Ausgabe 
5.10.1895
 
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rief Heyd und der Wagen fuhr den Berg hinauf, während die Teckel noch bellend ein Stückchen das Geleit gaben.

Der Oberförster ging durch den Garten am Bach ent­lang ; er dachte an das soeben Erlebte, und vor seinen Augen entrollte sich noch einmal die Zeit, die er auf Lindenheim verbracht. Er sah die Ehrenpforten von Tannengrün und Eichenlaub, die seine Förster angebracht hatten, als er mit seiner jungen Frau hier einzog. Er gedachte der traurigen Jahre, die er dann verlebt und vor seinen Blicken stiegen die Bilder auf bis zu dem Augenblicke, der nun gekommen.

Am Wiesenrande, wo der Bach eine Biegung macht, ließ er sich auf die Bank nieder, die zwischen zwei Ellern stand, und dort spann er den Faden weiter, den er noch immer in seiner Hand hielt. Sonderbar, wie sonderbar es doch das Geschick bestimmte. Das nämliche Leiden, das mir beschieden war, war auch das Seine, gebe Gott, daß mein Ende nicht das Gleiche ist. Er hat gelebt und gestrebt für feine Tochter wie auch ich es gethan. Leider war es mir nicht gelungen, goldene Berge zu sammeln, und ihm, dem es gelungen, er hat es nur für mich gethan.

Aber wie sonderbar auch, daß gerade jenen Mann das Schicksal in mein Haus führte, den ich suchen sollte, um ihm die frohe Botschaft zu bringen, daß er über Nacht ein reicher Mann geworden.

Hertha Sandow war seine Braut!

Freilich jetzt verstehe ich, nun ist es mir klar, was er in wildem Fieberwahns in jener Nacht gesprochen, als er todtkrank in mein Haus kam.

Ein Mann ist er in des Wortes ganzer Bedeutung, wie man unter tausenden nur einen findet wie treffend er's in seinem Briefe schrieb. Und so alt ich auch geworden, mir ist ein zweiter nicht begegnet, der auch annähernd diesem Baumeister gleichkäme fest in seinem Vorsatze, edel in seiner Ausführung und treu allweg!

Welcher Mensch würde sich nicht freuen, wenn ihm un* erwartet eine reiche Erbschaft wird? Auf ihn aber machte sie nicht den geringsten Eindruck! er sprach nicht einmal davon. Und dennoch glaube ich, daß er längst seine Pläne | gemacht, wie er er anwendet und wo er es vertheilt, um | Armen zu helfen, Noth zu lindern und Zufriedenheit zu I säen; und für seine Person ist er die Anspruchslosigkeit j selbst. -

200,000 Dollars welcher Reichthum, mein Kind; | jetzt ist für Dich gesorgt und eine große Last ist mir genommen. Nun kann ich ruhiger in die Zukunft sehen und ruhiger von dannen gehen. Aber von alledem werde ich ihr vorläufig noch nichts sagen, zu einer anderen Stunde will ich es ihr mittheilen.

Durch ein Geräusch wurde der Oberförster in seinen Gedanken gestört. Er blickte fich um und sah seine Tochter auf sich zukommen.

Was schautest Du so sinnend über die Wiese, mein lieber Vater?" fragte Hertha und küßte seine Stirn-Findest Du das Gras noch nicht hoch genug zum Mähen? Oder lauschtest Du, was die plätschernden Wellen erzählen, die so hastig vorübereilen?"

Nein, mein Kind, ich sah und hörte nach Beidem nicht, ich dachte nur daran, wie wir am Sonntage den Abschied des Baumeisters am würdigsten feiern werden."

Ja warum hatte er es denn nur fo eilig? Tante Doetor sagte mir eben, daß er vor einer Stunde hier war."

Des Baumeisters Arbeiten werden heute geprüft und seine hohen Vorgesetzten sind zur Stelle. Er war hier, um sich noch einmal an unserem schönen Walde zu erfreuen," sagte ihr Vater lächelnd, ihr starkes Wellenhaar streichelnd. Er läßt Dich übrigens auch grüßen."

Fünfzehntes Capitel.

Von der Locomotivs her ertönte das bekannte Einfahrts­signal und bald darauf hielt der Zug auf der kleinen Station.

Auf Wildenau wird man schon überrascht sein, mich heute hier zu sehen," dachte der Ingenieur Hellmuth und be­

stieg eiligst den Hotelwagen desDeutschen Häuser", in dem er mit diesem Zuge der einzige Fahrgast war.

Das Gewitter hatte nachgelassen, aber es regnete jetzt, was vom Himmel herunter wollte. Als der Wagen vor dem Hotel hielt, verließ der Ingenieur schnell denselben und sprang in wenigen Sätzen die niedere Treppe hinauf.

Guten Morgen, Arthur, ich glaubte kaum, Dich noch anwesend zu finden, aber es ist mir doppelt lieb. Na, die Geschichte mit Walten war ja eine schöne Ueberraschung im Kreise seiner traurig Hinterbliebenen Kameraden. Und weißt Du, Arthur ganz Israel zehn Meilen im Umkreise na, ich danke schön! Und was ist aus ihm geworden? Erzähle, erzähle, lieber Sohn!"

Nimm nur erst Platz," bat Heyd.

Ja, wo denn, Arthur? Himmel wie steht es bei Dir aus, das sehe ich ja jetzt erst! Du hast wohl heute großes Pfingstreinmachen, Mottenfest oder dergleichen. Da liegt ja Alles umher in tollster Harmonie: Kisten, Kasten, Zeichenrollen, Wäsche, Bücher, Strümpfe; himmlische Christine, solche Wirth« schäft! Sage mal, mein Junge, was treibst Du denn eigent­lich ?" Und Hellmuth fing laut an zu lachen.

Nun, Karl, ich packe meine Habseligkeiten zusammen und am Montag -- dann reise ich zum Thor hinaus, ade; Karl, Du kennst doch noch das Lied. Uebrigens, bei Deiner Trude sah es gestern auch nicht viel besser aus, nur mit dem Unterschiede, daß dort noch mehr herumlag!" sagte Heyd und machte für seinen Freund ein Stuhl frei.

Ra, die werden da drüben schöne Augen machen, daß ich bei dieser Sündfluth komme," bemerkte Hellmuty, während es unaufhörlich an die Fenster goß.Sie wollen nämlich heute Alle nach Zoppot reifen und da bin ich ihnen gleich ein Endchen entgegengefahren."

Ich dachte mir es schon, denn Dein Schwiegervater sagte mir, daß sie Alle auf einige Zeit dorthin wollten-"

Und ich habe eine prächtige Villa gemietet in der Nähe von Thalmühl, auch Alles entsprechend vorbereitet, mein Junge, und Du wirst Dich auch einmal sehen lassen!"

Nun, ich kann mir wohl denken, daß Du es beim Ein­richten an Aufmerksamkeiten nicht hast fehlen lassen, und jetzt freust Du Dich, Du glücklicher Mensch, der schönen Stunden, die da kommen sollen. Eh bien, freut Euch nur und wandelt durch die herrlichen Fluren und Wälder. Lauschet den Nachti­gallen am Louisenstein und versäumet auch nicht den Aus­sichtsthurm auf dem Karlsberge "

Ja, Arthur, da hast Du auch ganz recht, aber da gingen unsere Wege immer auseinander- Du konntest Dich lange Zeit an der Natur erfreuen, während ich inzwischen die nächsten Kneipen aufsuchte und mich am Stoff erfreute, der gerade am trinkbarsten war- Freilich kenne ich die schöne Umgebung von Zoppot und Oliva in« und auswendig und besonders die vielen Restaurants, aber bis auf den Thurm, mein guter Arthur ich gestehe es zu meiner Schande habe ich mich noch nicht verstiegen- Indessen, es steht schon auf dem Programm, sobald die Trude erst da ist."

Nun, es wird Euch auch nicht leid thun- Tief zu Deinen Füßen siehst Du das weite, weite Meer, dessen Fluthen sich ausdehnen, bis sie in weiter Ferne dem Auge entschwinden und seins Wellen den Horizont zu bespülen scheinen. Und auf der Landseite wieder wechseln schöne Waldungen mit freundlichen Ortschaften und grünen Fluren, und im Hinter­gründe erhebt sich malerisch das altehrwürdige Danzig mit seinen vielen Thürmen. Fürwahr ein wunderbarer Fernblick von dort, an denen unser liebes Vaterland doch so reich ist. Aber sage mir, Karl, wann gedenkt Ihr denn Hochzeit zu feiern ?"

Im nächsten Frühjahr, Arthur, dann lassen wir uns gleich vier Wochen von Italiens Sonne bescheinen. Wir ge­denken nach dem schönen Palermo zu reifen. Erst fahren wir nach Lindau am Bodensee, dann durch die Schweiz, vielleicht bleiben wir auch dort wer kann's wissen! Und wo wirst Du bleiben, mein lieber Baumeister?"

Vorläufig in Bromberg, doch können fich die Verhalt-