Ausgabe 
4.7.1895
 
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stch vorbereitete, hatte seine Heirath mit der Tochter des Marquis von Lavaline verschoben und sich beeilt, seine Reise« Vorbereitungen za treffen.

Als Generalpächter scheute er die nahe Controlle der Mandatare der Nation. Baron Lowendaal besaß eine feine Witterung.

Am Vorabend de» 10. August warf er sich daher, von seinem Faktotum Leonhard begleitet, in eine Postchaise, indem er aller, war er an Geld zusammenraffen konnte, mit stch nahm und dem Postillon den Befehl gab, die ersten Relais vorübergehen zu lassen.

Der Baron reiste wie Einer, der sich flüchtet.

In Crepy mußte er jedoch Halt machen. Die Pferde konnten nicht mehr weiter.

Der Morgen hatte die Nacht verjagt, und auf der Ebene fegte das Tageslicht bereits die Wolken hinweg und erhellte die Schatten. Die letzten Sterne erloschen auf dem blauen Hintergründe des Himmels, während auf der Seite von Soiffons die Sonne aufging.

Baron von Lowendaal begab sich in fein Schloß, das in der Nähe des Dorfes Jemappes an der belgischen Grenze gelegen war. Von Geburt Belgier, wenn auch Fran« zoss geworden, fühlte stch der Baron dort in Sicherheit. Die Revolution würde ihn niemals auf dem belgischen Terri« torium suchen, außerdem hatte stch die Armee de; Herzogs von Braunschweig an der Grenze versammelt, die nicht zögern würde, die Sansculotten zur Vernunft zu bringen und den König in alle seine Vorrechte wieder einzusetzen. Er kam mit einer kurzen Aufenthaltsveränderung fort, gerade Zeit genug, um die reizende Tochter des Marquis von La- valine zu heirathen eine einfache Hochzeitsreise.

Sr hatte seine Hochzeit auf den 6. November festgesetzt, denn er mußte vorher in der Stadt Verdun, deren Tabaks« Pflanzungen er verwaltete, eine große Geschäftsangelsgenheit erledigen.

Nach dem Verlassen von Pari» war er eingeschlafen, ganz sicher, daß er entschlüpfen könnte, wenn man zufällig versuchte, ihn zu verfolgen; seine Pferde waren ausgezeichnet und konnten nicht eingeholt werden.

Er erwachte, al» bereits einige schützende Meilen zwischen ihm und den Sansculotten lagen.

Die Nase am Wagenschlag, sog er die Morgenluft ein und da die ersten Häuser von Crepy bereits passirt waren, gab er ganz beruhigt dem Postillon den Befehl, Halt zu machen. .....

Dieser gehorchte von Herzen gern, es hatte ihn sehr gekränkt, daß er an den besten Schänken ohne einen Schluck, ohne ein Bischen Geplauder vorüber hatte fahren müffen. Und doch hatte er so viel zu erzählen I Es kommt nicht alle Tage vor, daß man Paris sich bewaffnen und sich anschicken steht, den König aus dem Schlosse seiner Väter zu delogiren. Ja, das waren Neuigkeiten! Wie hätte man ihm gelauscht und ihn regalirt, wenn er erzählt hätte, was stch in den Sektionen zutrug.

Im Hotel «zur Post" wurde Relais gemacht.

Während der Wirth und seine Leute herbsieilten, dem Baron ein Bett und ein Frühstück anboten, indem sts die verschiedenartigsten Erfrischungen aufzählten und sich mit un« ruhigen Mienen um ihn drehten, um Nachrichten aus der Hauptstadt zu erhalten, entfernte stch sein Vertrauensmann Leonhard auf einen Moment unter dem Vorwande, sich zu vergewissern, ob auch kein allzu neugieriger Bürger in der Umgegend umherschweife.

Seit der mißlungenen Flucht des Königs nach Varennes waren nicht nur die Munizipalitäten viel mißtrauischer, sondern auch viele Private strebten nach dem Ruhme des Bürgers Drouet, der die Ehre gehabt hatte, Ludwig XVI. zu ver« hasten.

Diese freiwilligen Wächter untersuchten und durchstöberten

jeden verdächtigen Wagen. Eine Postchaise wat für die Wachsamkeit der Patrioten besonders geeignet.

Zum Glück für den Baron war der lokale Patriotis« mus noch nicht aufgestanden, als die Postchaise lärmend in die gute Stadt Crepy-en-Valois einfuhr.

Während der Reisende sich vor einer appetitlichen Taffe dampfender Chokolade niederließ, die eine stämmige Magd herbeitrug, hatte stch Leonhard im Stalle eingeschloffen. Dort begann er, das Licht einer Laterne benützend, in Muße den Brief zu lesen, den ihm Fräulein von Lavaline im Augen­blick der Abreise anvertraut hatte.

Man he hatte ihm, indem sie ihre Bitte mit zwei Doppel-Louisd'ors unterstützte, ans Herz gelegt, diesen wichtigen Brief erst abzugeben, wenn der Baron Paris verlassen haben würde.

Leonhard, ein Geheimniß witternd, dessen Entdeckung ihm nützlich fein konnte, beschloß vorerst in dieses so ernste Schreiben Einsicht zu nehmen.

Die Geheimnisse der Herren sind manchmal da« Glück der Dienstboten.

Er hatte bemerkt, wie diese vom Baron gewünschte Heirath Fräulein von Lavaline peinlich war. Vielleicht be« fand sich in diesem ihm übertragenen Briefe eine ernste Ent­hüllung, aus der er in der Folge leicht Nutzen ziehen konnte. Kühn, aber mit gewissen Vorsichtsmaßregeln, um dem selt­samen Briefs später sein ursprüngliches Aussehen wieder zurückgeben zu können, brach er das Siegel, indem er sich der vorher an der Flamme der Laterne erhitzten Klinge eines Messers bediente. Er las und sein Gesicht drückte die tiefe Ueberraschung aus, in die ihn das enthüllte GeheimM

Der Brief Blanches lautete folgendermaßen:

Herr Baron! Ich schulde Ihnen ein peinliche« Ge- ständniß, das ich Ihnen machen muß, um Sie nicht länger über mich in einer Illusion zu lassen, welche die Ereignisse bald grausam zerstören werden.

Sie haben mir Ihre Neigung geschenkt und haben von meinem Vater die Einwilligung zu einer Heirath erlangt, in der Sie Ihr Glück, vielleicht Liebe zu erwarten hoffen.

Das Glück ist für Sie in einer solchen Verbindung un- möglich; Liebe könnte ich Ihnen nicht versprechen, da mein Herz einem Anderen gehört. Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht den nenne, dem meine ganze Seele gehört, und als dessen Frau vor Gott ich mich betrachte.

Mir bleibt noch ein letztes Geständniß: Ich bin Mutter, und nur der Tod kann mich von meinem Gatten, dem Vater meines kleinen Henriot, trennen.

Ich folge meinem Vater nach Jemappes, weil er dies wünscht. Aber ich wage zu hoffen, das Sie, nun in Kennt- niß des unübersteigltchen Hindernisses, welches sich der Verwirklichung Ihrer Pläne entgegensetzt, mit mir Mitleid haben und mir die Schande ersparen werden, meinem Vater die wirkliche Ursache zu enthüllen, welche diese Heirath un­möglich macht.

Ich vertraue, Herr Baron, auf Ihre Discretion als Ehrenmann. Verbrennen Sts diesen Brief und glauben Sie an meine Dankbarkeit, und an meine Freundschaft. Blanche." (Fortsetzung folgt.)

Literarisches.

Kommen Ladendiebstähle in großer Zahl vor? Diese interessante Frage wird in einer criniinalisten Skizze der bekannten Familienzeitschriftgtit Guten BlltNde" (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong & So., Preis des Vierzehntagshestes 40 Pfg.) der Erörterung unterzogen. Der weitere Inhalt des vorliegenden neuen (23.) Heftes der beliebten Familienzeitschrift ist gleichfalls hochinteressant und fesselnd. Die RomaneEcce ego Erst komme ich!" von Ernst von Wolzogen undDer Fremde" von Robert Kohlrausch gewinnen mit jeder Fortsetzung noch an Spannung, die Artikel sind durchweg von actuellem Werthe und die farbigen und schwarzen Illustrationen wie immer ganz vorzüglich. DieJllustrirte Klassiker-Bibliothek" (Gratis­beilage) mit Chamissos reizend illustrirten Gedichten schließt den reich­haltigen Lesestoff ab.

Redaetion: A. Scheyda, Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schtyda) in Gießen.