184 —
Kochzeitsgeöräuche.
(Schluß.)
Dir eheliche Verbindung der Mohammedaner ist entweder eine lebenslängliche oder eine nur zeitweise. Die Bedingungen der letzteren werden vor dem Richter (Kadi) ver- einbart, worauf die Heimführung der Braut ohne alle weitere Feierlichkeiten erfolgt. Die Heirath auf Lebenszeit, der in manchen Ländern, z. B. Persien, eine leicht lösbare Ehe auf Zeit zur Seite tritt, wird bloß durch die Eltern und Verwandten des Brautpaares verabredet und der Contract vor dem Imam geschloffen, ohne daß Braut und Bräutigam vorher Gelegenheit hatten, sich kennen zu lernen. Nur der junge Beduine sucht vor der Bewerbung das Mädchen, dar er heirathen will, unverschleiert zu sehen, und erst, wenn ihm dies durch irgend eine List gelungen ist, schickt er den Vater oder einen nahen Verwandten zum Vater der Mädchens, um mit ihm über den Preis zu verhandeln, den er mit ihm an Schafen, Pferden rc. für die Braut entrichten soll. Nach der eigentlichen Vermählungsceremonie, die stets durch Procuratton stattfindet, bleibt die Braut noch bei den Eltern, bis sie, begleitet von Schaaren ihrer Verwandten, ihrem Manne zu- geführt wird. Auf das kostbarste geschmückt, begibt sie sich verschleiert auf einem reichverzierten Pferde oder Kamee! unter dem Schall der Musik in das Haus oder Zelt ihres Mannes, wo abermals eine Hochzeitsfeier stattfindet, an der jedoch nur Frauen Nhetlnehmen dürfen. Unter den rohen Völkerschaften Ostindiens wird die Hochzeit mit wenig Prunk gefeiert und gilt als Ereigniß, das nur die nächsten Anverwandten berührt; vielfach beschränkt sie sich auf die trockene Abwickelung des Kaufgeschäft» für die dem Vater abgehandelte Tochter.
Bei den Bekenner« des Brahmanismus gab es ehemals acht Arten von Ehe- und Hochzeitsformen, die Aeva- lavana, ein indischer Schriftsteller, ausführlich schildert, und von denen die eigentlich der Krtegerkaste vorbehaltene sogenannte Gandharwa-Ehe ohne Einwilligung der Eitern erfolgte und bei den Dichtern besonders häufig erwähnt wird. Jetzt werden in Indien die Mädchen gewöhnlich schon im Atter von 5 oder 6 Jahren versprochen und mit 10 oder 12 Jahren ihrem Verlobten zugesührt. Auch wenn der letztere stirbt, ehe ihn seine Frau gesehen hat, muß diese alle Beschwernisse der indischen Wittwenschaft tragen. Am Abend der Hetmführung setzt man das Brautpaar an ein Feuer, verhüllt beiden das Gesicht, da sie nicht sehen dürfen, was jetzt vorgeht, und legt eine seidene Schnur um sie; dabet spricht ein Brahmane, deren bei Reichen viele in Thätigkeit treten, einige Gebete über sie und gibt ihnen den Segen, indem er wohlriechendes Waffer, Getreidekörner rc. über sie und in» heilige Feuer autgießt. Beim Schmaus am vierten Lage der Hochzeit effen die Brautleute aus einer Schüssel. Da« Heirathen ist in Indien unter den Anhängern der Brah- manen wie unter den Mohammedanern ein reines Geschäft; die bei der Heirathsfeier üblichen Gaben zwischen den Brautleuten und Gästen wie die Gebühren an die Brahmanen und mohammedanischen Kadi», an Verwandte re. betragen selbst für Minderbemittelte nicht unter mehreren hundert Mark, find alio so unerschwinglich geworden, daß im nördlichen Indien die Tödtung der Töchter zur Gewohnheit vieler Klaffen der Bevölkerung geworden ist. In China pflegen die Eltern ebenfalls ihre Kinder schon in der zartesten Jugend zu verloben, wobei vorzüglich auf Gleichheit des Aller», Standes und Vermögens gesehen wird. Am Morgen des Hochzeitstage» werden Geschenke gewechselt, darunter Ringe. Am Abeno erscheint, von seinen Verwandten und Freunden begleitet, unter rauschender Musik der Bräutigam in einer Sänfte, um die Braut abzuholen. Vor ihrer neuen Wohnung angelangt, wird sie von Matronen in» Hau» getragen, zuvor
aber an der Thür über ein Becken mit Holzkohlen gehalten. Nachdem man im großen Saal feierliche Begrüßungen gewechselt und Betelpalmnuß miteinander gegeffen hat, wird die Braut in ihr Zimmer geführt, wo ihr der junge Gatte nach mancherlei Ceremonien den Schleier abnimmt und sie nun zum ersten Mal von Angesicht sieht. Nach der Hochzeit kehrt die junge Frau auf einige Tage zu ihren Eltern zurück, und am Ende des Monats, der in mannigfachen Vergnügungen verfließt, erhält sie von ihren Freundinnen einen Kopfputz, wonach die beiderseitigen Eltern noch einmal zusammenkommen und die Hochzeitsceremonien durch ein glänzende» Fest beschließen. In Japan werden die Brautleute frühmorgens von ihren Verwandten abgeholt, jede» auf einen mit vier Ochsen bespannten Wagen gesetzt und auf einen außerhalb des Wohnorts gelegenen Hügel gefahren, wo in einem kostbar achteckigen Zelte das Bild des Ehegottes aufgestellt ist, deffen Hundskopf anzeigen soll, daß Treue und Wachsamkeit in der Ehe nothmendig seien. Vor demselben steht ein Bonze, der das Brautpaar einsegnet. Die Brautleute haben je eine Hochzeitsfackel in der Hand, welche am Schluß der Ceremonie angezündet wird, indem dis Biaut die ihre an einer Lampe ansteckt und dem Bräutigam darreicht, um die feine daran anzuzünden. Sobalo dies geschieht, erheben die Umstehenden ein Freudengeschrei und nahen mit Gratulationen, während andere außerhalb des Zeltes das ehemalige Spielzeug der Braut ins Feuer werfen nnd fonstiqe Gebräuche vollziehen. Nach der Rückkehr in die Wohnung wird ein Freudenfest gestiert. Der Sabäismus, zu dem sich vorzüglich die Guebern bekennen, untersagt Ehescheidung und Vielweiberei; nur wenn die Ehe in den ersten neun Jahren kinderlos bleibt, darf sich der Mann noch eine zweite Frau nehmen. Bei den heutigen Juden sind die in früheren Zeiten üblichen religiösen Gebräuche, wie das Bedecken der Braut mit einem Tuch oder Schleier vor der Trauung, das Zerwerfen eine» Glases als Erinnerung an den Wechsel des Schickials, das Bewerfen mit Weizen als Sinnbild der Fruchtbarkeit u. bis auf erster« fast überall abgestellt, und die Weihe des Hochzeitstags findet vorwiegend ihren Ausdruck in der Traurede.
In Deutschland, wie in den hochcultivierte« Staate» Europas überhaupt, haben sich die Festlichkeiten sehr vereinfacht; das Brautpaar entzieht sich sogar ost noch vor Beendigung der Hochzeit den Gästen durch die Hochzeitsreise. Selbst der bis vor Kurzem mit großem Pomp begangene Polterabend wird in neuerer Zeit häufig ausgelassen. Nur auf dem Lande feiert man die Hochzeit noch mit mehr- tägigen Schmäusen und Gelagen. Wenn am 25 Jahrestag der Hochzeit beide Gatten noch leben, so wird dieser Tag als Familienfest unter dem Namen silberne Hochzelt gefeiert, am 50. Jahrestag, meist mit kirchlicher Feierlichkeit, als goldene und am 60. als diamantene Hochzeit. Vgl. De Gubernatt», Storia comparata degli usi nur iati (Mail. 1869); Wood, The wecdingd ay in all ages and countries (Land. 1869 2 Bände); Reinsberg- Düringsfeld, Hochzeitsbuch, Brauch und Glaube der Hochzeit bei den christlichen Völkern Europa» (Leipz. 1871).
Geistliche Hochzeiten heißen die Feste, welche am Tage der Ausnahme in ein Kloster sowie an dem Tage gefeiert werden, an welchem ein junger Priester zum ersten Mal eine Messe oder Vlgilie hält. Beide Feste arteten frühzeitig in Prunken und Schwelgen au«, so daß polizeiliche Verordnungen dagegen erlassen wurden. Wie bei den weltlichen, wurden auch bei den geistlichen Hochzeiten Geschenke erthetlt.
HeiligeHochzeit (hieros gamos) hieß ein griechisches Frühlingsfest, bet welchem die Vermählung des Zeus mit der verschwundenen Hera durch eigenthümliche, die Verjüngung der Natur symbolisierende Ceremonien (feierliche Helmsühcung, Procesffonen, Opferfeuer rc.) begangen wurde.
- Druck im» gettoa btt vrühl'schen UnivrrfitLtr^kMch. rmd Gtrmbruck«« (Pi.tsch A «W«-


