UnterhaUungsvlatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
1895.
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DonnttStag Sen 1. August.
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Die Tochter des Meeres.
Xemot im X. Xi.»la.
LXIV.
’ Lädy Marian Biddulph, jetzige Gräfin von Marston, hatte ihre Angelegenheiten geordnet. Alles war zur Abreise bereit und ihres Vaters Leiche sollte in ihre letzte Ruhestätte beigesetzt werden.
Sie schien für Alles, was rings um sie vorging, kalt und gleichgiltig zu sein- Sogar die alte, treue Haushälterin, Frau Aston, konnte sich nicht damit rühmen, daß. sie den Grund des auffallenden Wechsels in der Haltung ihrer jungen Herrin kenne.
Es war am Abend vor dem Tage, an welchem der ganze Haushalt die Villa verlassen sollte, die sich als so nutzlos für die Genesung des Kranken erwiesen hatte.
Lady Marian hatte.ihre letzten Befehle ertheilt und sich in einen warmen Mantel hüllend, verließ sie ihr Zimmer, um in einer langen Promenade in den lauschigen Gängen, die ihr seit ihrem Aufenthalte hier so lieb und werth geworden waren, Erleichterung zu suchen.
Frau Aston traf sie an der kleinen Seitenthür, die in ihren Lieblingsgarten führte.
. «c ,,3^neJle6e Lai>y," bat sie, „bitte, gehen Sie an diesem trüben Abend nicht aus. Wozu auch, da wir so bald fort« gehen, um wohl nie wieder zurückzukehren? Und es ist wirk» lrch hohe Zeit dazu, denn hier kümmert sich Niemand mehr um Sie."
iutl9n Itc matt und sagte: „Sie mögen
ittih 4a min kia fxiiu. n... J wir reisen morgen ab und ich will die schöne Umgebung noch einmal genießen."
Und mit freundlichem Lächeln und Kopfnicken ging sie und war im nächsten Augenblick den Blicken der treuen Dienerin entschwunden.
fmrh SJP* ra!$ vorwärts, denn die Dunkelheit mußte mÄ” unLRe Ee noch all' den Plätzchen Lebewohl nÄ bA J?r rod&renb ihres Aufenthaltes in Cannes die liebsten gewesen waren.
Das interimistische Grab ihres verstärket«« Vaters und die Stelle, auf . welcher sie Rupert/ Falkner zum letzten Male begegnet, waren die" Plätze, di« sie am meisten inkereffirten. .
Kein Wort von dem großen Wechsel in dem Schicksal des jungen Fremden war zu ihr in die Abgeschlossenheit gedrungen;! sie dachte nur an ihn als den Jemand, der einen eigenthüm« lichen Zauber auf sie ausgeübt hatte und für dessen Liebe sie' " gery Rang und Reichthum hingegeben hätte. Und wenn ihre Gedanken bei Anderen verweilten, die ihren Lebensweg gekreuzt hatten und vielleicht nicht ohne Eindruck auf ihre jugendliche Phantasie gewesen waren, so schwanden diese doch wie flüch« tige Phantome vor dem lebhaften Bilde^dieses Letztgenannten und vor den traurigen Begebenheiten -der jüngst verflossenen Zeit.
Endlich erreichte sie die wohlbekannte Stellefast erwartete sie, die Gestalt des hübschen Fremden auf sich zukommen zu sehen wie an jenem denkwürdigen Tage, den sie nicht wieder vergessen konnte.
Konnte es ein Gebilde ihrer Phantasie sein oder war es « eine Verwirklichung ihrer Träume, die ihrem Auge sich dar» ' bot, als sie den Eingang des schmalen Thals erreichte? - *
Doch gewiß . . . dort war eine Gestalt, welche der Größe nach wohl der junge Unbekannte sein konnte. Aber sie wandte ihr den Rücken zu und Marian schlich sich leise und geräusch« los näher, als sürchte sie, die Erscheinung könne verschwinden, oder es erwarte sie Enttäuschung, wenn sie dem fremden Be« sucher näher käme.
Aber das Rauschen der welken Blätter unter ihren Schritten zog die Aufmerksamkeit der auf den grünen Rasen zurückgelehnten regungslosen und wie es schien schlafenden Ge» statt auf sich.
Der Fremde hob rasch den Kopf; dann sprang er auf und: „ErnstI . . . Marian!" kam es zu gleicher Zeit von den Lippen der jungen Gräfin und des Gefährten ihrer Jugend.
Lord Ernst Belfort war es. Er hatte sich, feit sie einan» der nicht gesehen hatten, viel mehr verändert, als das Mädchen selbst und Marian erkannte sofort, daß er nicht mehr der oberflächliche, ungestüme Jüngling wie früher war.
„Wie freue ich mich, daß Sie in Sicherheit sind, Ernst," sagte Marian, die sich rascher gefaßt hatte, als ihr Gefährte.


