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zauberung abzuwenden, mit Schweins« oder Wolfssett. lieber die Schwelle des Hauses wurde sie zur Erinnerung an die gewaltsame Entführung (Raub der Sabinerinnen) in der Borzeit (s. Frauenraub) vom Bräutigam gehoben und trat dann auf ein ausgebreitetes Schaffell, worauf sie die Schlüffe! in Empfang nahm und mit dem Bräutigam, zum Zeichen der zu beobachtenden Keuschheit, Feuer und Wafler berührte. Bei dem nun folgenden Hochzeitsmahl sangen und spielten Musiker einen Hochzeitsgesang (epithalamium), und der junge Ehemann hatte unter die vor dem Haus versammelte Jugend Nüfle auszutheilen (daher die Redensart: „nuces projicere“, soviel wie die Kinderschuhe ausziehen). Endlich wurde die Braut von Matronen (pronubae) in das Schlafgemach geführt, wohin der Mann ihr nachfolgte, während draußen nicht bloß Hymenäen, sondern, auch derbe Spottlieder erschollen. Im Schlafgemach wurde noch einer Schaar von Ehegöttern geopfert, deren Namen Augustinus und andere Kirchenväter ausgezeichnet haben. Anderen Tages brachten die Gäste und Verwandten dem jungen Paar Geschenke dar; die Frau verrichtete ihr erstes Opfer in ihrem neuen Haus und führte fortan neben ihrem Namen den ihres Mannes. Die älteste religiöse Eingehungsform der Ehe unter den Patriziern war die Confarreatio (f. d.), welche im Haufe des Bräutigams vor sich ging, aber später nur noch selten vorkam. Vgl. Becker-Göll, Gallus (Berl. 1880); Mar- quardt, Privatleben der Römer (Leipz. 1879 bis 1882); Roßbach, Römische Hochzeits- nnd Ehedenkmäler (das. 1871).
Bei den alten Deutschen sah man sorgfältig darauf, daß Heirathen vor dem 20. Lebensjahr und unter Blutsverwandten nicht vorkamen, und daß immer Standesgleichheit vorhanden war. Nicht bloß die Braut, sondern auch deren Eltern und Verwandte mußten ihre Einwilligung zur ehelichen Verbindung gegeben haben und empfingen dafür beim Verlöbniß die Brautgabe (wfttum), an deren Stelle später der Ring trat, welcher deshalb bei den Engländern auch heute nur einseitig vom Bräutigam gegeben, nicht gewechselt wird. Der Hochzeit ging der sogenannte Brautlauf (s. d.) voraus, und dieses Wort wird auch für Hochzeit gebraucht. Das eigentliche Bündniß mußte vor mindestens vier Zeugen abgeschlossen werden, worauf das Brautpaar dreimal um das Herdfeuer geführt wurde. Die Heimführung der Braut erfolgte aber gewöhnlich erst später, an einem, wie man glaubte, dazu besonders günstigen Tage, unter Absingung gewisser Brautlieder und unter dem Geleit der Brautführer und Brautjungfern (s. d). Manche diefer Hochzeitsgebräuche sind aus der heidnischen Welt in die christliche übergegangen, so namentlich das Ehrenamt der Brautsührer, die bei allen Cermonien zugegen sein und auf Ordnung und Ehrbarkeit bei den Hochzeitsfestlichkeiten halten mußten. Bei der Einholung der Braut finden unter Germanen und Slaven in ländlichen Bezirken noch heute allerlei Ceremonien statt, so in Preußen der Empfang des Brautwagens mit Feuerbrand und Wasser, Besuch des Herdes und Brunnens rc. Bei den Wenden holt der Brautführer (Probratsch), der hier eine wichtige Rolle spielt, die mit der Krone geschmückte Braut ab» und der Bräutigam trägt ;etn kleinesZKränzlein (Wenk) am Arme. Der Brautkranz (s. d.) war bei den ältesten Christen als heidnische Sitte verachtet und bürgerte sich erst feit dem 4. Jahrhundert ein. Di; Einführung der christlichen Trauringe anstatt der früher üblichen Verlobungsringe fällt ins 10. Jahrhundert. Die Bekränzung oder Krönung der neuen Eheleute wird nur in der griechischen Kirche am Traualtar vom Priester verrichtet. Die heidnische Sitte der Verschleierung der Braut wurde von den Christen beibehalten, die Feuerfarbe des Schleiers aber in Weiß umgewandelt. Auch pflegte der Priester ein Tuch oder vielmehr eine Decke von weißer oder rother Farbe (vitta nuptialis) über dem Haupt und den Schultern des Brautpaares auszubreiten. Die Lampen und Hochzeitsfackeln wurden von der orientalischen *
K rchr gebilligt, von der römischen Kirche dagegen verboten. Im deutschen Mittelalter lud der im Gebirge noch jetzt in Thätigkeit befindliche Umbitter oder Hochzeitsbitter die Gäste ein, welche nach ihrer Ankunft sich zum Zage ordneten und mit dem Stadtpfeifer und seinen Gesellen voran zunächst zum Brautbad zogen, während dessen die Gäste ein Frühstück einnahmen. Dann folgten der Kirchgang und das Hochzeitsmahl, dessen Luxus so hoch stieg, daß man ihn durch besondere Gesetze beschränken mußte, welche die Zahl der Gäste, z. B. nach der brandenburgischen'Verordnung von 1334, auf höchstens 80 und die Schüsseln auf höchstens 40 beschränkten. 93er# heirathete und Unverheirathete aßen je an besondern Tafeln, und schon vor 500 Jahren tritt die Bezeichnung des Tro m# petertisches für den Musikertisch auf. Jede Hochzeit dauerte damals mindesten drei, gewöhnlich aber acht Tage, und der erste Tag entsprach da mehr unserm Polterabend (s. d.); aber erst am zweiten Tage, an welchem die vorher gewöhnlich in Locken und offen getragenen Haare der Braut geflochten und mit der Haube bekleidet wurdw, brachten die Gäste ihre Geschenke. Von dieser Ceremorm rührt die Redensart „unter die Haube kommen" her. Nach derselben fand abermaliger Kirchgang statt, und der zweite Tag wurde wie der erste mit herkömmlichen Tänzen beschlossen, i Auf dem Lande haben sich hier und da viele alten Sitten noch heute erhalten, so der Brautraub, das Wettlaufen von Braut und Bräutigam, die feierliche Einholung des geschmückten Brautwagens, die Ceremonie der Kranzeljungfern, die symbolischen Gerichte auf der Hochzeitstafel (Bruthahn und Hirsebrei), rc. Ehemals brachten die geladenen Gäste nicht nur Geschenke, sondern empfingen auch solche, nämlich ebenso wie die Braut selbst ein Paar Schuhe und Pantoffeln, woher die spöttische Parodie der obigen Redensart. Kurfürst Johann Georg mußte 1580 den im Brandenburgischen wieder eingeriflenen Hochzeitsluxus von neuem einschränken und verordnete dabei auch, daß die übliche Hochzeitsgabe der Schuhe und Pantoffeln außer an die Braut nur noch an ihre Schwestern und Mutter erfolgen sollte. Vgl. Weinhold, Die deutschen Frauen im Mittelalter (2. Auflage, Wien 1882, 2 Bände).
(Schluß folgt )
Literarisches
Den Streit der Parteien laut übertönend, schallt der Jubelruf der deutschen Nation dem Begründer und langjährigen Schirmer des : neuen deutschen Reiches, dem Fürsten Bismarck zu seinem achtzigsten 1 Geburtstage entgegen. Der 1. April 1895 hat sich zu einem National- seste gestaltet, nicht durch irgendwelche künstliche Agitation, sondern aus dem innersten Herzensbedürsniß des deutschen Volkes und der deutschen Familie heraus. Ein Volks- und Familienfest im edelsten Sinne ist es, welches wir am 1. April feierten, und da ist es denn selbstver- ■ stündlich, wenn ein echtes und rechtes Volks- und Familienblatt rote die j »Jllvstrirte Welt" unter den Feiernden und Huldigenden an erster . Stelle erscheint. Das Bismarck-Heft der „Jllustrirten Welt" ist eine ■ Huldigung für des neuen Reiches genialen Baumeister, die den zahlloser Verehrern des eisernen Kanzlers, die dem ganzen deutschen Volke eine aufrichtige Freude bereiten wird. Auf der Stirnseite des Festheftes . prangt ein vortreffliches, lorbeergeschmücktes Porträt des Fürsten. Zn . zwölf äußerst interessanten Bildern zieht das thatenreiche und bedeuiungo- 1 schwere Leben des gewaltigen Staatsmannes an uns vorüber, vom ersten Auftreten des Abgeordneten von Bismarck-Schönhausen im vereinigten Landtag 1847 bis zu dem denkwürdigen Besuche, den sein zweiter Nachfolger im Amte dem Fürsten Bismarck im laufenden Jahre in Friedrichsruh abstattete. Den Bildern ist ein Geleitwort aus der Feder Hermann Schönlebers beigegeben, das in aufrichtiger Begeisterung das Lebensroerk des „größten Deutschen" würdigt. Ein warm empfundenes Huldigungsgedicht von G. Gerok ziert die Spitze des Festheftes, auf dessen sonstigen Inhalt näher einzugehen wir uns heute versagen können; er steht, wie kaum noch hervorgehoben zu werden braucht, auf der künstlerischen Höhe, auf der die „Jllustrirte Welt" sich nun schon fast ein halbes Jahrhundert zu halten gewußt hat. Erwähnen wollen wir nun noch, daß auch dies so reichhaltige Bismara- Heft der Jllustrirten Welt nur 30 Pfg. kostet.
Redaction: A. Schehda. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Umverfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


