Ausgabe 
5.9.1895
 
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Di« B««g«V««g der Sünde« durch J«s«s. Eine bibltsch-the^ logische Untersuchung zur Versöhnungslehre. Von lac- th. E. Cremer, a.o. Professor der Theologie in Marburg.

Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu UmversitatS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m

(61 Seiten.) Gütersloh 1895.

Diese kleine aber inhaltsreiche Abhandlung wird nicht nur um ihres Verfassers willen bei uns beachtet werden, der bis jetzt em ge­achteter Geistlicher unserer Landeskirche und Provinz war. Vielmeyr wird hier die jeden denkenden Christen bewegende Hauptfrage de^ vio lischen Glaubens in lichter und eindringender Gedankenentwicklung I behandelt, wie sie sich im geistigen Kampf um eine neue F orm o alten Wahrheit dem Schriftgläubigen darstellt. DieTheoloa der Thatsachen" gegenüber der neuestenTheologie der mhetor ist es, welche hier auf den Mittelpunkt des Werkes und Worten ^e> , seine lebendige Person, angewandt wird und von welcher aus innere Einheit des Christusbildes der Evangelien mit der Lehrverkund'.gun» der apastolischen Briefe über ihn sich erweist. Die bedeutsame auch in der Form schöne Schrift kann darum dem Nachdenken Theologen und gebildeten Laien gerade jetzt nicht genug empf h werden, wenn auch über einzelne Beweisstellen und Gedankengangs Recht verschiedene Anschauungen bestehen könnten!

Die vielen Dank bringen, die wir doch nur die Ehre hatten, Sie in unseren Mauern zu haben."

(Fortsetzung folgt.)

Die Erzählungen eines Kindes.

Es war ein Kind der Armuth, von dem wir dieser Tage uns haben Verschiedenes erzählen lassen: von der Mutter, die gestorben ist und kein eigen Grab hat, vom Vater, der fieben Gulden wöchentlich verdient, von den sechs Kindern, die davon leben müffen ... Ein Brief, den uns die Post ins Laus gebracht, oder vielmehr ein kleiner schlechter Papier­zettel, in ungleichen Zeilenabständen beschrieben, mit einer müh­seligen Steilschrist hatte die Bekanntschaft vermittelt. Dieses Schreiben lautet in der Originalorthographie:

Wien am 21. August.

Was hat ihr gefehlt?" - «Bitt' schön, mir wissen'» selber nicht." , ,

Das Fräulein hat Dich aber gern gehabt?"O za, fie hat mir zum Christkind'! ein Federpenal und Federn ge­schickt und die Schuhe, die ich anhab'. Ich habe auch alte Schuhe gehabt, die hab' ich angezogen, wenn ich in die Schule gegangen bin und habe mir die vom Fräulein für Sonntag aufgehoben. Aber wie die alten zerrissen waren, habe ich die anziehen müssen, weil der Vater nichts kaufen kann."

Warum kann der Vater nichts kaufen? Geht es ihm so schlecht?" -Ich bitt' schön, Herr Doctor, der Vater verdient steben Gulden in der Woche und wie die Mutter gestorben ist, hat er achtzehn Gulden Vorschuß genommen. Er hat der Mutter die kleine Leich' machen lassen, sie ist bei der Nacht vom Spital weggeführt worden, wir h ab en' s anschauen dürfen, in der Nacht, in der Todten- kammer, im Spital drin. Wir waren alle da, nur der

Lerr Nedacteur 'M binein 14 jähriges Mädchen I kleine Josef nicht, der 18 Monate alt ist. Den haben wir

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Unf«e «Ärngen «gab«, daß di« Familie B«l°hrad,Ii, toi W" - .Sie Statt« W SW« "» Vater und sechs Kinder, in einer einzigen kleinen Kammer, 1 fl> 5 0 kr. w ü ch e n t l ich v er di ent. Da yaven »

und zartem, ernstem Gesichtchen; besonders die blauen Augen I Mtzbnds bis 11 Uhr, ich und meine Schwester

sind sanft und ernst. Als sie uns dann im Bureau besuchte, «ahund Abends^vts 11 uyr, un

war sie zwar ärmlich, aber rein und nett gekleidet. Lange I Mim Tag?" Mit Stolz sagt sie:EinDutzend

sprachen wir mit ihr: was das Kind uns erzählte, sei in | » , ~ hem wir halt Schule gehabt

jener Schlichtheit, mit der esselbst esvorbrachte, wiederge- I roa 6(n ^üm 5%t mit dem Vater aufgestande» geben und ohne Aenderung an der kindlichen Logik. j ? , . oaaee terHa gemacht. Ich hab' mir Alle» 6ti

b. «»ÄWbS; ÄeraBW!« ich in der Schule."Und der Grund der Schulver- I und Brod etngevrom __ menn Wir vom

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Da ist der Vater hingegangen zum Ortsschulrath. Aber da I genommen. ------------ l q, p

hat's geheißen: Es hilft nichts und ich muß bis zum vier-1 Literarisches.

zehnten Jahre in die Schule gehen. Um beim Fräulein . .. 1 ----------

Was für ein Fräulein?" das Fräulein in der Schule, Fräulein Josephine Sulke ... Da hat der Vater gesagt, er kann mich nicht in die Schule schicken. Und da hat das Fräulein Mitleid gehabt und nicht mehr um mich geschickt."

Hat da» Fräulein Dich gern gehabt?" -O ja. Ich war ja nicht schlimm in der Schule. Wie ich noch in die Feuerwehrschule gegangen bin, da hab' ich einen Aus­weis gehabt wie gewöhnlich: Zweier und Dreier und Vierer. Aber jetzt weiß ich nicht, ob ich aufgestiegen war, denn ich habe keinen Ausweis mehr gehabt. Die Mutter (und während sie stockend spricht, fließen stille Thränen über das Gesichtchen), die Mutter hat mich fleißig in die Schule geschickt, obwohl sie schon krank war. Denn sie war schon das ganze Jahr vorher krank und ist voriges Jahr auch schon zweimal im Spital gelegen."