurück­zog, musterte der Ankömmling noch einmal mit jugendlicher Wißbegierde seine neue Umgebung und versuchte, sich von Harn über verschiedene Dinge unterrichten zu lassen, deren Natur und Bestimmung ihm vorläufig noch rätbselhaft war. Aber die Verständigung mit dem schmalschullrigen Javaner hatte trotz seines guten Willens ihre großen Schwierigkeiten, denn neben seiner Muttersprache verfügte er nur über wenige Brocken eines höchst sonderbaren Englisch, das Georg fast noch fremd­artiger vorkam als das Japanische.

Lachend gab er es endlich auf, sich anders als durch Zeichen mit ihm zu unterhalten, und die Geschicklichkeit, mit der Harn ihm bet der Toilette zur Hand ging, ließ ihn die vorläufige Unmöglichkeit eines mündlichen GedankenauSlausche« kaum noch als störend empfinden.

Mit dem wohligen Behagen eines Mannes, der bett Wechsel seiner Umgebung ganz wie eine lustige Comödie auf­faßt, hatte Georg sich nach Verlaus einer kleinen Stunde eben die erste Cigarre angezündet, als Abraham Norton von Neuem erschien, um ihm mitzutheilen, daß auf der Veranda ein be­scheidenes Frühstück bereit sei.

Das Mittagessen nehme ich um sechs Uhr im Club," fügte er hinzu,und ich möchte Ihnen empfehlen, diesem Bei­spiel zu folgen. Sie sind dort vorzüglich verpflegt und er­sparen sich die lästige Nothwendigkeit, einen chinesischen Koch zu engagiren."

Dasbescheidene" Frühstück bestand aus einer Pastete, kaltem Geflügel und Roastbeef, sowie aus einer Flasche treff-