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niffe bald ändern. Gestern nahm ich gleich Abschied von den Heben Deinen und es war Dein Schwiegervater so freundlich, mir einen Wagen nach Strakowo zu geben- Der alte Thielemann war sehr vergnügt und hatte nichts Eiligeres zu thun, als ein paar Flaschen von dem bewußten katalonischen Wein zu holen und da dachten wir so recht an Dich."
„Und ich, Arthur, dachte damals beim sechsten Glase an meine gute Wirthin in Zürich, deren Geist mir plötzlich gegen» Überstand. O, Vaterland, hat die mir damals eine Epistel gelesen. Aber den Andern ist es auch nicht viel besser ergangen," sagte Hellmuth lachend.
„Von den Alten fuhr ich dann gleich noch zu Ribold, der Dich am liebsten auch gesehen hätte, er hatte nämlich gerade drei Spiele neue Karten aus Thorn mitgebracht und da hätte er sie für sein Leben gern gleich einmal probirt l" be» merkte Heyd und blickte fragend auf seinen Freund.
„Hör' mal, Arthur, dann bin ich eigentlich recht froh, daß ich nicht dort war. Ich habe ja auch eine ziemliche Ruhe beim Skatspielen, aber dieser dicke Ribold ist ja überhaupt nicht todt zu kriegen. Ich habe noch genug von damals — zweimal Petroleum auf die Lampe gießen und dann immer noch einmal rum — nein, das ist mir denn doch zu viel," erwiderte Hellmuth vergnügt und schritt zum Fenster-
„Am Sonntag, Karl, nehme ich nun Abschied von Linden- heim!"
„Ja so, Du solltest mir doch sagen, was aus dem von Walten geworden ist, denn da drüben haben ste doch sicherlich eine Ahnung," bemerkte Hellmuth, wieder Platz nehmend.
Heyd erzählte nun die Geschichte, soweit er sie auf Lindenheim erfahren hatte, und der Ingenieur war ob diesen Nachrichten so überrascht, daß er ein über das andere Mal mit dem Kopf schüttelte.
„Höre mal, Arthur," sagte Hellmuth nach einer Weile, „Alles, Alles dies hätte ich Walten ja noch schlimmsten Falls zugetraut, aber eine Feigheit I — Nun und nimmermehr!"
„Nun, gerade in diesem Falle, Karl, muß ich ihn rechtfertigen. Als ich damals von Dirfchau wieder hierher zurückkam, fand ich wenige Zeilen von ihm vor, die mich vergeben und vergessen ließen. Er beklagte schwer fein Unrecht und bat dringend um Entschuldigung. Nicht Feigheit fei es, die ihn zu diesen Zeilen treibe, sondern Verhältnisse, von denen ich leider früh genug erfahren würde."
Inzwischen hatte es aufgehört, zu regnen, und der Himmel klärte sich wieder auf.
Unter des Nachbars Scheunendach, das halb mit Stroh, halb mit Ziegeln gedeckt war, kamen die Sperlinge hervor und sammelten sich aus der hohen Pappel. Sie zwitscherten so wild durcheinander, als hätten sie sich große Erlebnisse zu erzählen, als wollte Einer dem Anderen weiß machen, daß ihm solch' ein Gewitterregen gar nicht imponiren könne-
Der folgende Sonntag sah den Baumeister unter der hohen Tanne, wo er so oft gestanden, wieder, um der liebgewonnenen Gegend Lebewohl zu sagen.
Allmälig verflogen die Nebelgespinnste und auf Millionen von Thauperlen glänzte nun das Sonnengold. Es war ein herrlicher Morgen und die Tiefe zeigte wieder das Thal in seiner ganzen Pracht- Klar und deutlich schlängelten sich die Silberbäche dahin und in der Ferne zog ein Güterzug seine lange Wagenreihe langsam nach sich.
Sinnend sah Heyd hinüber und setzte sich auf die Bank, von der die Bleistiftspuren längst verwischt waren. Und so langsam wie eben der Zug in der Ferne dahinzog, so zogen nun vor seinem geistigen Auge die Tage vorüber, die er hier verlebte.
Gleichmäßig und ruhig, wie der Faden von der Spindel rollt, wollte er hier die Stille genießen. Er liebte die Zurückgezogenheit, um in feinen freien Stunden ungestört zu arbeiten oder zu wandern in Gottes freier Natur; und darum kam er hierher. Seine Station war Bromberg und von dort aus konnte er feine Arbeiten leiten, wie es ihm beliebte; auch an Zerstreuungen hatte es ihm dort wahrlich nicht gefehlt, denn in seinen Kreisen ward er gern gesehen und stets mit offenen
Armen empfangen. Aber von alledem war er kein Freund und dennoch war fein Leben seit einem Jahre ganz anders geworden, als er es anfangs erwartet hatte- Trübe Stunden und Sonnenschein waren ihm hier beschieden und wenn er daran dachte, daß Lindenheim und immer wieder Lindenheim der Punkt war, von dem ein gut Theil seines ferneren Ge» schickes abhing, wurde es ihm klar, daß hier ein sonderbares Verhängmß gleich einem Vermächtniß obwaltete.
„Warum," fragte er sich, „mußte ich gerade sie sehen und immer wieder sehen, warum mußte ich gerade diesen Menschen mein Leben verdanken und warum mußte ich gerade von dieser Stelle mit Reichthum überschüttet werden, an dem mein Herz nicht hängt?" Und wenn er sich fragte, ob er die Menschen lieb hatte, die ihm stets so selbstlos und aufrichtig entgegenkamen, so mußte er sich gestehen, daß dort der Rest seines Herzens geblieben war; und mochte er auch hinkommen, wohin er wollte, mochten es wiederum schöne Wälder, prächtige Thäler mit saftigen Fluren und wogenden Getreidefeldern fein, und mochten es wieder barmherzige und liebevolle Menschen fein, die er wiederfinden würde, so könnte ihm Alles zusammen das nicht sein, was ihm Lindenheim gewesen mit diesem in Ehren zu früh ergrauten Oberförster und seiner Tochter. —
In den thaufeuchten Laubwohnungen war es schon längst lebendig und ein vielstimmiger Chor schmetterte seinen Morgengruß in die Höhe, Heyd aber hörte nur mit halbem Ohr, er sah jetzt das Farmhaus wieder, mit Epheu umrankt, er sah die Schneidemühlen an reißenden Bächen und gedachte jenes edlen Mannes, der einst sein Chef war, den er geliebt hatte wie einen Vater und den er verehrte wie einen Apostel der Liebe und Wahrheit. Heyd seufzte schwer, er blickte hinüber zu den matten Streifen am fernen Horizonte, dann streifte sein Blick den Kirchthurm im kleinen Dorfe.
„Ob sie heute wieder zur Kirche fährt?" fragte er sich. „Ich werde wiederkommen — alsdann können wir zusammen nach Lindenheim gehen."
Der Baumeister stand auf. Langsam ging er den Weg hinab bis zum nächsten Gestell; dann schritt er bergab und kam über den Fuchsbau durch den hohen Buchenwald nach dem großen See. Er sah hinüber nach der Insel. Hoch in den Lüsten flogen die Reiher, die hier ihren Stand hatten- Von dieser Insel aus machten sie ihre Streifzüge nach den vielen fischreichen Seen der weiten Forst. Der große Weiher, auf dem Hertha ihr Boot hatte, wurde besonders von ihnen beehrt, denn die goldgelben Karauschen, von denen dock viele vorhanden waren, sind diesen Vögeln eine besondere Delicatesse. Aber auch die Weichsel und weiter jenseits ist ihr Gebiet, denn einige Meilen im Fluge haben bei ihnen nichts zu bedeuten.
An einer Eller im hohen Schilf erblickte Hryo einen Kahn, der nicht befestigt war. Er stieg hinein und ruderte nach der Insel hinüber- Rings um dieselbe, die eine halbe Stunde im Umkreise hat, standen Schilf und hohe Binsen, in denen Fischreusen und Krebsnetze lagen. An manchen Stellen zwar ziemlich gelüftet, bestand die Insel nur aus hohem Nadelholz. Am Ufer entlang ging nun der Baumeister, der heute zum ersten Male hier weilte-
In der klaren, stillen Wasserfläche spiegelte sich das jenseitige Ufer wieder, an dem die grünen Laubkronen fast stufenartig sich die Höhe hinaufzogen.
„Fürwahr, ein dankbares Object für einen Landschafter," sagte Heyd und ließ sich auf einen Baumstamm nieder.
Die fahle Mondsichel, umgeben von leichtem Gewölk, spiegelte sich im ruhigen Wasser wieder.
„Wie uns der Himmel so nah erscheint und doch so weit, so weit entfernt ist und auch Du mit Deinem matten Schein, Du treuester Begleiter unseres Wandelsternes, wie lange gehst Du schon Deine vorgeschriebenen Bahnen?" so fragte sich Heyd, der heute besonders zu stillen Betrachtungen geneigt war. „Und wie sahst Du aus, Erde, am ersten Schöpfungstage? Wie viele tausend Jahre sind es schon her? Geheimniß. voll ist die Kraft und unergründlich das Treiben, das Euch die Bahnen zeigt, all Ihr Himmelskörper im weiten All!


