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den Ausdruck annahmen, während dis kleinen Hände nervös mit dem Bügel eines Ledertäschchens spielten, das aus ihrem Schooße lag.
Die Erscheinung der jungen Dame überraschte bald darauf den Fremden und fesselte seinen Blick. Er konnte sich nicht satt sehen an diesem goldig schimmernden Haar und dem kindlich-süßen Antlitz, das er verstohlen, aber mit unverhohlenem Entzücken betrachtete. Dabei fühlte er sich sonderbar ergriffen, das Herz pochte ihm mächtig in der Brust mit lauten Schlägen und das Blut stieg ihm heiß auf Stirn und Wangen.
Er schüttelte den Kopf und lehnte sich sinnend zurück. Diese schöne Unbekannte weckte plötzlich alle Geister der Vergangenheit in ihm und kleidete sie in lebenswarme, leuchtende Farben. Ja, da« waren die lieblichen, feinen Züge des Mäd- chen«, das er einst so innig geliebt — das er noch liebte und niemals vsrgeffen hatte. Die Erinnerung an heitere, sonnige Tage seiner ersten Jugendzeit stieg plötzlich vor ihm auf und zugleich ein Gedanke an eine kleine, holde Spielgefährtin, deren Bild unauslöschlich in seinem Herzen eingezeichnet war.
Er vergrub das Gesicht in beide Hände und verharrte lange bewegungslos in tiefes Grübeln verloren. Es war doch wunderbar, wie sehr das fremde junge Mädchen dort drüben am Fenster seiner ehemaligen kleinen Freundin glich Es waren dieselben Haare, dasselbe Gesicht und jener unwiderstehlich holdselige Reiz in jeder Bewegung, der nur ihr, der Unvergeßlichen, eigen war, die er vor acht Jahren, damals in knospender Jungfräulichkeit, zum letzten Mal gesehen hatte. Wie lang, wie erbarmungslos lang war die Zeit der Trennung für ihn' gewesen. Das Leben draußen in der weiten Welt hatte ihn nicht zart und schonend angefaßt, sondern mit rauher Hand berührt. Er hatte manchen Sturm ertragen, manches Leid erlitten und reiche Erfahrungen gesammelt. Jetzt stand er da auf eigenen sicheren Füßen in voller Manneskraft, festen Ernst in Sein und Wollen und mit jenem ruhigen Selbst- bewußtsein im Character, welches nur solche Menschen kennzeichnet, die allein mit inneren Kämpfen und äußeren Widerwärtigkeiten fertig zu werden verstehen. Und sie, die ihm einst so nahe stand — was war aus ihr geworden? Was hatte das Leben aus ihr gemacht? Wo weilte sie? Ob sie seiner wohl noch zuweilen gedachte? —
Er strich wiederholt mit den weißen Fingern über seinen dunklen Vollbart, ein weiches Lächeln schwebte um seinen Mund und dann schaute er wieder mit forschenden Blicken auf seine Reisegefährtin. Er war kein dreistes Anstarren, aber eine magnetische Kraft mußte in seinen Blicken liegen, die ihre Macht auf das still und bewegungslos dasitzsnde junge Mädchen ausübte. Sie wandte langsam das blonde Haupt und sah ihn durchdringend an. In ihren blauen Augen lag ein so vorwurfsvoller, stolzer und zugleich rührend fragender Ausdruck, daß er auf Secunden in Verlegenheit gerieth und bestürzt die Wimpern senkte.
In diesem Augenblicks verdunkelte ein breiter Schatten da« Coup« und ein bärtiges Gesicht drängte sich zum offenen Fenster herein.
Es war der Schaffner, der die Fahrkarten zur Einsicht verlangte.
Der fremde Herr reichte die seinlge sofort dem Beamten entgegen, während das junge Mädchen hastig und in augenscheinlicher Verwirrung in ihrer Handtasche danach suchte. Sie riß und zerrte dabei verschiedene kleine Gegenstände hervor, die achtlos zu Boden fielen. Bücher, Schmucksachm, Handschuhe flogen heraus, dann folgten ein paar in Papier gehüllte Butterbrödchen und eine Düte. Endlich fand sich auch die Fahrkarte wieder, welche sie dem schon ungeduldig werdenden Schaffner mit vor Aufregung bebenden Fingern übergab.
Dann machte sie sich daran, die verstreut umherliegenden Sachen wieder anzusammeln und in ihrem Täschchen unterzubringen, bei welcher Beschäftigung ihr der fremde Reisende höflich einigen Beistand leistete. Sie erröthete stark, al« sie ihm ein paar Worte des Dankes sagte.
Gleich darauf setzte sie sich wieder scheinbar gleichmüthig aus ihrem Platz zurecht, glättete ihr Kleid uns zog aus der
Tasche desselben ein Büchlein in Duodezformat hervor, in dem sie eifrig blätterte. Es waren Geibels Gedichte. Aber sie las nicht, sie war zerstreut, ihre Gedanken durchschwsiften das Reich der Träume — bald hierhin, bald dorthin — ohne einen festen Haltepunkt zu find n.
Auch der junge Fremde träumte mit wachen Augen; während das liebreizende Mädchen immer mehr und mehr sein ganzes Jniereffe in Anspruch nahm. Eine selige Ahnung hatte ihn erfaßt, der Klang ihrer Stimme war so bekannt, so vertraut in sein Ohr gedrungen, er hatte nichts gehört als den Ton, aber wie Eckenntniß war es dabei über ihn gekommen.
Doch nun drängte es ihn gewaltsam dazu, sich Gewißheit zu verschaffen, ob ihn sein Ahnen betrog oder nicht. Er ge- i hörte nicht zu den lange schwankenden, langsam handelnden - Naturen, was er ernstlich wollte, führte er schnell au«. So l zauderte er auch nicht länger, sondern erhob sich rasch von [ seinem Sitze, trat vor das junge Mädchen hin und reichte ihr l die Rechte entgegen.
„Hanna," sagte er mit tief bewegter Stimme, „Hanna, l Du bist es, Du mußt es sein, ich kann mich nicht täuschen! ' Nicht wahr, Du bist es ? '
Dann faßte er ihre kleine, weiße Hand und preßte sie s zwischen die seinen. Das Mädchen zuckte zusammen, wie er- ; starrt schauten die großen Blauaugen aus ihrem erblaßten ■ Gesicht. Sie versuchte die Hand zu befreien, die er festhielt, i die klare Stirn zog sich kraus zusammen und die Stimme ; klang verschleiert, als sie erwiderte: „Ja, ich bin's!"
Fliegende Röthe stieg ihm jäh in's Gesicht und dann l überwältigte ihn ein solches Glücksgefühl, als wäre ihm plötz- i lich alle Seligkeit des Himmels zu Theil geworden.
„Großer Gott, welch' glücklicher Zufall," rief er feuch, I „daß jetzt, gerade jetzt unsere Lebenswegs wieder zusammen- | treffen. O Hanna, Hanna, wie freue ich mich! Und mein t Herz erkannte Dich gleich, wenngleich noch Zweifel in mir z waren Du hast Dich im Grunde genommen wenig verändert, weder in de u kindlich-unschuldigen Ausdruck Deiner Züge, $ noch in der eigenthümlich anmuthigen Art Deines Wesens. Nur sehr gewachten bist Du und — schöner geworden. Aber liebe Hanna, Du bist so still? Du sagst kein Wort! Bist Du mir denn so ganz und gar entfremdet, daß Du nicht einmal den Willkommensgruß für mich übrig hast?"
Sie gab keine Antwort, nur ein leichtes, melancholisches Beben bewegte ihre ganz entfärbten Lippen. Ec ließ bewegt | ihre Hand, fallen und blickte sie traurig an.
„Freilich, es ist lange, lange her," fuhr er dann fort, I „seit unserer letzten Begegnung, und wir waren dann durch ; Länder und Meere geschieden. Als wir uns trennen mußten, l warst Du kaum dem Kindesalter entwachsen, eine zarte Blume, die noch kein rauhes Lüftchen berührt. — Doch wie ist er Dir seit jenen fernen Tagen ergangen ? Lebst Du noch immer bei Tante Regina im Magdalenenstift und fühlst Du Dich recht wohl bei dem alten Fräulein im Kloster?"
Das Mädchen seufzte leise auf. „Tante Regina ist vor zwei Jahren gestorben," erwiderte sie, „dadurch haben sich meine Lebensverhältntsse verändert, ich mußte fort von der Heimath und eine Stelle als Stütze der Hausfrau bei fremden Leuten annehmen."
„O, Du arme, arme Hanna!" rief er aus. „Gott im Himmel, so warst Du ganz verwaist, ganz verlaffen und ich wußte nichts davon, sondern glaubte Dich wohlgeborgen in Tante Reginas Schutz."
Er beugte sich zu ihr hinab und streichelte ihr liebkosend das blonde, wellige Haar.
„Warum gabst Du aber niemals ein Lebenszeichen von Dir, armes Kind?" fuhr er vorwurfsvoll fort. „Du konntest mir Nachricht senden, wir waren doch einst so befreundet. Ich hätte Dir helfen, für Dich sorgen können und niemals gelitten, daß Du das Ungemach allein durchmachen mußtest. Ja, warum schriebst Du nicht an mich?"
Sie schaute ihn groß an, mit einem Blick voller Ver- ! wunderung und Stolz. Ihre Stimme klang hart, als sie


