Ausgabe 
4.7.1895
 
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vön Baron Fulkes Einladung von Cora viel gleichgiltiger, als sie erwartet hatte, ausgenommen.

Sir Fulke ist sehr freundlich," lautete Coras Antwort, aber ich ginge lieber nicht hin. Wollen Sie ihm das sagen, Frau Digby?"

Unmöglich, meine Liebel" entgegnete diese-Wenn Sir Fulke es wünscht, Sie einzuladen, würde ihn eine Weigerung beleidigen. Wenn ich Sie recht verstehe, stimme ich Ihren Gründen vollständig bei. Doch ich wiederhole: Sie müssen hingehen I"

Cora durchschauerte es fast bei dem Gedanken. Sie er­innerte sich nur zu lebhaft der einzigen großen Gesellschaft, die sie jemals besucht hatte ... des verhängntßvollen Balles in Villa Faro, der so viel Unglück herbeigeführt hatte.

Es thäte mir sehr leid, Sir Fulke zu kränken, aber ich ginge doch lieber nicht hin. Bedenken Sie, daß mir dort alle Leute fremd sind. Ich kann mich nicht in eine solche Gesell« schäft begeben. Ich sehne mich nur darnach, ruhig, unbekannt und ungestört sein zu können und Alles zu thun, was in meiner Macht liegt, um mich für Ihre Güte dankbar zu erweisen- Bitte, reden Sie Str Fulke zu, daß ich zu Hause bleiben darf."

Frau Digby schüttelte den Kopf.

Ich kenne ihn zu gut, Cora. Er würde es Ihnen nie vergeben. Ihre Ansichten über Ihre Stellung und die Ver« hältnifle sind sehr richtig und machen Ihnen alle Ehre, aber für dieses Mal halte ich es doch für besser, nicht zu versuchen, Sir Fulkes Wunsch entgegenzutreten."

Wahrlich, das ist Sclaverei!" sagte Cora zürnend. Lieber wäre ich in meiner früheren abhängigen Stellung ge« blieben, als daß ich mich hier der Gefahr aussetze, getadelt und verachtet zu werden. Doch das ist der Preis, den das arme Findelkind zahlen muß und es bleibt mir nichts übrig, als es so gut als möglich zu ertragen."

Frau Digby sah sie verwundert an; sie hätte alles Andere eher erwartet als das. Sie hatte gemeint, das unbekannte Mädchen werde der Einladung und da- Anerbieten eines eleganten Gesellschaftskleides mit Freuden annehmen. Statt dessen sprach sie von Unglück und Sclaverei.

Es ist schwer, Sie zu verstehen, Miß Cora, doch sobald Sie so freundlich sind und Sir Fulkes Güte und Großmuth annehmen, brauchen wir nur noch ein Kleid für Sie zu wählen, denn wir haben gar keine Zeit zu verlieren. Meine Tochter wird wohl irgend eine matte Farbe tragen," fuhr sie fort.Sie werden jedenfalls nicht dasselbe wählen?"

Nein, nein!" rief Cora erregt, als sie sich jenes unglück­lichen Tages erinnerte.Schwarz soll es sein .... das ist das Passendste und wird Niemandens Aufmerksamkeit auf mich lenken. Ist Ihnen das recht, Frau Digby?"

Was Ihre Toilette anbelangt, so läßt sich vielleicht meines alten Onkels Idee mit Ihren Ansichten verbinden- Ich halte ein schwarzes Spitzenkleid für ganz passend und dabei doch so elegant, daß meine eigene Tochter sich nicht zu schämen brauchte, es zu tragen. Sie und Trissa werden mich heute Nachmittag zu Madame Souton begleiten und^dort werden wir das für Sie Paffende wählen."

Cora verneigte sich kalt.

XL.

Der ereignißvolle Abend war da- Wagen auf Wagen rollte vor Sir Fulkes Hause vor. Als seine Nichte Frau Digby mit ihren beiden Schützlingen eintrat, reichte Sir Fulke eben einem Diplomaten, den er auf seinen großen Reisen kennen gelernt hatte, die Hand und als er Frau Digby und deren junge Damen begrüßte, benützte er die Gelegenheit, sie seinem Bekannten vorzustellen.

. , »Helene, meine Liebe, bitte, nimm Dich meines Freundes, des Grafen de Bsttune an," sagte er.Triffa und ihrer Freundin wird es nicht schwer fallen, sich mit ihm zu unter­halten, obgleich er seine Muttersprache in seiner zweiten Hermath Italien fast vergeffen hat. Ist es nicht so, Herr

Derselbe war hübsch und hatte ein sehr elegantes Aeußere. Für den Augenblick schien die goldhaarige Blondine des Grafen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber sehr bald wandte sich dieselbe Cora zu-

Vielleicht ist die Signora eine geborene Italienerin," sagte er in einem Tone, daß Cora sich kaum eines Lächeln» erwehren konnte.

Sie gab die Antwort in so reinem Italienisch, daß ein Ausdruck hoher Freude seine gebräunten Züge erhellte.

Nun, wenn da« nicht der Fall ist, so muß ich Sie doppelt bewundern," sagte er.Aber Sie haben vielleicht längere Zeit in Italien gelebt?"

Nein," lautete ihre Antwort,keineswegs! Aber ich liebe die Sprachen und ich hörte in dem Hause, wo ich er­zogen wurde, viel italienisch reden."

Sie wurde durch Sir Fulke unterbrochen, der soeben zu ihnen trat.

Helene, wir möchten etwa» Musik hören," sprach er zu Frau Digby.In dem Mustksaale steht ein herrlicher Flügel, eine Harfe und noch andere Instrumente."

Mein lieber Onkel, hättest Du mir die Ehre angethan, mich darüber zu befragen, würde ich Dir gerathen haben, bei einer so großen Gesellschaft zu diesem Zwecke ausübende Künst­ler zu laden," entgegnete Frau Digby, indem sie flüchtig nach Trissa hinsah und ihr Blick dann mit Unbehagen auf dem ruhigen Gesicht Coras haften blieb-

O nein I Das ist meiner Meinung nach stets eine große Beleidigung gegen seine Freunde," entgegnete der alte Baron. Damit ist doch gewissermaßen gesagt, daß Keiner von ihnen das Talent hat, zu unterhalten- Kann Triffa nicht singen?"

Mein lieber Onkel, wie kommst Du auf eine solche Idee? Triffa ist noch ein halbes Kind und natürlich schüchtern. Vor einer so großen Gesellschaft davon bin ich überzeugt könnte sie keinen klaren Ton hervorbringen."

Daraus sieht man, daß sie mehr an die Zuhörer al« an die Musik denkt," bemerkte der alte Baron.

(Fortsetzung folgt.)

Madame Sans GAe.

Roman nach Victorien Sardou und F. Morrra«.

Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

Zweiter Theil.

Aie Marketenderin.

i.

In der Postchaise-

Sie werden nicht anhälten, steh' nur, wie der Postillon seine Peitsche knallen ließ, als er vor demSchildthaler" vorüberfuhr, er schien uns zu necken."

Die Reisenden sind heutzutage nicht so zahlreich."

Man steht sie schon fast nicht mehr- Sie gehen scheint's, zum goldenen Löwen."

Oder ins weiße Roß."

Ein doppelter Seufzer markirte diese Worte, die der rundliche Wirth des Hotelszum Schildthaler" und feine schmächtige Gattin auf der Schwelle des größten Wirthshaufes von Demmartin melancholisch miteinander wechselten.

Seit den Ereigniffen, welche dem 20 Juni ge­folgt waren, waren Reisende in der Postchaise sehr selten ge­worden.

Der Wagen, der den enttäuschten Augen der Wirths- leute vomSchildthaler" entschwunden war, hatte Paris am Vorabende verlaffen, wahrscheinlich als der letzte, der die Barrieren passirte, denn der Befehl, Jedermann ohne Unter, schied am Verlaffen von Paris zu hindern, war Abends noti- sizirt worden, als der Entschluß gefaßt wurde, die Tuilerien am Morgen anzugreifen.

Baron von Lowendaal, von seinen Freunden benach­richtigt, was in den Sectionsn vorging, und welche Bewegung