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„0 mein Gott, diese armen Menschen," sagte Hertha und küßte ihren Vater. Schnell wandte sich der Oberförster ab und eilte vor die Thür, denn er sah auf der Anhöhe seinen Wagen angejagt kommen.
„Guten Abend, Herr Doctor. Gottlob, daß Sie da waren." Beide Männer schüttelten sich die Hände und eilten zu dem Kranken. Nach sorgfältiger Untersuchung gab der Arzt genaue Instructionen.
„Vor allen Dingen," sagte er, „bedarf der Kranke der größten Ruhe; mir scheint, er hat eine gute Constitution, doch vor acht Tagen kann er auch im günstigsten Falle das Bett nicht verlaffen."
Nachdem der Arzt noch dis Damen des Hauses begrübt hatte, versprach er, morgen wtederzukommen und der Ober« förster begleitete ihn zum Wagen.
„Schrumm," sagte der Förster Rudow, „das hat noch 'mal gut geklappt." Und wenn der Alte „Schrumm" sagte, dann war er gut gestimmt. Er setzte seine Pfeife in Brand, schob seine Büchsflinte zurecht und nahm seinen treuen Begleiter, einen starken Eichenstock, den er sich in früheren Jahren zurecht gebogen, von seinem linken Arme, an welchem er stets seinen Platz hatte, wenn die Pfeife — ohne die der Alte kaum denkbar war — in Ordnung gebracht wurde; dann schritt er tüchtig aus.
„Schrumm — das war ein Ding zu rechter Zeit," sagte er nochmals und strich seinen weißen Bart.
(Fortsetzung folgt.)
Sonnenstich und Mchiag.
Von Dr. H. Grumbach.
(Nachdruck verboten).
Der verderbliche Einfluß, welchen sehr hohe Temperaturen, besonders bei directer Einwirkung der Sonnenstrahlen, auf Gesundheit und Leben von Menschen und Thieren ausüben, ist schon von Alters her bekannt. Vom Tode des Gemahls der Judith heißt es in der Bibel: „Und der Mann hatte geheißen Manasse, der war in der Gerstenernte gestorben. Denn da er auf dem Felde war bei den Arbeitern, ward er krank von der Ditze und starb in seiner Stadt Bethulien". Auch der Sohn der Sunamitin starb am Hitzfchlag (II. Buch der Könige Cap. 4, V. 18—20). Daher ein Segenswunsch Davids lautet: „Der Herr behüte Dich......daß
Dich des Tages die Sonne nicht steche!" Psalm 121 V. 5 und 6.)
Besonders häufig tritt Sonnenstich und Hitzschlag unter marschiren- den Truppen ein, da gerade hier alle Bedingungen dazu sehr oft zusammen^ kommen. Die Hauptsache nämlich liegt in einer abnorm hohen Steigerung der Körpertemperatur, welche bewirkt werden kann: erstens durch directe Bestrahlung der Sonne (Sonnenstich) und zweitens durch sehr hohe Lufttemperatur, sogenannte „schwüle Witterung" (Hitzschlag), wozu oft drittens vermehrte körperliche Thätigkeit (schnelles Marschiren, Bergesteigen) kommt, welche dann noch zur Erhöhung der Körperwärme beiträgt.
Die Temperatur unseres Körpers würde in Sonnenbrand und Sommerhitze stets eine für unser Leben gefährliche Höhe erreichen, wenn uns nicht die gütige Mutter Natur eine Art Sicherheitsventil verliehen hätte in den Millionen Poren der Haut, welche in der Hitze sich öffnen und starken Schweiß ausbrechen lassen; durch dessen Verdunstung an der Luft wird die Haut bedeutend abgekühlt. Findet aber aus irgend welchen Gründen keine regelmäßige Schweißabsonderung statt, so steigt die Temperatur des Körpers bis 42o C. und darüber, wodurch der Herzmuskel gelähmt wird und das Leben „schlagartig" erlöschen kann. Namentlich wenn die atmosphärische Luft mit Feuchtigkeit bis zur Sättigung überladen ist und schwüle Windstille herrscht, kann der ausbrechende Schweiß nicht verdunsten, es fällt also der wichtigste Wärmeregulator unseres Körpers weg, das Sicherheitsventil functionirt nicht, die Spannung in unserer überheizten Körpermaschine wird immer größer und größer, bis plötzlich die Catastrophe eintritt, d. h. der Betreffende fällt bewußtlos oder gar todt hin.
Allen diesen Fährlichkeiten sind hauptsächlich die Truppen auf anstrengenden Märschen ausgesetzt. Daher hat der Hitzschlag schon wiederholt große Opfer unter fast allen Armeen der Welt gefordert.*) Der von dem Statthalter in Aegypten, Aelius Gallus, im Jahre 24 vor Ehr. unternommene Feldzug zur Unterjochung von Arabia Felix nahm ein klägliches Ende, da ein großer Theil des römischen Heeres unter der
*) Anmerkung: Die Zahl der während der Monate April bis September 1891 beim preußischen Militär vom Hitzschlag befallenen Mannschaften betrug 121; von den Erkrankten starben 6.
glühenden Sonne des arabischen Himmels zu Grunde ging. Von den 12000 Mann Antemarres erkrankten beim Uebergange über den Mincio bei der furchtbaren Hitze 2000 und 26 starben. In einem Heere Friedrichs des Großen sind am 6. August auf dem Marsche von Marienstern nach Bautzen gegen 100 Mann dem Hitzschlag erlagen.
Die Soldaten müssen eben öfters in schnellem Tempo auf staubigen, von den brennenden Sonnenstrahlen beschienenen Landstraßen marschieren und dürfen nicht nach ihrem Belieben ruhen; Tornister, Mantel, Riemen, und durchschwitzte Kleider beschränken die Verdunstung und Wärmeabgabe der Haut ganz bedeutend. Durch das gedrängte Zusammensein in der Colonne wird die Temperatur der Luft noch gesteigert, und, was besonders nachtheilig ist, es tritt eine allgemeine Verderbniß der Luft ein, in welcher die Mannschaften dann stundenlang athmen müssen. Schon Niebuhr hat in seiner Sittengeschichte der Römer darauf hingewiesen, wie richtig dieselben erkannt hatten, daß nichts so sehr den auf dem Marsche befindlichen Truppen schadet, als in eng geschloffenen Reihen zu marschiren. Dr. Taylor schrieb 1858 in der medizinischen Zeitschrift „The Lancet“: Ein solches Zusammengedrängtsein im Freier ist für die betreffenden Individuen nicht weniger verderblich als der Aufenthalt in überfüllten, schlecht ventilirten Räumen; die bei den militärischen Vorgesetzten beliebte Methode, die Truppen mit eng geschlossenen Gliedern marschiren zu lassen, ist eine durchaus verwerfliche. Man hat sich mehrfach bemüht, die Thatsache zu erklären, weshalb Hitzschlag aus dem Marsche fast nur unter den Soldaten der mittleren Colonne vorkommt, dagegen fast nie im Vor- oder Nachtrab. Die Ursache liegt aus der Hand: die letztgenannten Truppentheile bewegen sich mit weitgelüsteten Reihen, das Gros der Infanterie aber marschiert Arm an Arm, Brust an Brust zusammengedrängt und athmet eine unter solchen Umständen sich stets bildende verpestete Atmosphäre",
Man braucht übrigens gar nicht Soldat zu sein, um diese Erfahrung zu bestätigen, sondern sich nur jener Stuuden zu erinnern, wo man, etwa gelegentlich eines festlichen Aufzuges oder einer Massen-Ver- sammlung unter freiem Himmel, in’§ Gedränge gerathen, sich allmählich so beklommen und hinfällig werden fühlte, daß man die letzte Kraft seiner Menbogen zusammenraffte, um sich aus dem Menschenknäuel in's „Freie" zu retten und dann erleichtert wieder auszuathmen. Die bei solchen Gelegenheiten nicht selten vorkommenden Ohnmächten und Todesfälle sind weit weniger die Folgen mechanischer Erdrückung, als vielmehr einer Art von Hitzschlag, hervorgerufen durch die schwüle, dunstige, verpestete Ausathmungs- und Ausdünstungsluft der Tausenden von Menschen.
In letztere Zeit haben beim Militär die Todesfälle an Hitzschlag bedeutend abgenommen. Dies ist hauptsächlich dem Umstande zu verdanken, daß nicht mehr wie früher den Soldaten auf dem Marsche das Trinken verboten ist, sondern sogar oft beim Passiren von Ortschaften die Einwohner ersucht werden, Trinkgefäße mit frischem Wasser vor die Thüren zu stellen. Es ist auch ganz natürlich, daß die durch den Schweiß verlorene Flüssigkeit immer wieder ersetzt werden muß, wozu ja auch das sich einstellende Gefühl brennenden Durstes auffordert. Leider gießt es aber noch immer Leute, welche an das Ammenmärchen glauben, daß man vom Trinken in erhitztem Zustande Lungenentzündung bekommt. Bei der einfachsten Ueberlegung müßten sich diese doch sagen, daß das Getränk mit der Lunge gar nicht in Berührung kommt, sondern direct in den Magen geht. Wenn in solchen Fällen wirklich einmal Lungm- entzündung entsteht, so wurde diese schon vorher hervorgerufen durch übermäßige Anstrengung beim Bergsteigen, Klettern, Marschiren im brennenden Sonnenscheine. Dr. Niemeyer sagt hierüber: „Wenn ein von der Meute halb todt gehetztes Wild an eines Bächleins Rande niederstürzt und sich ein letztes Mal die vertrockneten Lippen netzt, so wird doch Niemand behaupten wollen, daß der Trunk es ihm angethan habe". Hat denn Jemand schon jemals erlebt, daß der Trunk bei Erhitzung den Thieren, z. B. dem Hunde, schadet? Instinktiv vergißt man auch dies Vorurtheil bei Anwandlung von Schwächezuständen und Ohnmächten in der Hitze, wo mit Recht als bestes Mittel frisches Wasser zum Bespritzen und Trinken verabreicht wird. Man trinke also ruhig frisches Wasser in kleinen Schlücken, marschiere dann aber rüstig weiter oder mache sich sonst noch eine Weile Bewegung. Auch öfteres Waschen des Gesichtes, der Hände und Arme mit Quell- oder Bachwasser kühlt herrlich ab und erfrischt die Lebensgeister bedeutend.
Ein besonders beachtenswerthes Vorbeugungsmittel gegen Hitzschlag besteht auch darin, daß man, z. B. auf einer Fußreise, Abends zeitig in’e Bett geht, um dann früh mit neu gestärkten Gliedern die Wanderung fortzusetzen. Ganz verkehrt dagegen ist es, ja sogar gefährlich, die halbe Nacht hindurch zu zechen und zu tanzen, weil dann der Körper am andern Tage ^geschwächt und wenig widerstandsfähig ist. Eine Fußreise darf eben zu keiner Bierreise ausarten!
Ist nun aber Jemand vom Hitzschlag betroffen, so haben die Anwesenden sofort folgende Maßregeln zu ergreifen: Der Kranke wird an einen kühlen, schattigen Ort gelegt, alle eng anliegenden Kleidungsstücke werden entfernt, und Kopf sowie Brust immer von Neuem mit kaltem Wasser übergossen oder mit nassen Umschlägen belegt. Zugleich versucht man, dem Patienten Wasser, am besten mit etwas Cognac (Rum) ober Wein einzuflößen. Diese Mittel werden in den meisten Fällen ihre Schuldigkeit thun. Jedoch wird und kann überhaupt nie ein Hitzschlag eintreten, wenn man die oben geschilderten Vorsichtsmaßregeln befolgt.
Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitatS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,


