um der Artillerie des Herrn Herzogs zu erlauben, daß sie unsere Stadt mit einigen Bomben beehrt?"
Es «ar Lowendaal, der so plötzlich das Wort ergriffen hatte.
Neipperg hatte seinen Nebenbuhler erkannt- Eine Blut« welle stieg ihm ins Gestcht und instinctiv machte er eine Bewegung, wie um auf den Baron loszustürzen.
Aber er beherrschte sich: er war Gesandter, hatte eine Mission zu erfüllen, gehörte sich nicht allein.
Gleichzeitig durchzuckte noch ein Gedanke seinen Kopf, wenn der Baron Lowendaal sich in Verdun befand, mußte ja auch Blanche von Lavaline hier sein. Aber wo ihr begegnen, wo sie sehen, wo mit ihr sprechen? Er begann zu hoffen, daß der Baron vielleicht unwillkürlich ihm den Aufenthalt Blanches verrathen könnte. Er mußte sich also gleich- giltig zeigen, warten, horchen.
Ein ziemlich lebhaftes Gemurmel war den Worten Lowendaals gefolgt.
„In was mischt sich dieser Generalpächter?" flüsterten die Bürger untereinander. „Hat er denn Häuser, Geschäfte, Maaren in der Stadt? Wird er die Plünderung zu ertragen haben? Wozu, da der Geniecommandant erklärt hat, daß ein Widerstand unmöglich ist, wozu soll man alle Welt maffa« kriren lassen und aus welchem Grunde die Immobilien dem Artilleriefeuer aussetzen?"
„Unsere Bevölkerung ist vernünftig und fürchtet die Schrecken der Belagerung," sagte der Präsident. „Der Vorschlag des Herrn Baron von Lowendaal hätte nur den Pöbel für sich- Aber fast alle diese Lärmmacher, die nichts besitzen, haben die Stadt bereits verlassen und sich nach der Richtung von Thionville geflüchtet. Dort haben sie einen ihres Gelichters, einen gewissen Billand-Varrennes, gefunden, der sie ins Feuer schicken wird. Hoffen wir, daß Verdun sie niemals wiedersehen wird! Haben Sie die Absicht, ein Gleiches zu thun? Wollen Sie bombardirt werden?"
„Nein, nein, kein Bombardement! Unterzeichnen wir sofort!" riefen zwanzig Stimmen und die Eifrigsten ergriffen die Feder und drängten sich um den Präsidenten, um ihre Unterschrift unter die bereits vorher, gleich nach der An- kündigung der Ankunft des österreichischen Gesandten aufge« setzte Kapitulationsurkunde zu schreiben. ‘ .
Neipperg beoabachtete schweigend die anfangs so friedliche und jetzt so stürmische Versammlung.
Baron Lowendaal hatte seinen Platz im Hintergründe
„Nehmen wir an, daß ich nichts gesagt habe," murmelte ev ärgerlich.
Schon erhob der Präsident die Feder und suchte die Stelle, wo er auf der Kapitulationsurkunde seinen Namen hinsetzen sollte, als eine entfernte Füfilade losbrach, während zu gleicher Zeit die Trommeln den Generalmarsch schlugen und unter den Fenstern des Stadthauses „Qa-ira“ ertönte.
X. -
Der Schwur Beaur epaires. /
Alles hatte sich in unbeschreiblicher Erregung erhoben.
Die am wenigsten Erschrockenen liefen zu den Fenstern.
Die Stadt war erleuchtet, als stehe ein Fest bevor. Auf dem Platze brannten Fackeln, Frauen und Kinder schlugen in die Hände und bildeten in dieser feurigen Röthe eine phantastische Runde.
Es waren die Freiwilligen von Mayenne-et-Loire gewesen, die das „Qa-ira“ angestimmt und der betäubten Stadt das Zeichen zu freudigem Erwachen gegeben hatten- Die Männer waren in dieser Menge in der Minderzahl- Sie hielten sich in einiger Entfernung und schienen an dem kriegerischen Tumulte nur mit den Blicken theilzunehmen.
Der Bürgermeister machte den Präsidenten daraus aufmerksam. „ _ ,
„Das sind diese verwünschten Freiwilligen/ sagte Ter maux seufzend. (Fortsetzung folgt.)
Madame Sans (Sötte.
Roman nach Bictorien Sardou und F. Morr«««.
Doutsch von «bei« Brrzer.
(Fottstztzuug.)
Obwohl Neipperg noch leidend war, wollte er den Dienst wieder aufnehmen. Die Erinnerung an Blanche von Lavaline verursachte ihm mehr Schmerzen als die Wunde; bei dem Gedanken an sein Kind, den kleinen Henriot, der allen Gefahren einer unrechtmäßigen Geburt ausgesetzt, bei der Erinnerung an die Versuchungen Lowendaals, der von dem Marquis noch unterstützt wurde, der zuletzt Blanche zu einer Heirath zwingen konnte, empfand Neipperg eine qualvolle und grausame Marter. Er hatte das Bedürfniß, zu vergessen, und da der Krieg den Gedanken nicht erlaubte, beim Schmerz zu verweilen, mit Freuden den Dienst wieder aufgenommen. General Clerfayt, der die Tapferkeit und den Geist Neippergs zu schätzen wußte, machte ihn zu seinem Adjutanten, und da er die französische Sprache vollkommen beherrschte, erwählte ihn der General, um den Honoratioren und Behörden von Verdun die Pro Positionen der Kapitulation zu überbringen.
Nachdem der junge Gesandte die Versammlung begrüßt hatte, theilte er ihr die Bedingungen Braunschweigs mit: Sie bestanden in der Uebergabe der Stadt und Citabelle binnen vierundzwanzig Stunden, widrigenfalls Verdun einem Bombardement unterworfen und feine Einwohner nach dem Sturme der ganzen Wuth der Soldaten überlassen werben würden. Diese wilden Drohungen wurden inmitten einer düsteren Stille angehört.
Trotzdem diese Honoratioren sich rühmten, Royalisten zu sein und für deren Besitz fürchteten, ward es den reichen Bürgern doch schwer, diese hochmüthige und beleidigende Drohung ohne jede innere Empörung anzuhören.
Einige dieser Herren wären nicht böse gewesen, wenn sich irgend ein muthiger, wenn auch nur formeller Protest geregt hätte, damit wenigstens der Schein der Ehre gewahrt gewesen wäre. Aber Niemand erhob die Stimme, Niemand wagte, den Zorn der Preußen auf Verdun herabzurufen.
Neipperg blieb unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen stehen. _ „
Innerlich war er über die Feigheit dieser Kaufleute empört, die die Schande und Erniedrigung des Vaterlandes einem Widerstande vorzogen, bei dem ihre Häuser den Granaten des Vaterlandes ausgesetzt waren.
Er dachte bei sich, daß das nicht die Franzosen vom 10. August wären, gegen die er gekämpft hatte und die das Schloß der Tuilerien so wüthend erstürmten.
Für jene Patrioten, die ihn verwundet hatten, empfand er jetzt nichts mehr als Bewunderung. Soldatenherzen bewahren nach ihrer Schlacht keinen Groll mehr. Aber die Furcht dieser Bürger und ihre schmähliche Schwäche thaten ihm weh. Er fühlte das Bedürfniß, freie Luft zu schöpfen und das Schauspiel dieser gemeinsamen Feigheit nicht mehr vor Augen zu haben. Es schien ihm, daß seine Wunde beim Anblick dieser Feiglinge, die auch Verräther waren, von Neuem zu schmerzen beginne.
Er erhob sich und sagte kalt: „Meine Herren! Sie haben die Mittheilung des Generals en chef gehört; was für eine Antwort soll ich dem Herzog von Braunschweig überbringen?"
Und aufrechtstehend, die Hand auf den Rand des Tisches gestützt, noch bleicher als bei seiner Ankunft, ließ er den Blick über die Versammlung gleiten.
In der allgemeinen Stille erhob sich eine Stimme: „Meine Herren! Glauben Sie nicht, daß wir, wenn wir schon den barmherzigen Gefühlen Seiner Hoheit des Herzogs von Braunschweig unsere Huldigung darbringen, unseren Entschluß nicht etwas verschieben sollten — wenn auch nur,
Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) tn ©legen«


