„Aber es ist allerdings eine große Ueberraschung, Sie hier zu sehen/
„Ebenso für mich, Sie zu sehen, Marian," entgegnete, er rasch. „Mir sind so lange alle Mittel, etwas von der Außen« weit zu hören, abgeschnitten gewesen, daß ich keine Ahnung davon hatte, daß Sie so fern von Ihrem eigenen Heim und daß Sie in tiefer Trauer sind," setzte er mit einem Blick auf ihre schwarze Kleidung hinzu. „Sie stehen doch nicht allein?"
„Ich bin elternlos," entgegnete sie ruhig, „und stehe jetzt sehr vereinsamt da."
„Es thut mir leid, sehr leid," versetzte er ruhig. „Früher hätte ich Ihnen zum Trost leicht etwas mehr als Theilnahme zeigen können . . . aber jetzt bin ich selbst hilflos und habe nichts als Worte des Beileids."
Ein stolzer, mißtrauischer Blick traf ihn aus den Augen der jungen Gräfin.
„Soll ich daraus schließen, daß Sie, Lord Belfort, der Nachkomme eines alten, edlen Geschlechtes, eine namenlose Abenteuerin geheirathet haben? Der Gedanke, daß der Freund meiner Jugend so schwach und unwürdig gehandelt haben sollte, würde mir weh thun."
„So glücklich bin ich nicht, Lady Marian," sagte er kalt. „Cora ist nicht so leicht zu gewinnen und ich habe ihre Ansprüche besser achten gelernt, als daß ich ihr wünschen möchte, einen befleckten und entehrten Namen anzunehmen. Ich bin aber jetzt bemüht, Coras gegenwärtigen Aufenthalt ausfindig zu machen, um ihr einige Hoffnung einzuflößen, daß ihre Her« kunft doch noch aufgeklärt werden wird, bevor sie irgend eines der unschätzbaren Werthstücke aus den Händen gibt."
Die junge Gräfin schreckte leicht zusammen.
„Wollen Sie damit sagen, daß Sie etwas wissen, was sich auf ihre Herkunft bezieht?" fragte sie.
„Ich hoffe, daß es eine Möglichkeit gibt, sie zu entdecken."
„Aber warum zeigen Sie so großes Interesse dafür," fuhr er fort. „Es kann der hochgeborenen Erbin von Biddulph wenig daran gelegen fein, wer die wirklichen Angehörigen eines armen Findelkindes find. Und doch coursiren hier in der Gegend seltsame Gerüchte über ganz wunderbare Ereignisse. Haben Sie schon gehört, daß Graf Treville in Coras erstem Beschützer einen lang verlorenen Sohn wiedererkannt hat, der auch bereits mit Netta Faro vermählt ist?"
Marians Lippen erbleichten bei dieser Mittheilung. Sie war auf den Schlag, den Nettas Heirath vielleicht auf ihre angegriffenen Nerven ausüben würde, vorbereitet. Sie fühlte nur zu gut, daß sie Rang und Reichthum geopfert haben würde um des Mannes willen, der nach der Enttäuschung, die ihre Liebe erlitten hatte, nicht ohne Einfluß auf ihr Herz geblieben war. Doch die Mittheilung, daß eine Verbindung mit dem Manne ihrer Wahl ihr eine glänzende Zukunft ge- boten hätte, daß er ihr an Rang ebenso gleichgestanden hätte, wie in feinen persönlichen Vorzügen, war eine härtere Prüfung für sie, als sie ungerührt ertragen konnte.
„Die Zeit der romantischen Abenteuer scheint zurückzukehren," erwiderte sie verächtlich. „Vielleicht ist die nächste aufregende Entdeckung, daß Miß Cora die Angehörige irgend eines vornehmen Hauses ist. Aber ich kenne nun zufällig Niemand, der eine Tochter vermißt ... Sie vielleicht, Ernst?"
Lord Belfort sah sie mit vorwurfsvoller Verwunderung an.
„Ich fürchte, ich bin mit meinen eigenen Angelegenheiten zu sehr beschäftigt gewesen, um viel auf anderer Leute Interessen Acht zu haben," entgegnete er ruhig, „aber jedenfalls werde ich mich bemühen, den Dienst, den Cora mir geleistet hat, zu vergelten."
„Jedenfalls begleiten Sie meine besten Wünsche zum Erfolg Ihrer Bemühungen," lautete der jungen Gräfin spöttische Erwiderung.
Während sie sich zum Gehen wandte, streckte sie Lord Belfort halb die Hand hin, die dieser in seine beiden nahm und herzlich drückte.
„Leben Sie wohl, Marian ... ich verstehe Ihre Empsin- düngen besser, als Sie selbst. Der Himmel schütze Siel Und möge Ihnen ein höheres Glück zu Theil werden, als der Rang
und Reichthum, bett Sie so hoch schätzen. Ich kann nie unsere kindliche Liebe vergessen. Wir haben weder Bruder noch Schwester, deshalb sollten wir uns zu einander hingezoaen Men, um solche Bande zu ersetzen."
Diese sanften Worte erweichten Marians stolzes Herz wohl ein wenig, aber noch war der Schmerz der Wunde, die sie empfangen, nicht gestillt. Mit kalter Zurückhaltung, die sie später bitter bereute, entzog sie ihm ihre Hand mit den Worten: „Leben Sie wohl, Lord Belfort .... ich meinestheilr möchte nur die Vergangenheit mit all' ihren Sorgen und Aergernissen vergessen. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Zu- kunft," setzte sie mit unsicherer Stimme hinzu, als wenn die Rührung einigermaßen die Oberhand gewänne.
Und dann entfernte sie sich schnell.
Lord Ernst blickte ihr in trauriger, doch mißbilligender Verwunderung nach.
XLV.
„Nun, Cora, bedenke wohl, daß Du es vor Dir selbst zu verantworten hast, wenn Du uns wieder verläßt," sagte Frau Falkner in strengem Tone, als das Mädchen sich zu einem letzten Lebewohl von der Heimath ihrer Kinderzeit vorbereitete.
Die Waise nahm schweigend den Vorwurf hin und Adele mischte sich ein, bevor ihre Mutter weitersprechen konnte.
„Nun, Mutter, ich denke, es ist viel besser, wenn sie geht. Sie ist viel zu vornehm für uns geworden, wenn sie auch unseres Wissens wohl kaum etwas Besseres als die Tochter eines gewöhnlichen Seemanns ist. Ich meinestheils wünsche, daß ich sie nie Wiedersehen werde. Ich bin ihretwegen zur Genüge gekränkt und schlecht behandelt worden. Bei diesem Grafen Treville hast Du Dich und mich so lächerlich gemacht, daß ich hätte wahnsinnig werden mögen."
„Beruhige Dich. Sofern ich dazu beitragen kann, werden wir einander nie wieder begegnen, Adele," versetzte Cora ruhig, „und doch würde ich nur zu gern mit Dir tauschen. Du hast wenigstens eine Mutter, während ich einsam und verlassen bin. Lebt wohl, laßt uns in Freundschaft, nicht im Zorn auseinandergehen."
Und sie drückte ihre Lippen auf die Stirn der alten Frau, bie sie viele Jahre lang als ihre Mutter betrachtet hatte.
Dann wandte sie sich mit innigem Blick zu Adele.
„Adele, willst Du nicht vergessen und vergeben, wenn Du glaubst, daß irgend ein Grund zur Entfremdung zwischen uns bestehe? Ich werde Deinen Lebenspfad nie wieder kreuzen, werde Dir nie mehr Ursache zum Aergerniß geben. Willst Du nicht, daß die letzten Minuten unseres Beisammenseins friedlich und freundlich seien?"
Wenn sie selbst in Adeles neidischen Augen weniger vornehm und bezaubernd ausgesehen hätte, wäre die Antwort vielleicht eine wärmere gewesen. So aber erwiderte Adele Coras liebevolle Umarmung mit größter Kälte.
„Du weißt am besten, was Du gethan hast, Cora," versetzte sie- „Ich will Dich jetzt nicht daran erinnern, daß Du Jeden, der mit Dir in Berührung gekommen ist, zu Grunde gerichtet hast. Ich bin ganz Deiner Meinung, daß es besser ist, wir bleiben fern von einander und unter dieser Bedingung verzeihe ich Dir gern."
Cora zögerte noch. Ihr war, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggenommen, als würde ihr die Brücke abgebrochen, die sie mit der Vergangenheit verband, als sie dieses Haus verlassen sollte. Aber glücklicherweise verlieh ihr die zurückweisende Kälte von Mutter und Tochter die nöthige Kraft, diese Probe ruhig zu bestehen.
„Wenigstens wirst Du uns wohl sagen, wohin Du zu gehen gedenkst?" bemerkte Frau Falkner ziemlich unruhig und es schien, als bereute sie, daß Cora ging.
„Ich gehe in die Welt. Sie wird wohl nicht größer und einsamer fein, als wie ich sie früher kennen gelernt habe. Lebt wohl. Laßt mich nur in Frieden ziehen und die unglückselige Vergangenheit vergessen."
Mit diesen Worten verließ Cora das Haus. Ruhig schritt sie nach dem Dampfer, der bald nach der englischen


