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Fgelehnt hatte. Er lauschte den Klängen dieser Lieder und die schweren Wolken schienen nach und nach von seiner Stirn zu schwinden. Bald blickte wieder der gewohnte freundliche Zug aus den Augen dieses Greises im besten Mannesalter. Auch feine Tochter fand er nun ganz ander», fie schien ihm nicht mehr so theilnahmslos, wie noch vor wenigen Tagen, und dies war ihm eine große Beruhigung.
Hertha, die nicht unbescheiden sein wollte, nahm dann am Clavier Platz und spielte die „Heimathsklänge". Glocken- rein und gefühlvoll klangen sie wie aus Tiroler Bergen, er- hebend und wohlthuend auf die Anwesenden wirkend.
„Es war ein Vortrag, der zum Herzen ging," sprach der Baumeister zu Hertha gewendet, die sich erröthend leicht ver- neigte.
Eine innige Freude waren ihr diese Worte, denn obgleich sie nicht so egoistisch war, nach Lob zu Haschen, so hörte sie diese Anerkennung doch recht gern, die er ihr heute zu Theil werden ließ und die sie damals so gern vernommen.
„Ach, diese Heimathsklänge, wie habe ich sie immer so gern gehört. Wenn wir an langen Sommerabenden an den Mnen Ufern des Zürichsees saßen, dann spielten sie oft die Tiroler und Schweizer unserer Verbindung auf ihren Zithern und die ganze Korona sang dann mit. Wenn dann die Abendsonne ihre purpurnen Strahlen hinter die schnee- und eisbedeckten Bergesspitzen sandte und die Wasserfläche de» großen Sees jene wiedergab, dann war es ein erhabenes Gefühl, die Natur so prachtvoll in ihrem Abendglanze zu sehen."
„O, wie schön müssen jene Länder fein, welche die Natur so reich bedacht hat," nahm Hertha das Wort; „als Sie uns damals in Ribolds Garten Südtirol und Italien so herrlich Mderten, hatte ich mich so hineinversenkt, daß mir die Wirk- lichkeit kaum anders erschienen wäre."
m. »rÄ dennoch, Fräulein, dürfte Ihre Einbildung die Wirklichkeit ganz anders finden. Ich erinnere mich noch unseres Ordinarius in Quarta, der uns ganz begeistert die Natur- schönheiten Italiens und Griechenlands schilderte. Jahrelang sah ich diese Länder vor meinem geistigen Auge, wie ich sie mir damals ausgemalt, und wie überrascht war ich dann, als ich die Wirklichkeit doch so ganz anders fand, wie ich sie so lange gesehen."
„Und aus jener Zeit stammen auch wohl all' die schönen Lieder, die Sie so begeistert für die Natur, für alles Schöne und Edle in sich ausgenommen haben?" fragte Hertha.
„Meist aus jener Zeit," erwiderte Heyd.
„Und sangen Sie damals auch schon so wunderbar, wie jetzt?" fragte Hertha weiter.
„Wie jetzt? — Nun, so habe ich wohl auch damals schon gesungen, aber wunderbar?" sagte Heyd lächelnd.
„O ja, Herr Baumeister," fiel der Oberförster ein. „Ihre Lieder waren uns Allen und besonders mir eine große Freude und ich wünschte nur, sie noch recht oft zu hören. Möchte doch die Regierung endlich einmal die Bahn bauen, die sie aus strategischen Rücksichten schon lange geplant hat und die mitten durch meinen Wald gehen soll, nur damit Sie hier bleiben und die Mittwochabende so fröhlich weiter gehen."
„Auch ich werde mich sehr nach diesen Abenden sehnen," entgegnete Heyd, „doch der schönste Traum nimmt einmal ein Ende, dagegen läßt sich doch nicht kämpfen; aber wenn es Ihnen recht ist, will ich Ihnen gern noch ein Lied singen — vielleicht das letzte, — denn am nächsten Mittwoch bin ich ledenfalls wieder in Dirschau und wer weiß, was dann kommt."
Der Baumeister stand auf. Hertha dachte jetzt nur an seine letzten Worte, die fie viel lieber nicht gehört hätte. Seitlich an's Fenster hatte sich Heyd gestellt, der nun Lortzings Zarenlied anstimmte.
Aber wer jemals diesen Vortrag des Baumeisters gehört, wer jemals diese hohe, kräftige Gestalt gesehen, aus deren schönem, fast stolz erscheinendem Gesicht ein friedlicher Blick und ein fester Wille sprach, der konnte fühlen, was der Zimmermann von Saardam für ein hochherziger Fürst ge
wesen, der seinem Volke, seinen Russen, in Liebe die Cultur des Abendlandes bringen wollte.
* . *
Acht Tage später saß der Oberförster in seiner Kanzlei und öffnete wie gewöhnlich des Morgen« die Posttasche mit dem zweiten Schlüssel — den ersten hatte der Postvorsteher in der Stadt. Er entnahm die eingegangenen Postsachen und fand zu seinem nicht geringen Erstaunen einen großen Brief, den er von beiden Seiten aufmerksam betrachtete. Wieder drehte er ihn um und las:
Absender: John Stonferry, notary, Chicago, River Street No. 21, United States of America.
Vorsichtig öffnete der Oberförster die Briefumhülle und entnahm ein Schreiben in der Form eines Aktenstückes, in dem ein wohlversiegelter Brief lag.
Dann nahm er auch diesen Brief und la» ihn hastig durch. Er las ihn abermals und ging erregt im Zimmer auf und ab.
„Was mache ich da?" fragte er sich nach einer Weile und blieb am Fenster stehen.
, "9$ möchte zu Wildenau hinüber," dachte er und sann ein Weilchen nach. — „Nein," sagte er dann, „ich werde zum alten Thielemann fahren, der weiß Bescheid und hat immer die richtige Meinung — oder ob ich nicht lieber selbst nach Graudenz fahre, um mich dort nach ihm zu erkundigen? Denn schreiben? — Das gibt nur Weitläufigkeiten und hier heißt es, schnell handeln."
Mit dem Brief in der Hand sah der Oberförster nach seinen stillen Vertrauten — den alten Buchen und Eichen. Dann öffnete er den Schubkasten seines Schreibtisches, legte behutsam diese Briefe hinein, nahm einen Briefbogen, schrieb eiligst einige Zeilen darauf und schloß ihn in die Briefhülle.
„Er wird mir gern den Gefallen thun, das weiß ich, und da er ohnehin in diesen Tagen dorthin reist, so wird e» ihm ein Leichte» sein, sich nach diesem Manne zu erkundigen," sagte sich der Oberförster und eilte die Treppe hinunter.
Er ließ schnell anspannen und rief seinem Secretär zu, der soeben mit Nimrod, dem braungefleckten Jagdhunde, au» dem Walde kam: „Fahren Sie, bitte, doch schnell zur Stadt, Herr Herrmann, und geben Sie diesen Brief dem Herrn Baumeister Heyd. Sollte der Herr dort sein, so wird er sogleich mit zurückkommen. Ist er aber abwesend, so möchte der Wirth ihm den Brief sogleich übergeben, sobald er zurück- kehrt." *
Gewissenhaft führte der Secretär diesen Auftrag au», er fand aber den Baumeister nicht im Hotel. Auf seine Anfrage beim Wirth erfuhr er dann, daß der Baumeister gestern früh vier Uhr das Haus verlassen habe und die Nacht gar nicht dagewesen sei. Wohin er gehe und wo er bleibe, das sage er, der Baumeister, niemals, denn es komme sehr ost vor, daß er wegbleibe.
„Aber sowie er kommt, soll er sofort diesen Brief erhalten."
Diese Mittheilung machte der Secretär dann auch seinem Vorgesetzten, der ihn am Eingänge von Lindenheim empfing.
In Gedanken schritt der Oberförster in den Garten, hinter ihm her die beiden Teckel.
„Es war schon das Beste, daß ich an Heyd geschrieben, nun werde ich auch warten, bis er kommt." —
Als am nächsten Morgen der Oberförster wieder die Posttasche leerte, sah er einen Wagen vom Berge herunterjagen. Er eilte sogleich, den Baumeister zu empfangen, vor die Thür.
„Guten Morgen, Herr Oberförster," ging ihm Heyd entgegen. „Ich bitte um Entschuldigung, daß ich erst jetzt zu Ihnen komme. Ich empfing Ihre werthen Zeilen erst heute Nacht zwei Uhr, als ich nach Hause kam; hätte ich ahnen können, daß Ihnen meine schwachen Kräfte nützen, so wäre ich schon längst zu Ihnen geeilt."
„Aber ich bitte recht sehr, Herr Baumeister, entschuldigen


