Ausgabe 
1.1.1895
 
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II.

Es war ein alterthümliches Haus, in welchem Fräulein Dorothea Ehrhard, die Schwester des Hauptmann«, wohnte. Mit seinen festgefügten Mauern, dicken Balken und eichenen Thüren trotzte es noch heute jedem Unwetter mit ruhiger Sicherheit. Vor Jahrhunderten hatte es als eine Art Asyl den verfolgten Verbrechern eine dreitägige Freiheitsfrist ge­währt.

Fräulein Dorothea paßte ganz wunderbar in den Rahmen dieses Hauses. Sie war 62 Jahre alt, klein und zierlich gebaut, mit weißen Löckchen um das gerunzelte Gesicht, aus dem zwei kluge, freundliche Augen blickten. Ihre altväter­lichen Möbeln, das Erbtheil der Eltern, hielt sie hoch und heilig, sie hätte sie mit keiner moderneren Einrichtung ver­tauscht, und ihre Freunde priesen stets das behagliche Asyl der Tante Dorothea, wie man die alte Dame, welche von oiner Rente sorgenlos leben konnte, gern nannte.

Auch heute Abend strömte gleichsam ein unnennbarer Friede durch das einfache Zimmer, welches mit der hellbren­nenden Oellampe den Besucher vierzig Jahre in die Ver­gangenheit zurückversetzte. Es war eine sogenannte Regula- teurlampe aus glänzend geputztem Messing, deren dünne Stange, wie ältere Leute sich erinnern werden, die über­hängende Kuppel trug. Unter dieser verhältnißmäßig kleinen Kuppel von weißem Milchglas stand ein blauer Glaskorb, der im Sommer mit natürlichen, j tzt aber mit künstlichen Rosen gefüllt, während der Henkel desselben von einer Blumen- Guirlande umwunden war. Auf einer Seitenlehne des Sophas schnurrte ein weißes Kätzchen, Mietz genannt, während -auf einem Nebentische der blitzblanke Theekeflel seine sum­menden Töne zum Besten gab.

Stimmungsvoll!" nannte es der alte Professor Carlsen, der mit seiner Ehehälfte zu den Intimen de« Fräuleins zählte.

Heute Abend war er als der erste allein gekommen, weil feine Frau durchausDie Jungfrau von Orleans" habe sehen wollen, worüber Fräulein Dorothea durchaus nicht un­gehalten zu fein schien.

Im Gegentheil," sprach iie in einem so auffällig ge­drückten Tone, daß der Professor sie betroffen anblickte,ich freue mich, daß Sie allein und auch früh genug gekommen sind, lieber Freund, um mich mit Ihnen über eine Sache von äußerster Wichtigkeit berathen zu können. Ich dachte an unfern Candidaten, hatte aber meine Gedanken wegen der unklugen Bernhardine, die meinen Bruder und auch mich «och immer haßt, und faßte deshalb den Entschluß, mich an Sie zu wenden."

Wofür ich Ihnen im Voraus danke, meine verehrte Freundin!" erwiderte der Professor,was er auch immer sei, ich hoffe, Ihre« Vertrauens würdig zu sein."

Ich bin davon überzeugt. Bitte, lesen Sie zur kür­zesten Information diesen Brief."

Der Professor nahm ihn entgegen und betrachtete einen Augenblick die Adresse.

Aus Amerika? Nashville, Staat Tenessee?" mur­melte er, das Schreiben aus dem Umschläge ziehend und ent- saltend. Sein erster Blick galt der Unterschrift.

Willibald Ehrhard! Großer Gott, das erste Lebens­zeichen nach zehn Jahren!"

Dieser Ausruf der alten Herrn klang halb erfreut und halb erschreckt.

Lesen Sie, wir haben nicht viel Zeit mehr übrig," drängte Fräulein Dorothea.

Der Professor überflog das Schreibeu mit erregter Miene.

Alle Wetter, er will hierherkommen!"

Das Fräulein nickte bekümmert.

Er ist bereits unterwegs," sagte sie seufzend.

Ja, hier steht's:Wenn Du diesen Brief empfängst, bin ich bereits auf dem Wege zur alten Heimath" Was er sich nur dabei denkt? Glaubt er denn, daß die Militärgefetzs hier jetzt keine Geltung mehr haben, oder seine Schuld ver­jähren kann?"

Ich weiß nicht, wie ich mir seinen Leichtsinn deuten soll," erwiderte Fräulein Dorothea, die Hände krampfhaft verschlingend.Wenn diese« erste Lebenszeichen von ihm, den wir Alle als verschollen, ja, als einen Tobten schon betrauer­ten, mir auch eine wahre Herzensfreude zuerst gewährte, so war doch der nächste Gedanke, daß er noch immer so sorglos, so bodenlos leichtsinnig geblieben ist, wie vor zehn Jahren, nur allzu bitter für mich. Er schreibt auch kein Wort da­rüber, wie es ihm ergangen, ob es ihm gelungen ist, drüben seine Kenntnisse zu verwerthen und sich eine Stellung zu er- erringen. Eine Seite von seinen gewohnten frohsinnigen Redensarten und da« Uebrige mündlich."

Ein vertrakter Junge," sagte der Professor, ihr köpf- schüttelnd den Brief zurückgebend,noch immer, wie es scheint, der alte, obwohl er doch kein Knabe mehr ist. Nun, meine liebe Freundin," setzte er tröstend hinzu,nur nicht den Kopf verloren. Jetzt heißt es vor allen Dingen, der Gefahr fest in'« Auge zu blicken; wenn ich nur wüßte, mit welchem Schiffe er kommt, aber auch das nicht einmal zu schreiben; ich würde ihn dann vorher abfangen und in Sicherheit bringen. Wann ist der Brief dort abgegangen?"

Am zwanzigsten October."

Hm, er wird jedenfalls mit einem Dampfer fahren werde mir mal eine Schiffsliste verschaffen und Nachsehen na, da klingelt'« schon," unterbrach sich der Professor,setzen Sie um Gotteswillen Ihre gewohnte freundliche Miene auf, Fräulein Ehrhard! Sie kennen Ihren Bruder, der sofort irgend ein Unglück wittert und werfen Sie den Brief lieber in'« Feuer."

Die alte Dame nickte zustimmend und schritt nach der Thür, um ihre Gäste zu empfangen, als sie aufhorchend stehen blieb.

Das find sie nicht," sprach sie halblaut,ich höre eine fremde Männerstimme, wer mag das sein?"

Die Magd trat ein.

Dieser Herr wünscht Fräulein zu sprechen," sagte sie, ihr eine Karte reichend.

Sie trat damit an den Tisch und la«, heftig zusammen­fahrend, den Namen:Richard Hamson, Nashville, Staat Xcnncffcß"

Lesen Sie, Professor," sprach sie halblaut,soll ich ihn empfangen?"

Nein," erwiderte Jener fest,überlassen Sie mir die Sache."

Sie meinen also, daß er es ist?"

Unzweiselhaft. Muth, liebe Freundin!"

Er hatte diese Worte sehr leise gesprochen und verließ jetzt, die Karte in der Hand, das Zimmer.

In einem Cabinet, das mit dem langen schmalen Cor- ridor in indirecter Verbindung stand, weil beide durch die in einer Rische befindliche Ampel erleuchtet wurden, stand ein junger, hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und kerzengerader Haltung, der sich einige Hogart'sche Kupferstiche, welche die Wand bedeckten, aufmerksam ansah. Hellblondes Haar siel über seine breite Stirn, unter welcher ein Paar graue scharfe Augen hervorblitzten, der wohlgeformte Mund, welchen ein langer, blonder Schnurrbart zierte, das starke, energische Kinn und die leichtgebogene Nase vollendeten da« Bild des Fremden, welcher den Eindruck einer hübschen männ­lichen Erscheinung machte. Er trug einen mantelartigen Ulster von feinem Stoff und hielt einen weichen, grauen Filzhut in der Hand.

Al« der Professor zu ihm trat, verbeugte er sich leicht und zwanglos.

Sie sind Herr Hamson von Nashville?" fragte der alte Herr, ihn betroffen anblickend.

Ihr Diener, mein Herr," erwiderte der Amerikaner, ist das Fräulein nicht zu sprechen?"

Sie erwartet Besuch und bittet deshalb, da Sie. jeden­falls im Auftrage ihre« Neffen kommen, ihr morgen eine Stunde bestimmen, eventuell mir, dem alten Freunds der