Ausgabe 
2.4.1895
 
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Gleich darauf eilte die Jungfer herein.Gnädige Com- teß," meldete sie ganz aufgeregt,der Herr Baron von Hohen- thal sind angekommen." , r

Ich - lasse sehr bitten," hauchte Therese, deren Ant- litz jeden Schein von Farbe verlor, und sie hielt sich an der Tischkante, um nicht zu sinken; sie vernahm den schweren, festen Schritt ihres Verlobten, aber sie konnte ihm nicht ent­gegengehen, ihre Kniee wankten. Und dann stand er vor ihr, bleich, gefaßt und äußerlich unverändert, voll warmer Herzlich­keit nahm er ihre eisigkalten Finger in seine Hände und sagte halblaut :Da bin ich, Comteß Therese, und ich danke Ihnen für das Vertrauen, welches Sie mir bewiesen. Seien Sie ruhig, fürchten Sie nichts, ich bleibe Ihr Freund und werde Ihnen helfen, so viel in meinen Kräften steht."

Er hatte das traulicheDu" bereits fallen lassen, die Gräfin blickte in sein farbloses, um Jahre gealtertes Gesicht und ein tiefer Schmerz wogte auf in ihrem Innern; ehe er's zu hindern vermochte, war sie vor ihm in die Kniee gesunken und rief leidenschaftlich aufschluchzend:Baron Hohenthal, können Sie mir verzeihen, daß ich Ihnen so weh gethan! Ich habe Ihr Glück vernichtet und Sie kommen voll himmlischer Güte zu mir. Ich habe das nicht verdient, o, aber ich danke es Ihnen vieltausendmall"

Ganz erschrocken beugte sich der Baron nieder, um die Knieende aufzuheben, tröstend wie ein Vater legte er den Arm um ihre Schultern und das alte, heiße Gefühl wallte in ihm auf, daß er sie nun nicht mehr sein nennen, nicht mehr ihre Stirn und Augen küssen dürfte.

Still, Comteß Therese, reden Sie nicht so! Fassen Sie sich und erzählen Sie mir Alles, denn unsere Zeit ist kostbar und das Berühren der vergangenen Tage bewegt Sie und mich gleich heftig. Kommen Sie, setzen Sie sich auf'« Sopha und erlauben Sie mir einen Stuhl daneben."

Seinem milden Zureden, seiner warmen Herzlichkeit gegenüber fand Therese endlich ihre Fassung wieder und be­gann stockend und von Thränen häufig unterbrochen die ganze Geschichte ihrer Liebe zu erzählen. Hohenthal saß daneben, still, wortlos, die Augen zu Boden auf das bunte Teppich­muster gerichtet; ab und zu nur preßten sich seine Lippen fester zusammen, ein tiefer, schwerer Seufzer hob seine Brust; als das junge Mädchen endlich schwieg, sah er auf. Sein Blick war unsäglich wehmüthig.

So sind Sie also fest entschlossen, Gräfin Wildenstein, jenen Herrn zur Stetten zu heirathen und ihm nach Rußland zu folgen? Sie haben alle Consequenzen dieses Schrittes er­wogen?"

Alle, Baron Hohenthal, im April werde ich mündig und und will ihm dann meine Hand reichen."

Aber wenn Ihre Eltern sich weigern? Wo wollen Sie hin, wenn das Vaterhaus sich vor Ihnen schließt?"

Ich weiß es nicht!" Verzweifelnd rang Therese die Hände.O, Eduard, helfen Sie mir, meine ganze Hoffnung steht bei Ihnen."

Armes, armes Kind," sagte er zärtlich wie ein Vater, nun lassen Sie mich sehen; vielleicht findet sich ein Ausweg, aber erst muß ich Herrn zur Stetten kennen lernen. Wenn ich ihn nicht würdig Ihrer selbst finde, Gräfin Therese, dann kann ich trotz aller Bitten keinen Finger rühren, um Sie zu vereinigen."

Da hob das schöne Mädchen, glückselig lächelnd, das blonde Haupt und reichte ihm die Hand.

Gehen Sie immer hin, Eduard, ich weiß, daß Sie Stetten gleichfalls achten und lieben werden."

Freilich, dagegen bäumte sich eine jede Faser von Hohen- thals Herzen auf; er erhob sich sogleich und griff nach seinem Hute, um zu gehen.

Wann kommen Ihre Eltern wieder, Comteß?" fragte er freundlich.Ich kann dann noch heute meine Aufgabe lösen."

Gegen Abend," entgegnete sie erbebend,o, Eduard, wenn Sie bei ihm waren, kommen Sie nochmals zu mir und sprechen dann mit Rudolf."

Wie Sie wollen, liebes KindF er fand den To« des älteren Freundes endlich,wenn wir handeln wollen, gilt kein Zaudern."

Wie im Traume schritt Hohenthal durch die Straßen der Residenz dahin; alle die Personen, welche ihm begegneten, erschienen wie Marionetten, er bemerkte nicht, wie ein feiner, kalter Sprühregen seine heiße Stirn benetzte, das starre Auge suchte nur die Straßennummern. Als er dann jedoch vor dem Hause stand, worin Stetten wohnte, da wäre er beinah feig wie ein Schulknabe davor zurückgebebt. Erst ein kurzer Kampf mit sich selbst brachte ihn dazu, die Treppe hinauf zu steigen und nach Herrn zur Stetten zu fragen. Ein Dienst­mädchen gab ihm Bescheid und nahm seine Karte, um fie hiueinzutragen; man hörte, wie ein Stuhl hastig zurück­geschoben wurde, wie eine tiefe Männerstimme sprach:Führen Sie den Baron sogleich herein und ich bin für Andere nicht zu sprechen."

Äug' in Auge standen sich nun die beiden Männer gegen­über, deren Lebenswege so verhängnißvoll sich kreuzten, lange schauten sie einander prüfend an, dann mit einem Male streckte Hohenthal dem- Sänger die Rechte entgegen.

Herr zur Stetten, ich freue mich, Sie kennen zu lernen; so habe ich Sie mir gedacht, denn sonst konntejGräfin Wilden­stein Sie nicht lieben."

Sie wissen Alles, Baron Hohenthal, und kommen doch zu dem, der Ihre ganze Zukunft in Trümmer reißt! Wie soll ich Ihnen dafür danken!"

Thun Sie es nicht, mein Herr!" erwiderte der Baron. Es wird mir nicht leicht, Therese aufzugeben, aber sie liebt Sie, dies eine Wort macht es mir möglich, zu entsagen."

(Fortsetzung folgt.)

Kochzeilsgeöräuche.

(Fortsetzung.)

Bei den Römern fanden Hochzeitsgebräuche nur dann statt, wenn man eine strenge Ehe (justum matrimonium), wodurch die Frau in die rechtliche Gemeinschaft des Manne» überging und mater familias wurde, einging, nicht, wenn man eine sogenannte freie Ehe abzuschließen gedachte, wobei die Frau bloß uxor wurde. Bei dem Eheverlöbniß (spon- salia) setzte man die Aussteuer fest und gab der Verlobten einen Brautring zum Unterpfand. Am Tage vor der Hochzeit, für die die zweite Hälfte des Juni als die günstigste Zeit galt, während der Mai, wie noch heute in Italien, Frankreich, vielen Gegenden Deutschlands und Englands, streng gemieden wurde, opferte die Braut der Juno juga, ließ ihr Haar mit der Brautlanze (s. d.) scheiteln und in sechs Locken nach der Sitte der Matronen ordnen und weihte die abgelegte jungfräuliche Toga praetexta der Fortuna virginalis. Am Hochzeitstag selbst legte sie die Tunika der Matronen um, umwand sich mit einem wollenen Gürtel und verhüllte da» Gesicht mit einem feuerfarbigen oder citronengelben Schleier (flammeum). Hierauf wurden den Ehegöttern, an deren Spitze die Juno unter vielerlei Namen stand, die üblichen Opfer dargebracht. Abends erfolgte die Heimführung der Braut (deductio domum) durch den Bräutigam. Er nahm sie von dem Schoß der Mutter oder der nächsten Anverwandten; zwei Knaben, die Matrimi und Fatrimi, d. h. deren Eltern beide noch am Leben sein mußten, führten sie; e,ta dritter mit einer Fichtenfackel in der Hand begleitete sie, während noch fünf Hochzeitsfackeln vorausgetragen wurden. Sklavinnen trugen ihr den Spinnrocken mit Wolle und die Spindel mit der Rockenstange nach. Lyra- und Flötenspiel, unterbrochen von Hymenrufen der Knaben, begleitete den Zug. An dem geschmückten Haus des Bräutigams angelangt, wurde die Braut gefragt, wer sie sei. Sie antwortete:Ubi tu Cajus, ego Oaja, d. h.Wo du Herr und Hausvater bist, da bin ich Herrin und Hausfrau". Run umwand sie die Thür- pfosten mit wollenen Binden und bestrich dieselben, um Be-