Ausgabe 
1.8.1895
 
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zeigte auf einer kleinen Metallplatte eine Grafenkrone, unter welcher die Buchstaben C. M. standen. Cora achtete jedoch darauf nicht weiter, sondern reichte der Leidenden ein Glas Wein-

»Jetzt ist Ihnen wohl besser . . . jetzt werden Sie sich auch nicht mehr ängstigen," sprach Cora.

Aber in demselben Augenblick gerieth das Schiff wieder in heftigeres Schwanken und dieses entriß den Lippen der Dame einen leisen Schrei.

»D, mein Gott! Wir find verloren!" schrie ste.Warum rief er mich in die Heimath zurück?"

Cora wurde wohl auch ein wenig bang bei dem heftigen Sturm, doch hatte ste genug damit zu thun, diese Dame so» wohl wie noch andere in der Cajüte befindlichen zu beruhigen.

Am meisten hielt sie sich in der Nähe der interessanten Dame, die sie mächtig anzog. Die abgezehrte Hand erfaßte krampfhaft die ihre, als das Schiff wieder stärker zu schwanken begann.

Verlassen Sie mich nicht, sonst sterbe ich," ächzte die . «Noch nie habe ich einen solchen Sturm erlebt und mir ist so bange."

Ich bleibe bei Ihnen, aber Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, es ist wirklich keine Gefahr vorhanden," sagte Cora ermuthigend.

Aengstigen Sie sich denn nicht?" fragte die Dame.

O nein.... ich fürchte mich nicht vor dem Sturm, vermuthlich, weil es mir ziemlich gleichgiltig wäre, wenn ich den Tod fände," antwortete Cora.

Haben Sie Niemanden, keine Angehörigen, keine Freunde, die Sie betrauern würden?" fragte die Dame.

Nein," entgegnete Cora ruhig-

Und doch sind Sie so schön, so jung und sicher auch von guter Herkunft," bemerkte die Kranke.

Ich bin jung, aber kein Band fesselt mich an die Welt," antwortete Cora ausweichend.Darum ist es mir eine Freude, selbst einer Fremden von Nutzen sein zu können."

Die Dame sah ste mit noch größerem Interesse an, ob­gleich das abermalige Schwanken des Schiffes sie hinderte, etwas zu erwidern. Sie griff nach Cora und klammerte sich so fest an dieselbe, als ob es ihr Leben gälte. Und das Mäd­chen nahm ste unwillkürlich in die Arme, trocknete ihre Thränen, lehnte den Kopf der Kranken an ihre Brust und vergaß fast in der Aufregung des Augenblicks und bei dem Zauber, den dieses bleiche liebe Gesicht mit den großen dunklen Augen auf sie ausübte, daß Jene, die sie so pflegte und bemitleidete, ihr noch vor wenigen Stunden völlig unbekannt gewesen war-

Nicht wahr, Sie verlassen mich nicht? Sie bleiben auch bei mir, wenn wir das Land glücklich erreichen?" sagte die Dame, nachdem sich der Sturm einigermaßen gelegt hatte. Zu meiner Jungfer, die mich so grausam im Stich gelassen hat, habe ich jetzt kein Vertrauen mehr und der Diener, den ich mit nach England bringe, ist der Sprache völlig unkundig."

Aber ich kenne Sie ja gar nicht," entgegnete Cora zögernd.

«Ich weiß noch nicht, mit wem ich spreche."

Die Kranke lächelte trübe.

Ah, ich vergaß, daß Sie eine Fremde sind. Ich bin so daran gewöhnt, an einem Ort zu leben, wo ich von Jedem, mit dem ich in Berührung kam, gekannt war. Und jetzt kehre ich nach England zurück, wohl nur, um zu sterben," fuhr sie fort.Doch bin ich es meinem Sohne schuldig, den ich so lange vernachlässigt habe."

Cora wartete gespannt auf die nächsten Worte, aber wieder schien die Kranke in die frühere hoffnungslose, halb angstvolle Mattigkeit zu verfallen.

Und dieser Sohn?" wagte Cora endlich zu fragen.

"Habe ich Ihnen das nicht schon gesagt?" erwiderte die Dame.Er ist der junge, unglückliche Graf von Belfort. Haben Sie von ihm und seinem Unglücke nicht schon gehört?"

(Fortsetzung folgt.)

Küste abgehen sollte und auf welchen ihr bescheidenes Gepäck schon vorher gebracht worden war.

Schon einmal hatte sie dieWer Deutschlands in ähnlicher Weise verlassen, aber damals war sie unter männlichem Schutz gewesen, während sie jetzt schutzlos und allein war. Es erhob sich ein heftiger Wind und der Dampfer wurde auf den schäumenden Wogen hin- und hergetrieben.

Alle Damen außer Cora hatten sich in die Cajüten begeben, sie allein blieb auf Deck. Sie schien sich des wilden Kampfes der Elemente zu freuen, anstatt daß derselbe sie ge­ängstigt hätte.

Endlich fiel dem Capitän die zarte Gestalt auf, die sich so dem Sturm aussetzte.

Verehrtes Fräulein, wollen Sie nicht in die Cajüte gehen?" fragte er.

Ich fürchte mich nicht vor dem Sturm. Im Gegentheil, ich mag ihn gern- Unten in der Cajüte ist die Luft so be- drückend," entgegnete sie schnell.

Zu Furcht ist Gott sei Dank auch keine Ursache," sagte er lächelnd.Aber darum ist hier doch kein passender Platz für eine so junge Dame wie Sie. Gehen Sie nur hinunter ... ich glaube, unten gibt es genug zu thun," setzte er hinzu.

Cora zögerte nicht länger. Sie hörte Stöhnen aus der Cajüte, das ihr des Capitäns Worte zur Genüge erklärte.

Ich will gehen, wenn ich von Nutzen sein kann," er­widerte ste.

Haben Sie Niemand, der sich um Sie bekümmert? Niemand, der für Ihre Bequemlichkeit sorgt, anstatt Sie hier allein zu lassen?"

«Ich bin meine eigene Herrin," sprach sie.Ich kann kommen und gehen und mich in jedwede Gefahr stürzen, wie ich will. In dieser Beziehung brauchen Sie sich nicht zu ängstigen, wenn ich weniger Alleinstehenden behilflich sein kann," Me sie mit einem so bitteren Lachen hinzu, daß es unwill­kürlich des Capitäns Aufmerksamkeit auf sich zog.

llM. bJer^tU/enu6?nQb in di- unteren Schiffsräume und befand sich bald inmitten einer Gruppe erschreckter fee* träntet Damen und Kinder, die kaum hätten sagen können, ob ihnen der geistige oder körperliche Schmerz unerträglicher war. Von allen Seiten vernahm sie Klagen der Angst, Bitten um Hilfe und Stöhnen, so daß sie im ersten Augenblicke nicht wußte, wer ihrer Beistandes am meisten bedürftig war, aber wie sie sich die verschiedenen Menschen ansah, wurde ihre Auf­merksamkeit am meisten von einer zarten blaffen Frau an- gezogen, die zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt fein mochte aber immer noch Spuren früherer Schönheit und etwas

{)rer, ganzen Haltung besaß, wenngleich eine gewisse Mattigkeit im Ausdruck von wenig Characterstärke sprach. Sie lag in einer Ecke auf einem Sopha und ihr Mm ging langsam und schwer infolge der schrecklichen Schmerzen der Seekrankheit und der noch schrecklicheren Angst vor dem immer heftiger werdenden Sturm. Kein Mensch schien sich um sie zu kümmern.

trat zu ihr und sprach mit ihrer gewohnten Sanft- muth.Kann ich etwas für Sie thun? Sie sind sehr krank?"

Wr krank. Ich glaube nicht, daß ich diese klagendem Ton? "^^e," entgegnete die Dame in leisem, W Sie, siS "icht . ... wie der Capitän mir

Ä! bWtoß^e Gefahr vorhanden," tröstete Cora.

Können Sie nicht irgend etwas zu sich nehmen?"

nicht zu meine?NM-Ä^""^" ifi fo tmt unb ich kann $ ViS Langen," entgegnete die Kranke.

diese? Kann ich sie nicht holen?"

bemerkte nun SÄT ? erRen Mal genauer an und bofifSS t ?' baJ Sor ihr, wenn nicht an Geburt, so

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