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Gie stockte nnd sah mit einem bedeutsamen Blick auf ihren Sohn, den Sir Fülle entweder nicht verstand oder nicht verstehen wollte.
„Ich gebe zu," erwiderte er, „daß Du in Allem, was Du einwendest, Recht haben magst, wenn Du Dich dabei an irgend welche Verwandten wenden müßtest, aber da das Mädchen vollständig allein in der Welt steht, sehe ich nicht ein, welche Unannehmlichkeit daraus erwachsen könnte. Sie ist hübsch genug, um eine ganze Menge kleiner Fehler damit zu- zudecken, und wenn ich nicht sehr irre, wird fie Trissa bei Weitem mehr nützen als schaden. Das Kind bedarf einer Arznei, die es von der schädlichen Verzärtelung heilt."
„Und Du meinst wirklich, daß ihr das Alles für diese einzige That zu Theil werden soll?" meinte Frau Digby un» entschlossen.
„Ja, Mutter, und noch mehr, wenn es möglich wäre!" warf Granville ernst ein. „Wie, wenn nun Triffa als Leiche im Teiche lag . . . was dann?"
Das rührte das Mutterherz; bei all' ihrer Eitelkeit und ihrer Schwäche gegen ihr Kind war sie eine warm fühlende Frau.
„Nun, wir werden ja hören, was das Mädchen selbst dazu sagt," fuhr Sir Fulke fort- „Kann ich sie sehen, Helene?"
„Ich will sie rufen lassen, wenn Du es willst," sagte Frau Digby.
„Nein, laß mich allein mit ihr sprechen," erwiderte der alte Baron. „Ich möchte der Sache auf den Grund kommen. Vielleicht ist sie gegen einen alten Mann wie ich offener als gegen Dich oder Triffa."
„So kannst Du mit ihr in Trisias Toilettenzimmer sprechen," versetzte Frau Digby zögernd.
„Das eigentlich Schulstube genannt werben sollte," bemerkte Sir Fulke. „Doch gleichviel, wenn ich nur mit dem Mädchen allein und bald sprechen kann."
Cora war vielleicht nie unruhiger gewesen als jetzt, da sie das Zimmer betrat, in dem der alte Baron sie erwartete.
„Treten Sie näher, meine Liebe, und nehmen Sie Platz," begann der Baron. „Wie Frau Dighy mir sagt, erklären Sie sich wieder für ganz wohl, aber Sie werden schwerlich schon wieder die Kraft haben, lange zu stehen und ich habe längere Zeit mit Ihnen zu sprechen-"
Cora gehorchte, obwohl mit besorgtem Blick in ihren tzinklen Augen, der Sir Fulke nicht entging.
„Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, meine Liebe . . . ich will weder Ihrem Vorleben nachforschen, noch verlange ich Ihre Einwilligung zu etwas Schrecklichem und vor Allem bin ich kein solcher Thor, mich mit siebenzig Jahren in ein Mädchen zu verlieben, das mindestens fünfzig Jahre jünger ist als ich. Sie sollen mich nicht mißverstehen, noch bevor ich anfangs."
In Sir Fulkes Ton konnte Niemand die gütige Absicht verkennen. Er war deshalb nicht wenig überrascht über den Blick schmerzlichen Erschreckens, den seine Worte auf Coras Antlitz hervorriefen.
„Bitte, kümmern Sie sich nicht um mich . . . es ist die größte Güte, die Sie mir beweisen können," erwiderte sie in herzlichem Ton. „Ich komme ohne irgend welche Hilfe durch die Welt. Es hat mir immer nur Schmerz und Kammer gebracht, wenn sich Jemand meiner annahm."
„Wieso, Kind?" fragte er ernst. „In Ihrem Alter können Sie sich doch unmöglich schon eines größeren Unrechts schuldig gemacht haben .... Sie können das Unglück auch nicht durch die gewöhnliche Ursache desselben bei Ihrem Geschlechte — durch die Liebe — kennen gelernt haben."
Cora wurde dunkelroth.
„Ich kann nicht mehr sagen," antwortete sie mit stolzer Miene. „Ich wünsche nichts. Ich bin doch gewiß nicht verpflichtet, Ihnen Geständnisse zu machen."
Sir Fulke war etwas betroffen. Er hatte ihr gleich von vornherein versichert, daß er ihr Vertrauen nicht erzwingen wolle. Was konnte er nun thun oder sagen, um sich selbst
über sein ziemlich schnelles Verfahren zu beruhigen und doch, wie er versprochen hatte, nicht weiter in sie zu dringen?
„Ich habe nie verstanden, auf Umwegen etwas zu erreichen," sagte er endlich, „und wenn Sie das sind, wofür ich Sie halte, werden Sie meine einfachen Worte ausnehmen, wie sie gemeint sind. Erstens bin ich geneigt, Ihnen Alles zu vertrauen."
„Ich wünsche ja nicht - . ." Hub Cora an.
„Still, Kind! Fühlen Sie sich nicht gekränkt," unterbrach sie der Baron hastig. „Ich habe nicht gesagt, daß Sie etwas wünschen, aber ich habe meine eigenen Pläne und es wäre bitter für mich, wenn ein junges Mädchen wie Sie mir einen unbegründeten Stolz entgegenstellte. Ich verlange nichts weiter, als von Ihren eigenen Lippen zu hören, daß Sie nie, weder durch Unglück noch aus irgend einem anderen Grunde, zu Handlungen gezwungen waren, dis Ihren Verkehr mit einem jungen, unschuldigen Mädchen wie meine Nichte Triffa nicht wünschenswerth machen könnten. Ich verlange nichts weiter zu wissen, bevor ich Sie mit meinen Plänen bekannt mache."
„Ich bin mir in Worten wie in meiner Handlungsweise keines absichtlichen Unrechts bewußt, Sir, wenn Sie das von mir zu hören wünschen," antwortete sie stolz. „Ich bin in dieser Beziehung so tadellos wie Ihrs Nichte. Aber mehr kann ich nicht sagen, mehr kann ich nicht über Vergangenes erklären. Ueber mich selbst weiß ich nichts weiter zu sagen, als daß ich von meiner frühesten Jugend an ein verlassenes Findelkind war, und. ich habe, wie ich Ihnen bereits sagte, bei jedem neuen Versuch, mich mit Jemandem zu befreunden, immer nur größeren Kummer kennen gelernt."
„Sie sehen, daß ich im Ernste spreche," fuhr er fort, „denn ich halte Sie für so gut, daß ich entschlossen bin, Ihnen einen bestimmten Vorschlag zu machen ... wie ich glaube, zu Ihrem Besten. Ich weiß, wir können Ihnen nie vergelten daß Sie Ihr Leben für unsere Triffa gewagt haben, aber Sie können uns doch Gelegenheit geben, uns so viel als mög- Uch dankbar zu erweisen, indem Sie Ihren Wohnort hier bei uns nehmen, anstatt bei der alten, interesstrten Dame, die ich gestern kennen lernte. Und um alle Bedenken zu beseitigm, werde ich alle Ihre Ausgaben übernehmen und Ihnen außer- dem ein Taschengeld überantworten, das Sie gänzlich unabhängig macht- Verstehen Sie, was ich meine? Ich will Sie nicht als mein Kind aufnehmen — keineswegs — es wäre mir nur um Triffas willen eine große Freude, wenn sie sich glücklich in Ihrer Gesellschaft fühlte und Sie dem verwöhnten Mädchen etwas von Ihrem Muth und Ihrer Sicherheit einflößten.
Coras Augen füllten sich mit Thränen.
„Ich danke Ihnen von ganzem Herzen," Hub sie an, „aber..."
„Sprechen Sie sich klar und deutlich aus . . . ich Haffe die Wenn und Aber," sagte der alte Herr eigensinnig. „Wollen Sie bei uns bleiben oder nicht?"
„Ich bliebe lieber bei Ihnen," erwiderte sie und schaute mit ihren großen Augen freundlich zu ihm auf. „Suchen Sie mich nicht zu täuschen ... Sie muffen doch wissen, daß Fm Digby nur sehr ungern eine Fremde in ihrer Familie auf' nehmen würde."
„Und Sie glauben, Sie könnten dann mit mir machen, was Sie wollen?" erwiderte der alte Baron scherzend. H
„Wenn ich das dächte, würde ich nicht zu Ihnen kommen, sagte sie ruhig, „aber ich würde mich bemühen, Sie mit der größten Sorgfalt zu pflegen."
Sir Fulke überlegte einige Augenblicke. Es lag etwa« so unendlich Verführerisches in einem solchen Bilde. Ein reizendes, geistreiches, liebenswürdiges Mädchen um sich iu haben, das fein Haus aufheiterte und ihm doch keine andere Verantwortung aufbürdete, als genügend für ihre Bedürfntffe zu sorgen — das würde feinen alten Tagen ein neuer Sonnenstrahl fein. . .
„Kind, Sie wissen nicht, was Sie verlangen," sagte er bann lachend. „Ich bin ein wunderlicher alter Bursche- Seren Sie lieber mit meinen Plänen zufrieden. Kommen Sie


