Ausgabe 
1.6.1895
 
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Der unglückliche Lord hatte kaum seinen letzten Äthern- zug gethan, so vergaßen Die, welche ihm am nächsten und liebsten gewesen waren, schon den Kummer über seinen Verlust!

Die Sonne schien hell, als Netta die abgelegeneren Wege der Domäne einschlug, aber wäre sie weniger in Gedanken versunken oder vielleicht weniger froh gewesen, für eine Weile den düsteren Zimmern entgehen zu können, würde sie wohl die rasch heraufziehenden schwarzen Wolken bemerkt haben, die bei der schwülen Luft in kurzer Zeit sich zu entladen drohten. Die Aussicht auf Freiheit, Bewunderung, Eroberung, nur von glänzendem Frohsinn und unbeschränktem Luxus ge­folgt, schwebte dem elternlosen Mädchen vor.

Vielleicht war sie deshalb ein wenig zu entschuldigen, denn der strenge Vater, den sie verloren, hatte weder ihre Liebe erworben, noch ihr Vertrauen gesucht, und die Erziehung ihrer Tante hatte sie in ihrem eigensinnigen Ungehorsam gegen seine Wünsche eher noch unterstützt.

Vielleicht waren es diese herrlichen Ausstchten auf die Zukunft, die Netta so gänzlich blind machten gegen das Ver­schwinden der Sonne und sie unbewußt zu derselben Stelle führten, welche Zeuge von der denkwürdigen Unterredung zwischen ihrem verstorbenen Vater und Cora gewesen war.

Doch plötzlich wurde sie durch heftiges Donnergeroll und durch das Herabfallen großer Regentropfen aus ihrem Sinnen geweckt, die es ihr geradezu zur Unmöglichkeit machten, wieder in das Haus zurückzulaufen, ohne bis auf die Haut durchnäßt zu werden.

Ein Schrei entschlüpfte den Lippen des erschreckten Mäd­chens, als ein greller Blitz die schweren schwarzen Wolken theilte; und angstvoll blickte sie um sich nach einem Schutz vor dem heftigen Gewitter, während sie ihrer selbst unbewußt einen Hilfeschrei ausstieß, der inmitten der wüthenden Elemente un­möglich im Hause gehört werden konnte.

Verwirrt von der Angst und halb geblendet von den rasch aufeinanderfolgenden Blitzen, waren Netta« Muth und Kraft fast verschwunden, als sie plötzlich einen schnellen Schritt in ihrer Nähe hörte. Dann umschlang sie ein starker Arm und sie fühlte sich eine kleine Strecke weit vorwärts gezogen und unterstützt, bis sie in dem Pavillon war.

Aengstigen Sie sich nicht, mein Fräulein," sagte eine wohlklingende Stimme mit einem fremden Accent, der ihr einen besonderen Reiz verlieh.Es ist keine Gefahr vorhanden, das Gewitter wird bald vorüber fein."

Netta hatte jetzt Zeit und Ruhe, sich ihren Gefährten genauer zu betrachten, und sie freute sich fast über ihr roman­tisches Abenteuer.

Er war jung und entschieden hübsch. Die dunkelblauen Augen und das braune Haar, die von der Sonne gebräunte, dunkle Gesichtsfarbe, seine Bewegungen, ja selbst seine Kleidung hatten etwas eigenthümliches Fremdländisches, das Nettas Phantasie feflelte. Ueberdies lag auch in dem Ausdruck seines Gesichts ein Blick der Bewunderung, der schon nicht ohne Eindruck auf sie blieb.

Ich bin eine Thörin," sprach sie, als sie den soeben ge­habten Schrecken überwunden hatte.Ich glaube, ich wäre wirklich ohnmächtig geworden, wenn Sie mir nicht im rechten Augenblicke beigestanden wären. Es hätte sicher Niemand im Hause meine Stimme gehört."

Dann ahne ich recht, Sie sind Miß Faro," sagte der Fremde.

Sein Blick glitt einen Moment über ihre Gestalt, als ob er ihr schwarzes Kleid mit einem Trauerfall in ihrer Familie in Verbindung bringen wolle.

Sie legte sich diesen Blick aus und tiefe Röthe stieg ihr in die Wangen.

Es hat mich für einige Minuten in's Freie getrieben," sagte sie, sich entschuldigend.Es hat uns ein so schrecklicher Schlag getroffen ... ich war wirklich ganz krank und dachte nicht, daß ich hier in diesem abgelegenen Theil de« Parkes Jemandem begegnen würde."

Nun wurde der Fremde seinerseits verlegen.

Ich muß Sie für mein Eindringen hier um Verzeihung

bitten, Miß Faro," sagte er ernst,aber ich fühlte ein so u«. widerstehliches Verlangen darnach, die Wahrheit über Lord Faros Tod zu erfahren und wenn möglich Jemand zu sehen."

Netta sah ihn scharf an.

So wollten Sie Jemand hier besuchen?" fragte sie. Gewiß hat sich die Nachricht von meines armen Vaters Tode rasch in der ganzen Nachbarschaft verbreitet. Es ist zu schreck­lich," fuhr sie fort.Manchmal ist es mir, als sollte mich der Gedanke an meines Vaters Tod um den Verstand bringen, und Lord Belforts Antheil daran verdoppelt meine Sorge. Kannten Sie meinen armen Vater?" setzte sie nach kurzer Pause hinzu, während welcher Beide einander stumm betrachtet hatten.

Nein," antwortete er,das heißt, Lord Faro und ich sind nie direct miteinander in Berührung gekommen, obwohl ich ihn oft gesehen habe. Ich kam nur deshalb nach Eng. land, um eine Unterredung mit ihm und Miß Cora zu er« langen."

Netta schrack schmerzlich zusammen.

Mit Corot?" fragte sie und trat unwillkürlich einige Schritte von dem Fremden zurück.Sind Sie ein Freund oder ein Verwandter von ihr? . . . Sie hat uns . . . ver- muthlich für immer verlassen."

Der Fremde sah halb bittend in das erhitzte Gesicht des reizenden Mädchens und sagte:Miß Cora ist nicht mit mir verwandt. Sie werden jedenfalls wissen, daß sie Überhaupt keine wirklichen Verwandten hat und was die Freundschaft anbelangt, so weiß ich kaum, ob sie mich wirklich als einen Freund anerkennen möchte."

Sie brauchen es auch durchaus für keine Ehre zu hal­ten," versetzte Netta hastig.Sie können sich nicht vorstellen, was für Unglück das Mädchen in unser Haus gebracht hat. Sie entzog uns die Liebe meines armen Vaters und ich glaube, sie war auch die Ursache des unglücklichen Streites, der seinen Tod und Lord Belforts Gefahr herbeigeführt hat."

Helle Thränen glänzten in ihren Augen und flammende Röthe brannte auf ihren Wangen.

Sie halten mich doch nicht für böse und grausam, daß ich so spreche?" fragte sie, als ihr des Fremden Stillschweigen ausfiel.Ich weiß wohl, ich sollte nachsichtig sein und ihr verzeihen, aber das ist sehr schwer; und sie war so eitel uitb kokett, daß ich sie nicht so lieben konnte, wie ich wohl ge­wünscht hätte."

Des Fremden Stirn zog sich in düstere Falten, als sein Auge auf dem schönen jungen Gesicht mit dem sanften Aus­druck und auf dem Trauerkleid ruhte, das so rührend von dem Kummer sprach, den Coras verderbliche Reize verursacht hatten.

Ich Sie tadeln, Miß?" sprach er mit Wärme.Gott weiß, daß ich nur zu viel Grund habe, Ihren Gefühlen gegen das unglückliche Mädchen beizustimmen, das nur dazu geboren scheint, Kummer und Gefahr zu bringen, wohin sie geht. - Doch war sie mir einst theuer," setzte er traurig hinzu,und auch jetzt würde ich sie, wenn ich könnte, gern vor dem Schick­sal retten, das sie selbst auf sich geladen hat, und sie wieder unter den Schutz stellen, dem sie sich einst entzog."

So kennen Sie Cora? Das heißt, so interesstren Sir sich für sie?" sagte Netta besorgt.Vielleicht ist sie gar nicht so sehr zu tadeln, wie ich glaube, denn unser armer Papa wollte uns nie die Wahrheit über sie sagen. Nur wurde er furchtbar böse, wenn wir nicht liebenswürdig gegen sie waren und ihr nicht in Allem ihren Willen ließen."

Da gibt es wenig zu sagen, Miß Faro," entgegnete er. Cora ist, so viel ich weiß, eine Waise und ein Findelkind, aber ich fürchte, daß auch Jene, welches Alles gethan haben, ihr die natürlichen Angehörigen zu ersetzen, sich nicht ihre Liebe erwerben konnten. Sie hat mir fast das Herz gebrochen- Wie traurig, daß sie auch den Frieden einer so jungen Dame wie Sie nicht geschont hat!" fügte er bitter hinzu-Ich hätte ihr noch vergeben können."

Nettas Augen waren zu Boden gerichtet, aber unter ihren Lidern glitt ein Seitenblick von unaussprechlicher Milde