Ausgabe 
5.1.1895
 
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jfe, Samstag den 5. Januar.

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UntrrhaUungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

Sturmfluth.

Roman von Em. Heinrichs.

(Fortsetzung.)

Natürlich werden Sie Elisabeth Wiedersehen," rief das junge Mädchen ungeduldig,ich begreife Deine Furcht gar nicht, Papa! Es ist nicht hübsch von Dir, ihn so zu behan­deln und Tante Dorothea »n seinen Augen herabzusetzen. Hast immer seine Partei ergriffen und Dich mit dem alten Querkopf von Hauptmann beinahe überworfen, weil er gar keine Billigkeit von wegen der Disziplin und ihrer grausa­men Consequenzen gelten lassen wollte; und nun Dein Lieb­ling hier leibhaftig vor Dir steht, sprichst Du ihm das Recht der Heimkehr ab und zeigst ihm ungastlich die Thür. Ich gehe sofort zu Tante Dorothea."

Das läßt Du bleiben, kleine Thörin!" unterbrach der Vater fie heftig,was weiß ein solcher Kindskopf von dem Ernst des Lebens? Uebrigens würdest Du dort die ganze Verwandtschaft beisammen treffen."

Leonore war bei der harten Zurechtweisung blaß ge­worden. Sie preßte zornig die Lippen aufeinander und blickte dann wie hilfesuchend zur Mutter hinüber.

Es ist ein recht schlimmer Fall, lieber Willibald!" nahm diese nun rasch das Wort,zumal unser jetziger Herzog in solchen Dingen wohl noch strenger urtheilt als sein Vater. Wären Sie nur im vorigen Frühjahr zurückgekehrt, vielleicht hätte der alte Herzog Karl, welcher im April starb, auch vor zehn Jahren schon den Fall milder angesehen und Ihnen jetzt Gnade angedeihen lassen."

Ich lag im vorigen Frühjahr selber krank darnieder," erwiderte Ehrhard düster.

Weil er bei einer Ueberschwemmung zwanzig Menschen- Icbctt

Bitte, Richard, das gehört nicht hierher," unterbrach Willibald den Freund.

Ich denke doch, mein Freund," fuhr dieser unbeirrt fort. Du hast idurch viele Großthaten jene kleine Schuld längst getilgt. Ich setze nämlich voraus, daß der damalige Schlag Willibald'» den brutalen Menschen tödtete."

Nein, der lebt heute noch, hat, glaub' ich, eine Civil-

versorgung erhalten," sagte der Professor.Bei jenem Rettungswerk verunglückte also Ehrhard?"

Beinahe, ein Balken streifte ihn so stark, daß er den Athem verlor und die Fluth ihn hinunterrtß," antwortete Hamson trocken.

Worauf Du mich wieder heraufholtest," sagte Ehrhard achselzuckend.Wozu solche Geschichten auftischen, Richard? Mich freut's, daß ich kein Menschenleben auf dem Gewissen habe, aber trotzdem ist meine That eine sehr schwere. Ich hatte den Fahneneid geschworen und mußte demnach meine Strafe hinnehmen, wie das Urtheil auch lauten würde. Vielleicht war es dieses Gefühl, welches mich drüben wie mit unheimlicher Gewalt vorwärts trieb, mich, wenn ich ermattete, immer wieder anspornte, das höchste zu erreichen, den Namen meines Vaters dadurch rein zu waschen von dem schwarzen Fleck, was mich aber auch niemals zum Glückgenuß, nie zum inneren Frieden gelangen ließ. Jetzt erst erkenne ich den Weg der Pflicht und werde ihn gehen, ohne nach rechts und links zu schauen. Verzeihen Sie mir, mein theurer, väterlicher Freund! Vielleicht kommt die Stunde noch, wo auch Sie und Tante Dorothea sich meines Anblicks erfreuen werden."

Erlaube mal," nahm Hamson rasch das Wort,jetzt gefällst Du mir ganz und gar nicht. Was willst Du tntt Deiner langen Rede denn eigentlich sagen? Erkläre Dich deut­lich, da ich hiernach auch meinen Weg bestimmen muß."

Ich wollte Dich soeben bitten, ohne mich wieder nach Amerika zurückzukehren, lieber Hamson!" erwiderte Ehrhard ruhig.

So und damit soll ich zufrieden sein und mich trollen, meinst Du!" rief der Amerikaner kurz auflachend.Wie denken Sie über solche Freundschaft, mein Fräulein?" wandte er stch an Leonore.

Daß sie die Fahrt über'« Weltmeer nicht verlohnte," versetzte diese erregt.Sprich doch, Papa, nur Du allein hast ihn zu irgend einem unheilvollen Entschluß getrieben."

Bitte, Willibald, folgen Sie mir in mein Zimmer," sprach der alte Herr nach kurzem Zögern,dort wollen wir M Sache unter vier Augen überlegen."

Er ging hinaus und Ehrhard folgte ihm schweigend.

Was mag der Willibald denn nur vorhaben?" fragte die Frau Professor ängstlich.