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Unebenbürtig.

Roman von H. von Ziegler.

(Fortsetzung.)

Rudolfs Stirn blieb finster, er fuhr in demselben strengen Tone fort:Ein für allemal, Therese, Du wirst nicht mehr mit zur Stetten verkehren; ich wünsche nicht, daß auch Du lernst, mit Männern zu kokettiren und fie dann wie einen Spielball bei Seite zu werfen."

Sie ahnte, an wen er bei diesen Worten dachte und trotz seiner schroffen Worte, trotzdem sie genau wußte, daß er sie verstoßen werde um ihrer Liebe willen, zog ein unsägliches Mitleid für ihn in ihr jetzt doppelt weichgestimmtes Herz. Innig legte sie die Hand auf seinen Arm und sagte halblaut: Mein armer, armer Bruder! Wie leid Du mir thust, ich weiß, daß Melanie kein Herz besitzt!"

Laß das," wehrte er finster ab,wem eine uralte deutsche Grafenkrone, ein fleckenloses Wappenschild nicht ge­nügt, wer einen fremdländischen Fürstentitel vorziehen kann, der ist für mich nicht mehr vorhanden!"

Im selben Moment brauste ein zweirädriger hoher Wagen mit zwei feurigen Rappen bespannt, an den Geschwistern vor­über, ein blauer Schleier wehte, eine schlanke Hand winkte grüßend mit der Reitpeitsche, aber Graf Wildenstein schien es gar nicht zu bemerken; er schaute unverwandt in das nächste Ladenfenster, sein Antlitz war fahl und sein Athem ging keuchend.

Armer Rudolf," dachte Therese und wie ein schwerer Vorwurf erschien ihr all' der Kummer und das Herzeleid, das durch sie dem Bruder noch bevorstand.

Roch am selben Abend sie hatte eine Thes-Einladung abgeschlagen begann die Comteß ihrem Verlobten zu schreiben, offen und ehrlich, so schwer es ihr auch ankam. Aber sie achtete ihn, sie vertraute auf seine unendliche Liebe, die sich ihrer annehmen werde, auch wenn Vater und Mutter sich von ihr wenden sollten.

Als der Brief, welcher so Schweres van ihm forderte, bei Hohenthal ankam, strahlte dessen gutmüthigss Gesicht in Heller Freude.Meine Therese," flüsterte er vor sich hin, sie schreibt einmal außer der Zeit, was sie sonst nie thut; wie freue ich mich darüber, es zeigt ja, daß sie anfängt, mich zu lieben! Nun ist ja auch die Wartezeit bald vorbei; von Weihnachten an werden wir uns für immer angehören."

Langsam brach er das elegante wafferblaue Couvert auf, zwei engbeschriebene Bogen fielen ihm entgegen und leuchtenden Auges drückte er sie an die Lippen.

Nun will ich aber erst den Verwalter abfertigen," brummte er in sich hinein,um dann ungestört lesen zu können."

Er steckte die Briefblätter zu sich und ging seinen Ge­schäften nach; eine unsägliche Freude war über ihn gekommen, keine auch noch so leise Ahnung des nahen Jammers schlich in sein Herz.

Endlich," murmelte er dann erleichtert, als der Beamte fort war und er sich zum Lesen hinsetzte,nun will ich hören, war mein Liebling will."

Er begann, doch kaum hatte er die ersten Zeilen gelesen, als sich sein Gesicht verdüsterte und die Farbe aus seinen Wangen wich.

Allmächtiger," murmelte er vor sich hin,was soll das sein? Ein Keulenschlag des Schicksals mitten hinein in mein Glück."

Dann aber verstummte er, wenn schon sich heißer Schmerz, unsäglicher Jammer in seinen Zügen prägten; er las Zeile für Zeile, Seite nach Seite und wußte doch kaum, was er gelesen nur das Eine stand in feurigen Lettern vor seiner Seele, grub sich tief in's zuckende Herz:Verloren, auf ewig verloren!"

Als er geendet, blieb er still sitzen, die eine Hand hielt den unglückseligen Brief Theresens, mit der andern bedeckte !

er die Augen; aber kein Seufzer, kein Stöhnen entrang sich der breiten Brust, er kämpfte wie ein Held mit dem Weh, welches ihm das geliebteste aller menschlichen Wesen bereitet, er rang furchtbar, bis er endlich siegte.

Stunde auf Stunde verrann, Hohenthal dachte nicht an das Mittagessen, er hatte den anmeldenden Diener kopfschüttelnd fortgesandt. Erst als die Sonne des kurzen Decembertage» sank, raffte er sich empor. Mit wankenden Knieen und bleichem, ernstem Antlitz ging er zum Schreibtisch, ein Telegramm auf­zusetzen; es enthielt nur wenige Worte unter Theresens Adresse:Ich komme sogleich, vertraue auf mich. Hohenthal."

Dann faltete er den Bogen zusammen, riß an der Schelle und befahl dem eintretenden Reitknecht, sofort zur nächsten Station zu reiten und das Telegramm pünktlich zu besorgen. Es hat Eile," fügte er mühsam hinzu,und es hängt sehr viel davon ab."

Der Reitknecht schaute kopfschüttelnd seinem Herrn nach. Der arme Herr Baron," dachte er bei sich,er hat gewiß irgend eine sehr schlimme Nachricht bekommen, denn er sieht kreideweiß aus und seine Stimme war so rauh und anders wie sonst."

Vorbei," klang's in Hohenthal» Innerem, als er den Kammerdiener herbeischellte, um ihm die Weisung zu geben, sich und das Gepäck seines Herrn bereit zu halten, da er noch diesen Abend abreisen müsse.Vorbei," seufzte er mit zucken­den Lippen, als er noch einmal den erhaltenen Brief ourch- las, welcher in seiner Hauptsache lautete:

Du hast mir das Versprechen abgenommen, Eduard, Dir offen und wahr Alles zu sagen, was ich denke und thue, und ich hab's bisher immer gethan. Heute nun wird es mir zum ersten Male bitter schwer, denn ich weiß und fühle, daß ich mit meiner Beichte Dir Schmerz bereiten muß. Als ich im vorigen Frühling Deine Braut wurde, bekannte ich Dir offen, dW ich Dich noch nicht so lieben könne, als eine Braut es solle und müsse- Aber Du er­widertest mir, daß Du genug Liebe für uns Beide hättest, daß ich es wohl lernen werde. Eduard, wir haben uns getäuscht, mein Herz war noch nicht erwacht, und nun hat es gesprochen, gewählt ich stehe treulos und wortbrüchig vor Dir, um Deine Vergebung flehend, denn ich liebe einen Anderen! Du bist der Erste und Einzige, dem ich es mit- theile, denn von Dir allein erhoffe und erflehe ich Hilfe; ich weiß, daß die Eltern mich schmähen und verstoßen wer­den, aber ich kann nicht anders, kann nicht lassen von dem Manne meiner Liebe, obwohl er nur ein Opernsänger ist! Komme zu mir, Eduard, sei «mein Freund und Be­schützer in diesen schweren Tagen; Du wirst mich vielleicht erst dann verstehen, wenn Du Friedrich zur Stetten gesehen und kennen gelernt hast. Laß mich nicht vergebens an Dich appelliren, mein guter Eduard, zeige, daß Du auch für Diejenige noch Freundschaft und Theilnahme übrig hast, die Dir so weh thun muß. Therese."

Gott helfe ihr und mir," stöhnte Baron Hohenthal klanglos und barg den Brief in seinem Portefeuille,ja, sie hat mir wehe gethan, aber die Liebe kann Alles auch mit blutendem Herzen, und sie soll sich in mir nicht getäuscht haben. Ich komme, mein armer Liebling, ich will Dir helfen."

So edel und großmüthig dachte und handelte Baron Hohenthal.

Graf und Gräfin Wildenstein waren für zwei Tage zu einer silbernen Hochzeit verreist und Therese athmete auf über diesen günstigen Zufall; so konnte sie Hohenthal doch ungestört sprechen, vielleicht auch diesen mit Stetten bekannt machen. Als die Zeit heranrückte, in der der Courterzug ankam, ward die Comteß unruhig, in nervöser Hast schritt sie durch'» Zim­mer, auf jedes kleinste Geräusch genau achtend; endlich hielt vor dem Hause ein Wagen, sie hörte des Barons Schritt, seine Stimme, aber wie gelähmt blieb sie stehen, ein jeder Blutstropfen wich aus ihrem Antlitz.