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Erste Liebe.
Novelette von Johanna Berger.
(Nachdruck verboten.)
Es war im wunderschönen Monat Mai, am Samstag vor Pfingsten. Auf dem Bahnhofe in Magdeburg hatte sich ein sehr starker Verkehr entwickelt. Eine Menge von Ver- gnügungsreisenden, große Trupps Soldaten, die auf Urlaub heimwärts gingen, Schüler und Schülerinnen, welche in die Ferien reisten, schoben, drängten und stießen sich auf den Bahnsteigen zwischen Gepäckkarren, mit Packeten beladenen Dienstleuten und Kofferträgern hindurch, um endlich einen Platz in den heute fast überfüllten Waggons zu finden- Die keuchende Locomotive vor dem riesig langen Harzzuge schnaubte mächtige Dampfwolken in die Luft, die Signalglocke ließ ihr Abfahrtszeichen ertönen- — Da plötzlich im letzten Augenblick stürzte eine junge Dame auf ein Nichtrauchercoups zweiter Klaffe zu und schlüpfte behende hinein. Der Schaffner schloß hastig die Thür, denn in demselben Moment setzte sich der Zug auch schon in Bewegung.
Die junge Dame ließ sich athemlos auf einen leeren Ecksitz am Fenster nieder und wehte sich mit dem Taschentuche eifrig Kühlung zu. Nach einer Weile erhob sie den mit einem einfachen Strohhütchen bedeckten blonden Kopf und schaute mit ihren großen blauen Augen neugierig umher. Es befand sich nur noch ein Reisender im Coup«. Er saß auf der andern Seite am Fenster und hatte sich in eine Zeitung vertieft, welche sein Gesicht halb verdeckte. Es war ein hochgewachsener Mann zu Ende der Zwanziger mit feinen, durchgeistigten Zügen. Seine freie Stirn war von dunklen, gerollten Haaren umrahmt und ein paar tiesbraune Augen, denen ein sanftes, schwärmerisches Feuer innewohnte, verliehen dem blaffen, etwas schmalen Antlitz einen eigenthümlichen Reiz- In seiner Erscheinung zeigte sich vornehme Rahe und Haltung, er trug einen goldenen Kneifer, seine Kleidung und Handschuhe waren von tadelloser Eleganz und seine linke Wange hatte ein paar Schmisse — jedenfalls Denkmäler von Tapferkeit aus der lustigen Studentenzeit.
Die junge Dame hatte den ihr unbekannten Reisegefährten einen Augenblick flüchtig gemustert und sich dann abgewandt.
Doch wie durch Zauber angezogen, mußte sie bald wieder ihre Augen auf ihn richten, obwohl sie ihn eigentlich nicht vollständig zu.sehen vermochte. Dieses bleiche, edle Gesicht mit dem eigenthümlich bezwingenden Ausdruck, dieses dunkle Augenpaar mit dem ernsten, sinnenden Blick kam ihr merkwürdig bekannt vor. Nie war ihr eine solche Aehnlichkeit vorgekommen. War er es — er — Curt von Bartenstein, der Jugendfreund, — den sie lange Jahre hindurch nicht gesehen hatte und der jetzt hier so unerwartet auf ihren Weg getreten war?
Ihre Wangen färbten sich mit jäher Purpurgluth, einen Moment strahlte es wie glückselige Freude in ihrem Antlitz auf. „O, mein Gott, wäre es möglich, sollte —" hauchte sie mit bebenden Lippen. Aber gleich darauf wurde sie bleich wie der Tod, ihre Hand fuhr hastig nach dem Herzen, denn sie fühlte dort etwas wie einen schmerzlichen Stich. Sie preßte den kleinen Mund trotzig zusammen, wandte den Kopf dem offenen Coupsfenster zu und schaute hinaus. Doch theil- nahmslos, nur mechanisch, glitten ihre Blicke über die Landschaft, über die im frischen Frühltngsschmucke traumhaft daliegenden grünen Fluren und Wälder, welche im schnellen Fluge an ihr vorüberzogen.
Der junge Fremde hatte bei dem etwas ungestümen Eintritt der Dame nur gleichgiltig und nachlässig seine Augen von der Zeitung erhoben, die er in der Hand hielt- Erst nachdem er seine Lectüre beendet hatte, unterwarf er seine Reisegefährtin einer genaueren Musterung-
Im Coups herrschte eine schwüle, lauschige Dämmerung. Die Purpurstrahlen der Nachmittagssonne warfen zitternde Streiflichter durch die blauen Vorhänge der Fenster und ver- goldeten das blonde Haar, das in reicher Fülle den edelgeform- ten Kopf und das ovale, mattweiße Antlitz der jungen Dame umrahmte. Sie konnte etwa zwanzig Jahrs zählen, aber ihre reinen, auffallend schönen Züge hatten den lieblichen, unschuldigen Ausdruck eines Kindes. Ihre Gestalt war eher klein als groß, mit zarten, biegsamen Formen; sie trug ein einfaches, graues Reisekleid und um die Schultern ein schwarzes Spitzentuch. Den breitrandrigen Strohhut hatte sie abgenommen und neben sich auf den Polstersitz gelegt. Sie saß ganz still und reglos da, die weitgeöffneten blauen Augen starrten unverwandt in die Landschaft hinaus, wobei ihre lieblichen Züge allmälig einen immer mehr träumerischen und abwesen-


