Ausgabe 
1.1.1895
 
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[eitern, oben Tannhäuser, nun fehlt nur der Geiger im Giebel all' ihr guten Geister, da ist er schon."

In der That schwirrten jetzt durch den Clavier-Ausruhr einige zornige Geigenstriche, welche sich vergebens abmühten, die Oberhand zu gewinnen. Wagner siegte mit furchtbarer Macht.

Das macht mich mürbe," seufzte der Hauptmann, der plötzlich kleinlaut geworden war.Der Teufel halte solche Foltereien auf die Länge aus, ich glaube, diese Miethrkasernen machen nach und nach die ruhigsten und stärksten Nerven rebellisch und füllen die Irrenhäuser. Mensch I" fuhr er wieder zornig auf,Du weißt Dein Glück, ein eigenes Dach zu besitzen, gar nicht zu schätzen."

Du hättest längst bei mir wohnen können, EhrhardI" bemerkte der Candidat achselzuckend.Mein Haus ist für meine beiden Schwestern und mich viel zu groß, Du weißt, daß wir die oberen Räume vermiethet haben, sie wären groß genug für Euch gewesen; was hast Du denn hier für Dein Geld?"

Ja, ja, weiß wohl," erwiderte der Hauptmann,Du bist ein guter Kerl, Melchior, viel zu gut für diese nichts« nutzige Welt- Aber, und da» habe ich Dir ebenfalls oft genug schon gesagt, es geht nun mal aus zweierlei Gründen nicht. Einmal, weil bei solchem Zusammensein unter einem Dache jede Freundschaft unweigerlich in die Brüche geht und zum andern na, alter Freund, Du weißt es ja so gut wie ich, daß Deine jüngste Schwester, die Bernhardine, mir einen lebenslänglichen Groll nachträgt, weil, ich damals nach dem Kriege"

Ja, ja, es ist zu unsinnig," fiel der Candidat hastig ein, was konntest Du dafür, daß sie sich in Dich verliebte und sich in den rollen Wahn hineinlebte, daß Du sie heirathen würdest. Du weißt, alter Freund, daß meine Schwester Sude ebenso denkt wie ich und es tief bedauert, daß sie Deine Elisabeth so gern bei sich sähe und es der Bernhardine halber doch nicht wagen darf, das liebe Kind einzuladen."

Siehst Du, und mich ladest Du sogar ein, bei Euch zu wohnen," brummte der Hauptmann,lassen wir die Sache also ein für allemal dabei bewenden. Du gehst doch mit der Dorothea. Infamer Lärm war? Das trommelt den ganzen Tag auf dem Marterkasten herum und läßt einem selbst des Nachts keine Ruhe."

Dann würde ich den Nachbarn einmal ein gutes Wort gönnen," meinte der Candidat,Du weißt, das findet stets bei gebildeten Menschen Gehör."

So, wirklich, mein theurer Melchior? Scheinst die Menschen gut zu kennen und nach der eigenen Elle zu messen. Jawohl, laß es sie nur merken, wo Deine schwache Seite ist und Du sollst sehen, wie sie sich beeifern, daran zu rühren. Du wärst zu dergleichen natürlich nicht im Stande, Melchior, und sür mich kann ich in diesem Punkte auch gutsagen, es gibt noch vortreffliche Ausnahmen. Im großen Ganzen aber sind die Menschen boshafte Racker und die gute Meinung, welche Du von ihnen hast, ist ein Luftschloß, weiter nichts."

Das ich mir aber nicht muthwillig zerstören werde, Ehrhard!" erwiderte der Candidat gelaffen.Ich denke auch, daß es Zeit wird, zu gehen," setzte er gelaffen hinzu, als die alte Trina mit der brennenden Lampe eintrat und diese auf den Tisch stellte.

Endlich denkt Sie daran, daß man Licht braucht," schnob der Hauptmann sie an,die Kohlen jagt sie zum Schornstein hinaus"

Na, dann spare ich wenigstens an Petroleum, Herr Hauptmann I" fiel die Alte unwirrsch ein.Uebrigens ist die Uhr noch nicht halb Fünf, Fräulein Dorothea wird schon lange warten und sehr falsch werden. Wo ist denn unser Fräulein?"

Ja, wie lange putzest Du Dich denn, Kleine?" rief der Hauptmann.Das währt eine Ewigkeit, hast doch sonst Dis- dplin? Schade, daß cs kein Junge ist, Candidat, wäre ein schneidiger Offizier geworden. Hoffe deshalb auf einen solchen Schwiegersohn, wie?"

Baue keine Luftschlösser, mein lieber EhrhardI" erwiderte Melchior lächelnd.Es sollte mir leid thun, wenn sie über Nacht einstürzten."

Ja, ja," sagte der Hauptmann,baute schon einmal ein solches, vor zehn Jahren, stürzte wie ein Kartenhaus zusammen, verging in der Luft wie eine Seifenblase."

Am zwanzigsten werden es justement zehn Jahre, daß der junge Herr Willibald fortgegangen ist," krächzte Trina, welche sich am Ofen zu schaffen machte.

Ist Sie auch noch da, alte Unke?" schrie der Haupt­mann, mit seinem Stock aufstampfend.Scher' Sie sich hinaus I"

Ja, ja, man soll keine Luftschlösser bauen, ich thu's nicht, wenn ich glaube, daß der Herrgott mich nicht sterben läßt, ohne daß ich meinen lieben, guten Jungen noch einmal wiedergesehen habe."

Mit diesen trotzig hervorsprudelnden Worten verließ di« alte Trina das Zimmer.

Verrückte Närrin I" murmelte der Hauptmann, langsam sich erhebend und an seinem Stocke durch das Zimme: humpelnd. Er hatte im letzten Kriege sein linkes Bein in Frankreich gelaffen, trug einen Stelzfuß und lebte mit btt Stieftochter und der alten Magd von seiner kargen Pensim-

Diese Stieftochter, welche soeben durch die Seitenthtre eintrat, hieß eigentlich Elisabeth Hellbach und war die Tohter eines 1870 vor Paris gefallenen Offiziers.

Letzterer, Ehrhards Busenfreund, hatte diesem die Zorge für seine Wittwe und sein Kind, einem Säugling von sechs Monaten, als letzte Erbschaft hinterlassen, und da aucs hier kein Vermögen, als die Caution und eine schmale Wttwen« Pension vorhanden war, so bot der invalide Hauptmann, der keine andere Möglichkeit sah, sein Versprechen einzulösen, der Wittwe seine Hand und seinen Namen an, was sie ohne Be­denken acceptirte-

Die kleine Waise hieß von nun an Elisabeth Ehrhard und hatte den Tausch nicht zu bereuen, da sie keinen besseren und zärtlicheren Vater hätte sich wünschen können- Ihre Mutter starb, als sie vierzehn Jahre alt war. Der Haupt­mann, welcher die Gattin tief betrauerte, übergab die Tochter bis zu ihrem siebzehnten Jahre einer Pension, um ihre Er­ziehung zu vollenden. Jetzt befand sich Elisabeth seit zwei Jahren wieder bei ihm und war sein Augentrost, sein Stolz und seine Freude. Man konnte sich nun freilich auch kaum eine lieblichere Erscheinung denken, als dieses junge Mädchen, schlank und zierlich von Gestalt, biegsam wie eine Lacerte-

Die unergründlich tiefen Augen schimmerten bald wie polirter Stahl, bald wieder in dunkler Bläue, und gaben dem schönen Antlitz jenen geistig belebenden Strahl, ohne welchen jede Schönheit völlig reizlos, öde und tobt erscheint- Reiches lockiges Blondhaar umgab den kleinen, klassisch geformten Kopf, dessen stolze Haltung einen festen Sinn, einen energischen Willen verrieth.

Sag' an, Melchior I" rief der Hauptmann bei ihrem Anblick aus,paßt dieses Mädchen in eine solche Mieths« kaserne hinein? Ist das ein würdiger Rahmen für sie? Müßte nicht, ein Schloß"

Ein Lustschloß, lieber Ehrhard," unterbrach ihn der Candidat,Du scheinst heute stark darin zu bauen."

Hast recht, Melchior, man wird dabei gewöhnlich mit einem schmerzhaften Plump» auf die Erde gesetzt. Also keine Luftschlösser bauen, merk' Dir dar, Lisbeth!"

Dann verlohnte es sich wahrlich nicht, zu leben, Papa!" bemerkte die junge Dame, ihren Hut vor dem Spiegel auf- setzend.Auch ich baue fleißig meine Luftschlösser und fürchte mich nicht vor einem Plump». Sind im Grunde unsere Hoffnungen doch auch nur solche, welche in den meisten Fällen in der Luft zerrinnen."

Hahaha," lachte der Hauptmann,die Kleine philoso- phirt, da» taugt nicht für ein Mädchengehirn. Vorwärts, damit ich endlich aus der Mufikhölle komme. Bei Tante « Dorothea athmet man wieder auf."