Ausgabe 
5.1.1895
 
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Kein einziger seiner näheren Bekannten und Freunde hatte eine Ahnung von diesem überraschenden Schritt des pen- sionirten Hauptmanns gehabt, da Verlobung und Trauung sich nach Ablauf des Trauerjahres auf dem Fuße und in größter Stille gefolgt waren. Selbst Ehrhards intimster Freund, der Candidat Melchior, hatte nichts davon gewußt und war zuerst wie betäubt gewesen, da er doch wohl im Stillen gehofft haben mochte, daß er Bernhardine geheirathet hätte, die als Frau vielleicht, wie der gute Melchior geglaubt, ganz vortrefflich für den Hauptmann gesorgt haben würde.

Bernhardine war nach diesem Zusammenbruche ihrer Hoffnungen in Krämpfe gefallen, hatte geweint und getobt und sich endlich mit Haß und Rache im Herzen wieder äußer­lich beruhigt, ihren Geschwistern aber das Versprechen ab­genommen, den Umgang mit der Ehrhard'schen Familie gänz­lich abzubrechen. Wenn der Candidat sich im Laufe der Jahre stillschweigend darüber hinwegsetzte, weil er es für eine Un­gerechtigkeit und deshalb für unerfüllbar hielt, so hatte Bern- Harbins, zwar tiefverletzt und grollend, sich doch ebenfalls schweigend darein ergeben.

IV.

Unsere drei nächtlichen Wanderer hatten mittlerweile Tante Dorotheas Wohnung erreicht und Fräulein Bernhardine sich hier kurz empfohlen, da sie noch nach der Apotheke müffe.

Sie kommen doch mit hinauf, Herr Hamson?" sagte Leonore.

Ich ziehe es vor, hier zu warten, mein gnädiges Fräu­lein!" erwiderte der Amerikaner.

Sie flog die breite Steintreppe, welche zu der großen Hausthür emporführte, leichtfüßig hinauf und verschwand in dem geräumigen Flur. Hamson blickte unverwandt auf die hinter ihr in's Schloß gefallene Thür, ein freundlicher Lächeln überzog sein männlich hübsches Gesicht und seine Gedanken folgten dem schönen Mädchen.

Wenn Eine mich zu einer Thorheit verleiten könnte, so wäre es diese, frisch und keck, und dabet doch so ganz anders, als unsere Ladys drüben; nimm Dein Herz in Acht, Dick, wenn Du Deine Freiheit Dir wahren willst."

Er brummte diese kleine Standrede halblaut vor sich hin, dabei auf- und niederschreitend.

Droben im ersten Stock saß Leonore Carlsen, deren Er­scheinen einen Sturm von Freude, besonders bei Elisabeth, hevorgerufen hatte und erzählte von Dresden, was sie dort an Vergnügen genoffen und wie sie plötzlich vom Heimweh gepackt worden, ein Telegramm an die Eltern gesandt und sofort abgereist fei.

Der Candidat hatte sich auf ihre Nachricht von seiner Schwester Unwohlsein sogleich zum Fortgehen gerüstet, was den Hauptmann, der sich jetzt um seinen vierten Mann beim Kartenspiel gebracht sah, mit neuem Zorn erfüllte.

Nun kannst Du einspringen, Lore," grollte er weiter, spielst freilich zum Erbarmen schlecht, aber in der Noth frißt der Teufel Fliegen."

Danke, Onkel Hauptmann, Sie sind zu freundlich," er­widerte Leonore ruhig,aber ich bin in diesem abscheulichen Wetter und ermüdet von der Reise nicht deshalb hierher ge­kommen, um Ihr Erbarmen beim Spiel herauszufordern, son­dern um Elisabeth mit mir nach Hause zu bringen-"

Der Candidat verabschiedete sich eiligst.

Bleib' lieber hier, Kleine, und erzähle von Dresden," wandte der Hauptmann ein.

Nein, das kann ich nicht; Mama heute Abend allein zu lassen, wäre zu grausam, zumal Tante Bernhardine ihr Gesell­schaft leistet. Sie läßt herzlich um Elise bitten, liebster Onkel!"

Wir spielen eine Partie Schach, Bruder Max!" mischte sich Tante Dorothea ein, welche einen bedeutsam bittenden Blick aufgefangen hatte.

Na, dann marsch mit Euch!" knurrte der Hauptmann. Kannst wieder vorkommen, Lisbeth, um mich abzuholen.

Möchte am liebsten hierbleiben, anstatt nach meiner Musik- Kaserne zurück."

Leonore erwiderte nichts, sondern verließ schon nach wenigen Minuten mit Elisabeth das Zimmer. Tante Dorothea folgte ihnen, sie hielt Leonore zurück.

Kind, Du weißt, wer gekommen ist?" fragte sie leise.

Ja, Tante, er ist bei uns, Ihr geht nicht gut mit ihm um, und wenn Elisabeth keinen Einfluß auf ihn haben sollte, ist das Schlimmste zu befürchten."

Was meinst Du damit, sprich um Gottes willen!"

Dann stellt er sich sekber dem Kriegsgerichte," flüsterte Leonore der alten Dame in's Ohr. Diese sank wie gebrochen auf einen Stuhl.

Fasse Dich, Tante," fuhr Leonore leise fort,geh' jetzt zum Onkel Hauptmann und vertraue auf Elisabeth und auf mich. Ich hoffe, daß wir ihn zur raschesten Rückkehr nach Amerika bewegen."

Ich muß ihn aber vorher sehen und sprechen," sagte die alte Dame resolut.

Gut, dann soll er Lisbeth hierher begleiten, sie muß aber gleich mit dem Papa fortgehen."

Von wem unterhaltet Ihr Euch denn so zeheimnißvoll?" rief Elisabeth, welche ungeduldig vor der Corridorthür wartete.

In demselben Augenblicke öffnete auch der Hauptmann die Thür.

Soll ich hier noch länger allein bleiben," tönte seine zornige Stimme,dann packe ich auf und geh' nach Hause."

Tante Dorothea ließ die beiden jungen Mädchen rasch hinaus, verriegelte die Thür und kehrte zu ihrem Bruder zurück, um ihn beim Schachspiel in eine rosige Laune zu ver­setzen, da ihre Zerstreutheit ihm leichte Siege und einen hüb­schen kleinen Gewinn verschaffte, den er ohne Bedenken ein­strich. Ein solcher Gewinn - aber brachte stets die heiterste Stimmung bet ihm hervor, so auch heute Abend, während Tante Dorothea vor innerer Qual und Unruhe fast verging.

Das Wetter war mittlerweile noch schlechter geworden. Der Regen rieselte stärker als zuvor und bildete große Lachen, die bei dem schlechten Bürgersteig gar nicht zu vermeiden waren.

Leonore stellte der erstaunten Elisabeth, welche den alten Thomas als Beschützer zu sehen erwartete, den Amerikaner vor, der ohne Regenschirm einer wandelnden Dachrinne glich, Sie Aermster," rief Leonore bedauernd aus,ohne Schirm hier so lange warten zu müssen! Aber ich konnte wirklich nicht eher zurückkommen. Meine Freundin"

Die ich vorhin schon die Ehre hatte, zu sehen"

Leonore überreichte Herrn Hamson ihren aufgespannten Regenschirm, während sie unter Elisabeths Schirm schlüpfte und sich an deren Arm hängte.

Aber, mein Fräulein," rief Hamson verwundert,brauche ich denn einen solchen Schutz noch?"

Bitte, behalten Sie den Schirm," erwiderte Leonore, ich habe, wie Sie wissen, meine Freundin zu inftruiren und müßte alsdann zu laut sprechen. Ich habe Dir eine ge­heime Mittheilung zu machen. Elisabeth," setzte sie im gedämpf­ten Tone hinzu,welche Dich insbesondere interessiren, ja, ge­waltig aufregen wird. Herr Hamson ist heute Abend mit Willibald Ehrhard hier angekommen."

Elisabeth stieß einen leisen Schrei aus.

Willibald ist zurückgekommen?" rief sie, in ihrer Auf­regung jede Vorsicht vergessend.Er ist hier und bei Euch?"

Um Gotteswillen, Kind, schrei' es nicht in die Welt hinaus!" warnte Leonore erschrocken.Du vergißt, welche Gefahr ihm hier droht."

Sie blickte sich um, konnte aber nur eine Frau entdecken, welche in diesem Augenblick eiligst unter ihrem großen Regen­schirm die Fahrstraße überschritt.

Ach ja, ich vergaß in der ersten überwältigenden Freude und Ueberraschung, daß er hier geächtet ist, der arme, arme Willibald!" seufzte Elisabeth.Was sagen Deine Eltern aber dazu? Haben auch sie sich gefreut?"