Ausgabe 
1.6.1895
 
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hervor, der mehr Dankbarkeit ausdrückte, als ste in Worte zu kleiden vermochte.

Ist es möglich," rief der Fremde ungestüm, !als er die ergreifende Schwermuth in Nettas Blick sah,ist es möglich, daß Ihr Vater neben Ihnen an eine Andere dachte?"

Still! Still! Er ist im Jenseits, der arme Papa. Aber Sie sagen ja selbst, daß sie kokett ist und intriguirt," flüsterte Netta traurig.

Aber ehe er antworten konnte, wurde mit ängstlicher Stimme nach der jungen Erbin gerufen und Netta sprang wie electrisirt auf.

Ich muß gehen!" rief sie.Niemand darf wiflen, daß wir zusammen hier waren. Meine Tante würde sehr böse darüber fein. Doch möchte ich Sie Wiedersehen und mehr von der unglücklichen Cora hören."

Sie sind ein Engel, da Sie so mild von ihr denken," sagte der Fremde.Ja, ich werde Ihrem Befehl gehorchen. Ich werde hier bleiben in der Hoffnung, Sie wiederzusehen. Sie wenigstens sind aufrichtig und gut, und ich schulde Ihnen alle Achtung für Ihre Sanftmuth und Geduld bei so großem Kummer und Unrecht."

Er preßte ihre Hand mit einer Wärme an die Lippen, die schmeichelhafter war als Worte. Sie warf ihm einen vorwurfsvoll koketten Blick zu, als sie davoneilte und es war ihm, als hätte sie ihm noch zugeflüstert:Hier . . . morgen um dieselbe Zeit!"

Netta begegnete den besorgten Fragen, die sie erwarteten, mit der Ausrede, das heftige Gewitter habe sie gezwungen, Schutz in dem Pavillon zu suchen.

Aber in ihren matten Zügen war neues Leben und eine Zufriedenheit in ihrem Wesen, die wohl den Verdacht ihrer Tante hätte erregen müssen, wenn diese weniger mit wichtigeren Angelegenheiten beschäftigt gewesen wäre. Nettas Sucht nach Bewunderung war so unersättlich, daß sie jede Gelegenheit dazu wahrnahm. Und Rupert Falkner war jung und hübsch, und ein alter Verehrer der schönen Cora. Das waren große Reize in den Augen der eitlen und beleidigten Tochter des unglücklichen Lord Faro.

XVI.

Ernst, Lord Belfort, faß in der einen Ecke des Zimmers, in dem Lady Marian ihn verborgen hatte, den Kopf in die Hände gestützt und das Herz schwer von Trauer und Selbst­vorwürfen, die ihn so tief niederdrückten.

Es klebte Blut an seinen Händen und wenn er auch für den Augenblick noch nicht bestimmt wußte, ob sein Gegner tobt war, so hatte er doch wenig Hoffnung auf ein besseres Resultat.

Er hatte Cora ihren Beschützer geraubt, er hatte Netta zu einer Waise gemacht, er hatte Kains Fluch auf sein eigenes Haupt geladen.

In diesen Seelenqualen war alles Andere vergessen, das seine Schuld und Reue mildern konnte.'

Er vergaß, daß die Forderung von Lord Faro aus­gegangen war, er vergaß, daß es Lord Faros seltsame und unnatürliche Eifersucht gewesen war, die den Streit herbei- geführt hatte.

Sie werden mich hassen," dachte er.Ja, Cora wird meinen Namen nicht mehr hören, noch an mich denken können, ohne zusammenzuschaudern und mich zu verwünschen. Aber, Marian, die arme, halbvergessene, ungeliebte Marian, sie ist mir zu Hilfe gekommen, sie hat die Sünde mit dem Schleier weiblicher Barmherzigkeit zugedeckt und hat Mitleid mit dem Sünder 34 Elender! Wenn sie, das seltsame Mädchen, mir doch solches Mitleid, solche Liebe gezeigt hätte ... ich würde diesen furchtbaren Schlag leichter ertragen haben. Ah, da ist sie, die liebe, edle Marian; trotz ihres Ranges und Reichthums kann sie den unglücklichen, verbrecherischen Spielgefährten ihrer Jugend nicht vergessen I"

Es näherten sich wirklich leichte Fußtritte, und Hann wurde leise der Schlüssel im Thürschloß gedreht.

.. , Seine Augen waren auf die Thüre gerichtet, als sich dieselbe langsam und geräuschlos öffnete.

Aber das war nicht Marian in ihrer stolzen Schönheit und der halb gebieterischen Herablassung. Die Eintretende war jünger und größer, doch sah sie ebenso aristokratisch aus, wie die Erbin von Biddulph.

Mit einem gewissen weiblichen Stolz in Blick und Miene begegnete sie seinem erstaunten Blick.

Miß Cora," rief er heftig,ist es möglich?"

Ja," entgegnete sie ruhig, wenn auch mit einer gewissen Hast im Tone-Lady Marian hat mich geschickt. Es ist kein Augenblick zu verlieren."

Warum?" versetzte er trübe.Was ist geschehen? Welch' neue Trauerkunde bringen Sie, Cora?"

Die Röthe der Aufregung wich einer tiefen Bläffe, als sie ausweichend erwiderte:Ihre Sicherheit ist in Gefahr, Mylörd. Bitte, folgen Sie Lady Marians Wünschen ohne Frage oder Verzug."

Nicht, bis Sie mir dis Wahrheit gesagt haben," ant­wortete er,doch wenn ich sie höre, hat das Leben vielleicht keinen Werth mehr für mich. Ist Lord Faro tobt?" setzte er in zitterndem, bangem Flüstertons hinzu.

Cora konnte nicht sprechen, aber sie fühlte, daß es ihr nichts nützen würde, zu zögern, und als Antwort neigte sie stumm den Kopf.

Bei der Bestätigung feiner schlimmsten Furcht lief ein Schauder durch seinen ganzen Körper.

Dann ist mir nichts an meiner Rettung gelegen. Ich werde hier bleiben, um die Strafe meiner Schuld zu tragen, um, wenn möglich, für das Verbrechen zu büßen," sagte er heftig.

Sie wollen Lady Marian den Schmerz bereiten, Sie vor ihren Augen aus dem Hause geschleppt zu sehen und ste als Vermittlerin Ihres Versteck; nennen zu hören!" erwiderte Cora vorwurfsvoll.

So ist der entscheidende Augenblick nahe . . . wollen Sie das damit sagen?" versetzte er rasch und sah sie bei feinest Worten forschend an.

Die Antwort wurde ihr jetzt nicht so schwer.

Ja," sagte sie fest;ja, es ist Eile nöthig ... Sie müssen sich sofort an dem Ort verbergen, den Lady Marian mir beschrieben hat. Es ist kein Augenblick zu verlieren. Schnell! Oder es ist zu spät!" (Fortsetzung folgt.)

Madame Sans Gsne.

Roman nach Biet orten Sardou und F. Morrean.

Deutsch von Adele Berger.

(Fortsetzung.)

Und mit einem mitleidigen Seufzer begann sie die Kissen unter dem Kopf des Verwundeten zu ordnen, indem sie sagte: Da schwätze ich, und das hilft Ihnen nichts. Wollen Sie nicht ein wenig schlafen, mein Herr? Da» Fieber wird da­durch nachlassen."

Der Kranke fchüttelte leise den Kopf.

Erzählen Sie mir noch von Blanche," sagte er.Das wird mich heilen!"

Catherine lächelte und begann zu erzählen, wie sie, auf einem kleinen Gehöfte nicht weit von dem Schlosse des Marquis von Lavaline geboren, Fräulein Blanche hatte aus­wachsen sehen- Von der Marquise erzogen, die ihr Gatte, durch ein Hofamt an Paris gefesselt, den größten Theil des Jahres allein ließ, hatte Blanche ein ländliches Leben geführt, die Wälder durchstreifend, reitend und jagend, und keine Barriere war ihr zu hoch, kein Graben zu breit gewesen. Sie war nicht hochmühtig, plauderte zutraulich mit den Bauern und war oft in das Gehöft gekommen, wo sie die kleine Catherine sehr liebgewann.

Eines Tages hatte der Marquis Frau und Tochter nach Versailles berufen. Catherine und drei andere junge Mädchen aus dem Dorfe waren' für den Dienst von Frau und Fräulein von Lavaline mitgenommen und Catherine war dem Waschhause zugetheilt worden. So hatten sie