415
stieg in Dirschau aus und übernachtete dort. Lange Zeit wollte kein Schlaf in seine Augen kommen, bis doch endlich die Müdigkeit siegte und er einige Stunden Ruhe fand.
Als er am anderen Tage wieder in seinem Zimmer saß, starrte er wieder, den Kopf in die Hand gestützt, in die Leere. Er konnte die Augen nicht vergeflen, die ihn so unverwandt ansahen, die Augen, die ihm nicht sremd waren. Er nahm ein Bild aus seiner Brieftasche und legte es vor sich auf den Tisch- Lange betrachtete er es mit inniger Rührung, das Md, das er schon so oft vor Augen gehabt und mit stählernen Griffeln in sein Herz gezeichnet hatte. Wehmuth durchzog sein müder Herz, dar er zwingen wollte, wieder in normale Bahnen zu gehen- Aber des Menschen Herz gibt sich nicht so leicht zufrieden im bitteren Schmerze; es wühlt und arbeitet oft lange Zeit, oft Jahre lang, oft so lange man lebt; und wohl dem Menschen, ver bei Zeiten einsieht, daß Unabänderliches sich nicht halten läßt und mag er auch mit ganzer Krast dagegen kämpfen, so wäre es nur vergebens, denn gegen den Strom schwimmt er doch nicht lange. Eine Thräne trat in des Baumeisters Auge, er hielt das Bild an seine Lippen und steckte es wieder in seine Brieftasche. Er stand auf, durchmaß mit großen Schritten das Zimmer und sagte: „Es geht nicht, es geht nicht anders, denn es muß sein. Arbeiten, arbeiten will ich mit der ganzen Kraft, die in mir wohnt, arbeiten, damit ich wieder Ruhe finde für dich, für dich, mein armes Herz."
Viertes Capitel.
Die Frühlingssonne nahm den letzten Schnee von Wiesen und Feldern und kündete ein neues Leben an. Menschen und Natur freuen sich der ersten warmen Sonnenstrahlen und athmen freudig auf Alles, was Leben und Odem hat, begrüßt nach trüber Winternacht endlich dieses frohe Erwachen — den Frühlingsmorgen. Der Landmann läßt feine Blicke über die Aecker schweifen, er holt seinen Pflug hervor und beginnt seine mühevolle Arbeit. Im Bauhandwerk wird es auch lebendig und selbst für den stillen Forstmann ist der Sonntag Oculi ein gar bedeutsamer Tag.
Auf der Bahnstrecke, auf welcher der Baumeister Heyd die Arbeiten leitete, wurde schon tüchtig gearbeitet. In einer Entfernung von fünfzehn Meilen waren viele Arbeiten auszuführen und obschon ihm zwei Bauführer und die Bahnmeister zur Seite standen, so war er doch überall. Er gab die richtigen Anweisungen und leitete Alles mit Kennerblick, denn er war unermüdlich und für seine Jahre enorm tüchtig. Wenn ihm die im Dienst ergrauten Bahnmeister, denen doch gewiß ein großes Wiflen durch jahrelange Praxis zur Seite stand, ihre Ansichten kund gaben, so belehrte sie Heyd doch oft in wenigen Worten eines Besseren. Dabet hatten ihn Alle lieb, die mit ihm zu thun hatten- Sein immer ruhiges und besonnenes Auftreten brachte ihm stets Liebe und Achtung ein, denn er war freundlich zu Jedermann. Ein alter Maurer sagte einmal zur Mittagszeit im Kreise der Arbeiter, als die Rede auf gute und böse Menschen zu sprechen kam: „Da seht Euch einmal unfern Herrn Baumeister anl Das ist ein Mann, wie er im Buche steht, denn wenn der einmal sagt, so ist es! dann ist es auch so, da könnt Ihr Gift darauf nehmen; und unter dem zu arbeiten, ist wirklich eine Freude, denn er hat das Herz auf dem rechten Flecke. Denkt Euch nur, vor acht Tagen machte ich mit einem Arbeiter eine Reparatur am Maschinenschuppen und dabei fiel ihm durch eigene Unvorsichtigkeit ein großer Feldstein auf den Fuß, so daß der Mann auch gleich umfiel. Der Herr Baumeister, der davon hörte, besuchte ibn sogleich in seiner Kaluppe, sorgte, wo es am Besten fehlte und gab noch Geld obendrauf. Na, habt Ihr so etwas schon gehört?"
Die eifrigen Zuhörer aber, die bald ihr Essen vergaßen, meinten: Alle Achtung und das wäre doch wohl ein seltener Fall. —
Des Abends nach beendetem Dienst arbeitete der Baumeister meist an der Vollendung eines neuen Werkes. Pläne und Entwürfe lagen dann aurgebreitet oder aufgespannt, an
die er die letzte Hand anlegte. Sobald die Witterung aber besonders freundlich war und es feine Zeit erlaubte, versäumte er auch nicht, hinauszugehen in den Wald oder eine Partie an den Ufern der Weichsel zu machen, denn Heyd war ein Naturmensch.
Eines Nachmittags, als der Baumeister gemüthlich mit den Händen auf dem Rücken am Ufer entlang schritt, wie er es zu thun pflegte, wenn er seinen Gedanken nachging, gewahrte er plötzlich zwei Knaben in einem Kahn an einer Stelle, wo die Buhnen in den reißenden Strom weit hiuein- gehen. Mit aller Anstrengung waren sie bemüht, das freie Wasser zu gewinnen; denn wenn sie hier von der Strömung erfaßt werden, die in der Buhnenecke zu einem Strudel wird, dann ist all' ihr Mühen vergebens und die Gefahr ist unabwendbar. Heyd erkannte die gefährliche Situation und eilte der Stelle zu. Mit unaufhaltbarer Gewalt zog der Kahn in den Strudel. In ihrer großen Angst schrieen die Knaben nach Hilfe, als auch schon der Kahn schwankte, sich schnell um sich selbst drehte und umschlug.
Als der Baumeister zur Stelle war, warf er seinen lieber- zieher auf die Weiden und sprang in den Strom. Beim ersten Auftauchen erfaßte er einen Knaben und auf dem Rücken schwimmend, brachte er ihn glücklich an's Land. Starr vor Frost schwamm er nach dem Anderen, aber er fand ihn nicht sogleich, er nahm seine ganze Kraft zusammen und tauchte, er sah den Knaben, brachte ihn an die Oberfläche und nach furchtbaren Anstrengungen schob er ihn leblos an's Ufer. Nun waren des Baumeisters Kräfte zu Ende und halb im Wasser liegend schwanden ihm seine Sinne.
Diesen Vorgang hatte der Oberförster Steuer, der mit zwei seiner Beamten vom Holzverkausstermin aus der nahen Stadt zurückkam, von der hochliegenden Chaussee aus mit angesehen, und war bald an der Stelle. Ec nahm den halb- todten Retter auf seinen Wagen, während er seinen Förster Rudow bet den Knaben ließ.
„Jetzt Friedrich, schnell zum Doctor," sagte der Oberförster Steuer, „und laß die Pferde laufen, was sie können!"
Der Oberförster wischte sich die Stirn und trat in das Zimmer, in dem der Baumeister noch immer regungslos im Bette lag. Er fühlte den Puls des Kranken und zählte die Sekunden. „Er fiebert stark,, wenn der Arzt zu Hause ist, wird er in dreiviertel Stunden hier sein," sagte der Oberförster zu seinem Secretär, der den Kranken aufmerksam beobachtete, und verließ das Zimmer, um sich zu seinen Angehörigen zu begeben.
„Ach, mein lieber Vater," sagte seine Tochter ihm entgegentretend, „welch' ein Unglück, von dem mir Tante Doctor soeben erzählte; aber sage uns doch, bitte, wie es sich zugetragen und Ihr den Aermsten fandet?"
„Nach beendetem Termin," begann er, „fuhren wir, der Förster Rudow, der Secretär Herrmann und ich, auf dem Wege nach Haufe. Vom hohen Damm aus, da wo die Weichsel eine Krümmung macht, gewahrten wir, nicht weit vom Buhnenkopf, einen umgekehrten Kahn und gleich darauf einen Menschen im Wasser arbeiten. Wie der Blitz waren wir vom Wagen. Herrmann war immer vorauf, Friedrich blieb bei den Pferden. Von Weitem sahen wir noch, wie der Mann einen Verunglückten an's Ufer schob. Als wir erschöpft zur Stelle waren, hatten wir drei leblose Menschen vor uns, zwei Knaben, die der edle Mann zu retten versucht hatte, und ihn selbst. Schnell zogen wir sie auf's Land und bearbeiteten sie auf unseren ausgebreiteten Röcken. Bet dem einen Knaben hielt es nicht schwer, die beiden anderen Menschen dagegen wollten gar nicht mehr zu dem Leben zurück. Da endlich — nach langer Zeit hatte unsere Arbeit Erfolg, Gott sei's gedankt. Mit matter Stimme erfuhren wir noch vom ersten Knaben, daß er der Sohn des Bühnenmeisters wäre und der andere der Sohn des Bahnwärters. So schnell und so gut es eben ging, brachten wir dann den unglücklichen Retter, der übrigens kein gewöhnlicher Mann zu sein scheint, auf den Wagen und fuhren eiligst hierher, während der Förster Rudow bei den Knaben blieb."


