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Ihnen gemacht, meine Damen; Sie haben dazu beigetragen, mir da» Leben wiederzugeben, und wenn ich Ihnen heute auch nur in wenigen Worten danken kann, so hoffe ich doch meine Schuld noch abzutragen."
„Nicht wahr, Tantchen," sagte Hertha, „was wir ge- than, ist nicht der Rede werth, was ist es im Vergleich zu Ihrer edlen That," sagte sie dann zu Heyd gewandt. „Die Knaben find auch gottlob aus aller Gefahr, doch mit de» Bahnwärters Sohn stand es recht schlecht, wie heute früh der Doctor uns erzählte.
„Aus aller Gefahr! — Das war mein sehnlichster Wunsch," sagte Heyd. Und nun plauderte man bald in munterer Weise. Der Oberförster war besonders aufgelegt, worüber fich die Damen nicht genug wundern konnten. Er erzählte viele heitere Sachen aus seiner Jugendzeit. Mit ganzer Seele war er auch bei den Erinnerungen, als hätte er erst unlängst dieser Zeit den Rücken gekehrt.
Der Baumeister, dem das offene und freundliche Wesen so recht anheimelte, blieb auch nicht zurück.
In seffelnder Weise beschrieb er das sonnige Italien, da» liebe Schweizerland und Tirol, so, daß sie gespannt den Worten dieses Mannes lauschten, der so geistreich und hu« moristtsch, so bescheiden und aufrichtig sprach, und dessen Worte so wohlthuend wirkten auf des Oberförsters und seiner Tochter Gemüth, wie warmer Regen nach heißen Sommer« tagen.
So wurde es Mittag und nach stärkender Mahlzeit begab sich der Baumeister alsbald zur Ruhe.
Am nächsten Tage wollte Heyd da» gastliche Lindenheim verlassen, er fühlte sich kräftig genug, und alles Zureden war daher vergebens.
Frau Dr. Weiler ließ das Frühstück auftragen und Hertha, die trotz ihrer einfachen marineblauen Robe in ganzer Anmuth und Schönheit strahlte, nöthigte den Baumeister in ihrer freundlichen Art und war für Alles und Alle besorgt- „Hertha," sagte der Oberförster nach einer Weile, „nun darfst Du wieder das Clavier öffnen, das Spielen stört jetzt unfern Gast nicht mehr." Alsbald setzte sie sich ans Clavier und spielte „Am Meer". In der Sophaecke saß der Oberförster und hörte mit halbgeschloffenen Augen und ineinandergelegten Händen, wie er es immer that, wenn sie in seiner Anwesenheit spielte. Ihm zur Rechten saß der Baumeister, der ein aufmerksamer Zuhörer war, ihr Spiel und ihre glockenreine Stimme bewunderte, die durch die geöffneten Fenster weit hinausdrang in den Buchenwald und Tannen« horst.
Al» die letzten Töne verklungen, stand der Baumeister auf und lobte in bescheidenen Worten ihren wunderbaren Vortrag. Hertha nahm schweigend diesen Dank entgegen und verneigte sich.
„Wenn ich auch nicht im entferntesten hervorzubringen vermag, was wir soeben gehört," sagte Heyd, „so möchte ich doch nicht undankbar sein" — und er schritt zum Clavier.
Kaum hörbar kamen die Töne hervor, die immer mächtiger wurden, gleich dem Rauschen des Meeres, gleich der Brandung gegen Felsenwände: Was das Meer erzählt und uns die Welle sagt — klang so wunderbar aus seinem Spiel, so herrlich aus seinem Gesang, als wären Sturm und Roth und die majestätische Erhabenheit des Meeres in vielen, vielen Stunden abgelauscht. Mit gefalteten Händen lehnte der Ober« Erster in seiner Ecke und ließ an sich vorüberziehen die Kunst des Spieles und die Macht des Gesanges, gleich einem Genuß, den man möglichst lange Zeit behalten möchte. Hertha hörte bewundernd diesen vollendeten Vortrag; sie blickte hinüber zu dem Manne, der ihr so seltsam erschien in seinem einfachen und bescheidenen Wesen, in seiner ewig gleichmäßigen Ruhe.
Al» da» Spiel beendet, klopfte es an der Thür, und der Secretär bat den Oberförster, auf einige Augenblicke in die Kanzlei zu kommen.
Schweigend setzte sich der Baumeister wieder an seinen Platz. Schweigen beobachtete auch Hertha mit gerötheten
Wangen, sie, die ihm so viel sagen wollte für sein Spiel, jetzt fand sie keine Worte. „Fräulein Steuer," sagte Heyd, um das Schweigen zu brechen, „mein Spiel hat Ihnen sicherlich nicht gefallen, doch ich wollte nicht undankbar sein."
„Nie im Leben habe ich solchen Gesang gehört und nie hat bas Clavier solche Töne hervorgebracht," sagte Hertha ruhig. „Sagen Sie mir, bitte, Herr Baumeister, wie das Lied heißt, mit dem Sie auch den Papa sehr erfreuten, denn wie träumend lauschte er Ihren Tönen und ich möchte noch heute nach der Musikalienhandlung schreiben, um mir dieses herrlichste Lied, was ich je gehört habe, kommen zu lassen."
Der Baumeister lächelte. „Wenn Sie es zu haben wünschen, Fräulein Steuer, so wird es mir ein Vergnügen sein, es Ihnen aufzuschreiben, denn Sie dürsten es nirgends zu kaufen finden."
Der Oberförster war inzwischen eingetreten und Heyd blickte nach der Uhr. „Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Baumeister — ich habe schon Auftrag gegeben, die Pferde anzuspannen, denn Sie sehnen sich nun zurück nach Ihrem Wirkungskreis!"
„So ist es, Herr Oberförster," sagte Heyd, als es abermals an die Thür klopfte und der Secretär zwei Herren meldete.
„Lassen Sie, bitte, die Herren nur eintreten, Herr Herrmann," sagte der Oberförster und herein traten zwei Männer, die sich tief verbeugten.
„Entschuldigen Sie gütigst, Herr Oberförster, daß wir stören, mein Name ist Weidner und ich bin der Bühnenmeister von da unten und mein Freund hier ist der Bahnwärter Winter von Bude 114. Von Herrn Doctor Köster erfuhren wir, daß hier der Herr ist, der unsere Knaben vom sicheren Tode gerettet und wir sind gekommen, um diesem Herrn unfern innigsten Dank abzustatten."
Der Oberförster zeigte aus den Baumeister, der nun den Leuten entgegenging und Jedem herzlich die Hand drückte.
„O Herr," sagte der Bühnenmeister, „ich danke Ihnen viele tausendmal für das Opfer, das Sie mir gebracht, ich danke Ihnen von ganzem Herzen und wenn ich wüßte, womit ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeugen könnte, so würde ich es mit Freuden thun."
Der Baumeister schüttelte leicht den Kopf.
„Und ich — ich kann nicht viel sagen, und ich danke Ihnen auch vielmals, auch meine Frau läßt Ihnen recht herzlich danken und sagen, wenn mal der Herr dort entlang kommt, dann möchte er doch die Güte haben, an Bude 114 nicht vorbeizugehen."
Wieder reichte der Baumeister Jedem die Hand und versicherte, daß er nur gethan, was jeder andere Mensch auch gethan hätte; der Dank aber gebühre allein dem da droben und er hob die Finger in die Höhe.
„Gebe der Himmel, daß Ihre Jungens einst tüchtige Menschen werden, die Ihnen vergelten die Mühen und Sorgen, die sie Ihnen gemacht. Sobald ich aber erst dort unten sein werde, dann wird es meine Zeit wohl erlauben — dann komme ich auch zu Ihnen, meine Herren, darauf verlassen Sie sich."
Mit frohbewegtem Herzen gingen zwei Väter von Lindenheim; sie schritten am Fließ entlang und waren bald im Buchenhain verschwunden. Sie sprachen noch von den Knaben und ihrem Retter, als der Wald längst hinter ihnen lag und sie an Thielemanns Roggenfeldern vorbeikamen. „Ti-ri-lie, ti«ri-lie," tönte es und zwei Lerchen stiegen in die Höhe.
„Sieh' nur," sagte der Wärter von Bude 114, „damit wäre es für unsere Jungens längst vorbei, hätte der Himmel nicht Hilfe gesandt." Und er zeigte nach den kleinen Singraketen, die kaum noch sichtbar waren, und seine Augen wurden feucht. —
Nachdem der Baumeister reisefertig war, dankte er Allen für die große Mühe, die er Jedem bereitet, doch der Oberförster erwiderte lächelnd: „Den Dank dieser beiden Männer lehnten Sie soeben in bescheidenster Weise ab und uns möchten


