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„Seine« Richtern sich überliefern, natürlich!" erwiderte der Amerikaner achselzuckend.
„Um Gotterwillen, dar müssen wir um jeden Preis verhüten," rief die alte Dame entsetzt.
. „Weshalb war Papa so schroff gegen ihn!" schmollte Leonore. „Was machen wir nur, um ihn zur Abreise zu bewegen?"
„Sie wünschen also auch seine Entfernung, mein Fräulein?" fragte Hamson vorwurfsvoll.
„Weil wir Alle machtlos sein werden, ihn von einer wahnsinnigen Handlung zurückzuhalten," versetzte Leonore traurig.
„Ich glaube, baß jene junge Dame, welche er sehnsüchtig wiederzusehen wünscht, wohl dazu im Stande sein würde, mein Fräulein!"
„Elisabeth Ehrhard? O, das wäre möglich, da sie stets offen und furchtlos selbst dem jähzornigen Hauptmann gegenüber seine Partei ergriffen hat," rief Leonore lebhaft. „Das ist ein guter Gedanke, Herr Hamson, den ich sofort auaführen werde. Du erlaubst doch, liebe Mama, daß ich hingehe und sie hole, es ist ja nicht weit bis Tante Dorotheas Wohnung, wo sie sich beim Whist der alten Leutchen sträflich langweilen wird. Thomas kann ja mitgehen."
„Würden Sie meine Begleitung nicht für aufdringlich halten, mein Fräulein?" fragte Hamson etwas unsicher und verlegen.
„Ich bitte darum," sagte die Frau Professor freundlich, bevor Leonore in unberechenbarer Mädchenlaune es vielleicht abschlagen konnte.
Sie dachte gar nicht daran, dieser blonde Amerikaner gefiel ihr offenbar sehr gut.
In zwei Minuten war sie zum Fortgehen bereit, eine Raschheit, die dem jungen Manne zu imponiren schien.
„Du wirst Elisabeth nicht mitbringen," meinte die Mutter, „der Hauptmann läßt sie nicht vom Whist los."
„Bah, dann trete ich für sie ein," erwiderte Leonore, „spielen Sie Whist, Herr Hamson?"
„O ja, aber nicht besonders gut."
„Dann sind wir ja geborgen, kommen Sie, mein Herr, ach, da klingelt'», wer mag denn jetzt kommen? Soll ich Dich verleugnen, Mama?"
„Thomas öffnet schon, da nützt kein Verleugnen mehr, aber geht nur, damit kein längerer Aufenthalt — Herrgott, es ist die Bernhardine Melchior, wenn die den Willibald sähe, wäre er verloren."
„Za, sie ist er," sagte Leonore, welche hinausgehorcht hatte, „halte sie fest, Mama, bis ich Papa Bescheid gegeben, — Willibald muß bleiben, bis sie fort ist. Aber mit wem spricht sie denn draußen auf dem Flur? — Himmel, mit Papa — da muß ich doch gleich dazwischen fahren!"
Leonore öffnete entschlossen die Thür und trat hinaus. Draußen auf dem großen Flur, der durch eine an der Decke hängende Lampe hell erleuchtet war, stand eine Dame von vielleicht fünfzig Jahren mit einem harten, verbitterten Gesicht, kalten, erbarmungslosen Augen und einer abweisend hoch- müthigen Haltung. Sie war mit puritanischer Einfachheit gekleidet, ein grauer Regenmantel von unmodernem Schnitt, eine schwarze Kopfhülle und wollene Handschuhe, welche die kräftigen Hände, die einen dicken Regenschirm wie eine Barriere vor sich hielten, noch größer erscheinen ließen, machten Fräulein Bernhardine Melchior gerade nicht zu einer anziehenden Erscheinung.
„Guten Abend, Lore!" sagte sie mit einer unangenehm schneidenden Stimme. „Ich suche meinen Bruder bei Euch und höre von Deinem Vater, daß er wieder bei der alten Ehrhard, wahrscheinlich also beim Whist sitzt. Lucie hat ihren Anfall wieder und verlangt nach ihm; da bin ich nun herumgelaufen, weil die neue Magd kaum am Tage, geschweige denn Abends sich irgendwo hinfinden kann. Er sagte beim Fortgehen, daß er hierher wollte, — nun fängt der Johannes auch mit Surren und Lügen an, es ist ein wahres Kreuz mit
der Menschheit. Zur Ehrhard geh' ich nun einmal nicht, könnte Euer Thomas es nicht für mich ausrichten?"
„O, recht gern," beeilte sich der Professor eilfertig zu erwidern. „Thomas!" tief er in den Keller hinab.
„Thomas ist für mich nach der Apotheke!" fchrie die Köchin, welche irgendwo gehorcht zu haben schien.
„Ich stand gerade auf dem Sprunge, an Tante Dorothea eine Botschaft von Mama zu Überbringen und werde dem Onkel Candidat gern Deine Bestellung ausrichten, Tante Bernhardine!" sprach Leonore mit harmloser Miene.
Sie war es von Kindheit an gewohnt worden, die näheren Freunde des Hauses mit der vertraulichen verwandtschaftlichen Anrede zu begrüßen, obwohl ihr derartige Tanten wie Fräulein Bernhardine durchaus nicht geheuer waren.
„Gut," nickte letztere, „ich will Ihre Frau nicht mehr stören, Professor, und gleich mit Lore fortgehen. Wann bist Du denn eigentlich nach Hause gekommen? Du warst doch in Dresden?"
„Heute Abend vor einer Stunde bin ich angekommen mit einem Besuch sür Papa," log Lore mit großem Gleich- muth, „es ist der Sohn eines Studienfreundes von Papa, ein steifer Engländer, der uns mit seinen langen Beinen recht gut begleiten kann."
Sie öffnete nach diesen Worten die Zimmerthür und rief ganz ungenirt hinein: „Tante Bernhardine läßt sich Dir empfehlen, Mama, sie hat keine Minute Zeit, weil die arme Tante Lucie wieder ihren Anfall bekommen hat. Kommen Sie rasch, Herr Hamson!"
Der Amerikaner gehorchte eilfertig, schlüpfte in den ihm von dem Professor dargereichten Ulster und nahm seinen Hut.
„Ich bin bereit, mein Fräulein!"
Leonore blinzelte ihn bedeutsam an und stellte ihn dann etwas weitschweifig als den Sohn des Studienfreundes aus Oxford und so weiter vor, was Mr. Hamson auch sofort begriff.
Dann gingen sie in das recht unbehagliche Abenddunkel hinaus.
Fräulein Bernhardine, welche schweigend neben der lustig plaudernden Leonore hinschritt, hing eigenthümlichen Gedanken nach, welche dem jungen Mädchen sicherlich nicht behagt haben würden, wenn es dieselben hätte ahnen können- Dabei horchte Jene auf die Plaudereien und auf die Antworten des Fremden, wobei ein häßliches Lächeln ihre dünnen Lippen verzerrte und die kalten Augen boshaft funkelten.
Sie schloß ganz richtig, daß Leonors den Gast nicht zu der alten Dame mitnehme, also bald wieder heimkehren werde, und baute darauf ihren heimtückischen Plan, der fle im Falle des Gelingens in den Besitz eines Geheimnisses, welches die Ehrhard'fche Familie compromittiren mußte, fetzen konnte. Eine solche Möglichkeit schon spornte da» Fräulein zu jedem erdenklichen Wagniß an, da sie nichts mehr auf Erden haßte, als den Hauptmann Ehrhard und feine Stieftochter.
Sie hatte den Lieutenant Ehrhard einst leidenschaftlich geliebt und sich in ein Glück hineingeträumt, das Ehrhard durchaus nicht verwirklichen wollte, weil er überhaupt nicht an's Heirathen dachte und der Schwester seines Jugendfreunde» nur Höflichkeiten, aber niemals derartige Gefühle, welche sie zu einer solchen Annahme hätten berechtigen können, entgegengebracht hatte. Als er, ein invalider Hauptmann, aus dem Kriege heimkehrte, auf feine schmale Pension angewiesen, da glaubte die immerhin Bedauernswerthe, welche wohlhabend genug war, ihm ein sorgenfreies Leben zu gestalten, ein Recht auf feine Hand und auf fein Herz zu besitzen und stand zu ihrer Geschwister Entsetzen gerade im Begriff, den Hauptmann zu einem Heirathsantrag ganz offen aufzufordern. Sie ließ sich von der nicht unbegründeten Ansicht dabei leiten, daß der invalide Hauptmann jetzt nicht den Muth haben werde, um ein wohlhabendes Mädchen, welches doch eben erst die dreißig überschritten, anzuhalten, daß ungewöhnliche Umstände somit auch ungewöhnliche Schritte rechtfertigten, als das gänzlich Unerwartete sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf, Ehr- Hard sich mit der Wittwe feines gefallenen Freunde» vermählte.


