Ausgabe 
4.7.1895
 
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nicht die Wolke vergrößern wollen, die über meiner Zukun schwebt, indem Sie mir dieses Glück versagen?"

Nein!" sagte ste mit leiser, sanfter Stimme.Aber ver- lassen Sie mich nicht . . . vergessen Sie nicht JhrVer- sprechen! Ich bin vereinsamt, so unglücklich! Wollen Sie in meiner Nähe bleiben, geliebter Rupert und Ls mir ermöglichen, Sie rufen lassen zu können, wenn ich in der Noch bin? Onkel Treville ist ein düsterer Tyrann und Tante Emily ist so launisch, daß ich zu keinem von Beiden Vertrauen habe."

Er zog einen kleinen filbernen, mit Perlen besetzten Pfeil hervor, ungefähr acht Zoll lang und außerordentlich fein ge- arbeitet, und sagte:Wenn Sie diesen Pfeil in den großen Nußbaum stecken, den ich am Ende von Ihres Onkels Besitzung dicht am Teiche sah, so werde ich stet» in wenigen Stunden bei Ihnen sein. Ich werde täglich mehrmals nach dem Baume sehen und sobald ich das Zeichen bemerke, sofort zu Ihnen

eilen."

Netta betrachtete das Kleinod voll Interesse-

Wie hübsch und eigenthümltch!" sagte ste, scheinbar mehr mit der Schönheit des Pfeils als mit den Worten seines Eigen« thümers beschäftigt.Wollen Sie ihn mir schenken, Rupert? Er ist gar zu reizend!"

Ruppert schüttelte den Kopf-

Ich erfüllte gern jeden Ihrer Wünsche, Netta," sprach er,aber diesen Wunsch zu erfüllen liegt außer meiner Mach^ Ich habe versprochen, den Pfeil niemals wegzugeben und ich wage nicht, mein Wort zu brechen."

So ist es ein Liebespfand?" fragte sie eifersüchtig.

Ein Liebespfand! Vielleicht .... wenigstens hoffe ich eel sagte er mit mattem Lächeln.Aber nicht in dem Sinne, wie Sie es meinen. Es war ein Geschenk meiner Mutter, als ich zum ersten Mal die Heimath verließ ... sie bat mich damals, mich auf keinen Fall von dem Kleinod zu trennen. Aber es wird mir kostbarer sein denn je, wenn es in Ihrem Dienste verwendet worden fein wird. Jetzt aber muß ich Sie verlassen. , .. _ .

Netta reichte ihm mit aufmunterndem Lächeln die Hand und er drückte sie feurig an feine Lippen.

Verzeihung! Es ist nur die ehrerbietige Huldigung meines Herzens, flüsterte er, ließ ihre Hand los und verließ rasch das Zimmer auf demselben Wege, auf dem er gekommen war.

robe gibt."

Es zeigt nur, wie sehr er mich schätzt, daß er die Retterin meines Lebens so belohnt, entgegnete Trissa.Ich kann Deine Besorgniß durchaus nicht theilen, Mama, und ich stnde wirklich, daß es bei uns viel hübscher ist, seitdem Cora hier ist.

Ihre Mutter gab keine Antwort- Trissa war zu inng, als daß sie ihr hätte de« Hauptgrund ihrer Besorgniß mit« theilen mögen, daß ihr Sohn der Anziehungskraft des fremden Mädchens zum Opfer fallen könne. ...»

Run, ich denke, Du ziehst, so lange sie hier ist, möglich!i viel Nutzen aus ihrem Umgang, sprach ste endlich.Es be­darf all' unseres Tactes und der größten Vorstcht, um vte gefürchteten Unannehmlichkeiten zu vermeiden."

Zu Frau Dtgbyr Verwunderung wurde ihre Mittymung

S eiert Sie versichert, daß die Frau nur zu gern so böse Mittheilungen gemacht hätte. Ich bin ganz anderer Meinung. Sie hält mit ihrer Mittheilung nur zurück, um von Ihnen jede Belohnung, die sie dafür verlangt, herauszulocken."

XXXIX.

Ich weiß wirklich nicht, was ich thun soll, meine liebe Trissa," klagte Frau Digby, indem sie mit einem Brief in der Hand in das Schlafzimmer ihrer Tochter trat, als die junge Dame soeben ihre Morgentoilette beendete.Lies hier, was Onkel Fülle schreibt! Es war aber auch zu ärgerlich, daß Du an dem Tage so einfältig warst. Wenn das nicht gewesen wäre, würden wir mit diesem Mädchen, das uns so in Verlegenheit setzt, gar nicht in Berührung gekommen sein."

Aber, Mama, ich that es doch nicht absichtlich," erwiderte, Trissa munter, denn ihr leichtfertiger Character ließ sich nicht so rasch einschüchtern, wie ihre weiter in die Zukunft sehende Mutter.Und Du solltest mich nach der Gefahr, in der meine kostbare Person schwebt, nur noch höher schätzen. Aber sag', was kümmert Dich denn?" setzte sie hinzu und ließ von dem Arrangement ihres glänzenden Haares ab, um den ihr gereichten Brief in Empfang zu nehmen.

Das wirst Du gleich sehen, wenn Du das gelesen hast. Ich glaube, Dein Onkel ist von dem fremden Mädchen be­zaubert und ich muß gestehen, auch ich fange an, ste lieb zu gewinnen .... wenn man nur wüßte, wer sie ist, entgeg­nete die Mutter.

Triflas glänzende Augen flogen rasch über die Zeilen.

Nun, Mama. Onkel Fulke labet uns zu einem großen Empfangsabend in sein Haus, sagte sie, das Billet zurück- gebend,und bietet uns das heißt Cora und mir neue Kleider auf seine Kosten an. Was willst Du mehr? Ich werde mir das Schönste, was in ganz London zu haben ist, aussuchen. Der gute alte Onkel! Er beschränkt uns nicht im Preise!

Trissa schlug in kindlicher Freude die Hände zusammen. Ihre Mutter griff ärgerlich nach dem Brief.

Ich sollte meinen, Du wärest zu alt für solche Kindereien, Trissa. Ich dachte nicht an das neue Kleid, denn . . -"

Denn das werde ich bis in mein spätestes Alter zu würdigen wissen," unterbrach sie die junge Dame.Neberlege doch, Mama! Was soll ich nehmen? Hellblaue Seide mit weißen Spitzen wäre passend, da es doch kein Ball ist, und es werden gewiß eine Menge alte Admirale und alte Damen da sein. Aber, Mama, was bekümmert Dich denn?" fragte sie, indem sie ihre Arme plötzlich um den Hals der gereizten Dame schlang und deren sorgenvolles Gesicht küßte.

Es ist schon gut, mein Kind! sagte Frau Digby und mußte unwillkürlich lächeln.Siehst Du denn nicht, daß das Alles sehr eigenthümlich ist? Onkel Fulke hat uns bisher noch nie in dieser Weise eingeladen.

Und was schließest Du au» dieser plötzlichen Umwand­lung seiner Ansichten?" fragte Trissa heiter-

Es beweist, welche auffallende Zuneigung er zu dem fremden Mädchen gefaßt haben muß.Ich finde aber auch, daß er ihr übertrieben viel Geld zur Bestreitung ihrer Garde-

Es war vielleicht seltsam, daß zu derselben Stunde, in der die beiden jungen Leute diese Gedanken austauschten, der Lord Graf Treville dem Bericht seines treuen Abgesandten lauschte.

Nun, Ponsford? Fassen Sie stch kurz. Was haben Sie in Erfahrung gebracht? fragte er hastig.Ich will keine lange Geschichte ... ich möchte nur das Resultat hören-

Ich habe leider sehr wenig erfahren, Mylord. Ich habe mit Frau Falkner gesprochen, Sie gesteht, ^ sie die Dame in ihrer Obhut gehabt hat und daß diese auch ein Kind bei ihr geboren .... aber ste weigert sich, zu sagen, ob es ein Knabe oder Mädchen war und ob das Kind todt ist oder noch lebt. Sie will erst dann sprechen, wenn der rechte Augenblick dafür gekommen sein wird. Meiner Meinung nach wartet sie noch auf eine große Belohnung oder auf einen be« stimmten Zeitpunkt, wo sie glaubt, noch mehr Nutzen au» ihrer Mittheilung ziehen zu können.

Der Graf überlegte einige Augenblicke; allmälig nahmen seine Züge einen noch düstereren Ausdruck an.

Ich fürchte noch Schlimmeres als das, Ponsford!" sprach er.Mir scheint, der unglückliche Sprößling des armen Opfers irrt vielleicht als Verbrecher in der Welt umher oder führt ein Leben voll Schande und Roth, was ich erst dann erfahren soll, wenn es mit aller Hoffnung auf Rettung vorbei ist. Es ist eine bittere Strafe für eine Jugendsünde, Pons­ford, und doch habe ich mein ganzes Leben hindurch dafür gebüßt, wenn Reue, Einsamkeit, die Entbehrung aller Liebe, aller Freude und des inneren Friedens etwas abbüßen kann-

Mylord, trösten Sie sich!" sprach der Diener ernst.