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Für die nächsten Wochen bildet der Fürst Orlowsky das I Hauptgesprächsthema für die Londoner Gesellschaft. Kein hervorragendes Parlamentsmitglied, kein Mann der Wissen» I schäft, kein gottbegnadeter Künstler vermochte es, derart ihr I Interesse zu erregen, wie der „Königliche Russe", wie eine I etwas überspannte Dame ihn getauft hatte. Welche von den I Modeschönheiten ihn gewinnen und ob er überhaupt einer I solchen gelingen würde — das ist die wichtige, allerorten erwogene Frage.
Alle möglichen Gerüchte über den Fürsten tauchen auf. Man flüstert, er fei selbst den Reizen der versührerischsten Odalisken und Tscherkesinnen gegenüber kalt geblieben. Sogar eine Prinzessin von königlichem Geblüt habe eine Verbindung mit ihm gewünscht. t
Selbst die Baronin Medfort, an deren Unwiderstehlichkeit nach ihren vorjährigen Triumphen Niemand mehr gezwei- feit hatte, - selbst sie konnte sich keines besonderen Erfolgs rühmen. Der Fürst ist zwar äußerst höflich zu ihr; aber das ist er zu allen Damen. Die hübfchen Mädchen der Londoner Gesellschaft beginnen es fast al» Ehrensache zu betrachten, einen Angriff auf diese scheinbar uneinnehmbare Festung zu unternehmen.
Inzwischen haben die linden Frühlingslüfte die Knospen und Blüthen aus der Erde gelockt. Die Festlichkeiten stehen auf ihrem Höhepunkt. Vertreter anderer Staaten, Männer der Wissenschaft mit bedeutenden Namen, durch Geist und Schönheit hervorragende Frauen — Alles hat sich in der eng» lifchen Metropole versammelt. Jeder Tag bringt eine neue, angenehm kitzelnde Aufregung: Heute eine Ehescheidung aus den höchsten Kreisen, morgen eine interessante Kindesaussetzung, übermorgen einen Giftmord-Proceß aus Eifersucht.
Dem ruhigen Beobachter erscheint die Welt während einer solchen Hochsaison wie ein Irrenhaus* — diese verkehrte Welt mit ihren kurzathmigen Vergnügungen, ihrem wahnsinnigen Lieben und Hoffen, ihren verzweifelten Aengsten und Schmerzen. . . -
bes zu gewinnen, oder sind gar unglücklich, wenn wir nicht - reussiren. Der Gedanke erscheint mir einfach absurd."
„Ich kann nichts Unmännliches in der Liebe zu einer I Frau finden," sagt sie kurz und wendet sich ihrem Nachbar zu, mit ihm ein Gespräch beginnend.
Lola fühlt sich entschieden verletzt. Alle Männer, denen sie bisher begegnet, hielten die Frau für das vollendetste Geschöpf der Welt, dessen Liebe zu erringen des Mannes größter Ehrgeiz fei. Zum Mindesten sagten sie so. Sie selbst ist vollständig davon überzeugt und ärgert sich, einen Auserwählten seines Geschlechts so gering von den Frauen denken | zu sehen.
Während sie mit Anderen spricht, lacht, kokettirt, beobachtet sie ihn beständig. Seine überlegene Ruhe, der etwas spöttische Ton feiner Stimme reizen sie mehr und mehr. Sie beginnt, sich Mühe zu geben, dem Fürsten zu gefallen. Sie sucht seine Unterhaltung und zeigt ihm ein Interesse, welches diesmal keine Spielerei ist.
Doch der Fürst bleibt augenscheinlich kühl. Er lacht, wenn Lola ihn sich ernst wünscht; er sieht fpöttisch aus, wenn sie einen feurigen Blick erwartet. Seine Höflichkeiten ihr gegenüber sind mit einer gewissen Satyre durchsetzt, die sie verwirrt. Wäre es möglich, daß sie sich vergebens um einen Mann bemüht — sie, um deren Gunst hundert Andere sich bewarben?
Trotz dieser anscheinenden Kälte fühlt sie von Zeit zu Zeit seine Augen voll Leidenschaft auf sich ruhen. Blickt sie ihn dann an, so sind seine Züge wieder ruhig, seine Augen gleichgiltig und verschleiert, seine Lippen von jenem fatalen spöttischen Lächeln umspielt, das sie so unsicher macht.
Noch niemals haben ihre Gedanken sich so viel mit einem Manne beschäftigt, wie an diesem Abend mit dem Fürsten Orlowsky. Sie denkt nicht nur beständig an ihn - er schleicht sich sogar Nachts darauf in ihre Träume.
XIV.
Lola ist mißgestimmt. Es verletzt ihre Eitelkeit mächtig, daß sie noch nicht den geringsten Erfolg in Bezug auf bett Fürsten Orlowsky aufzuweisen hat. All' ihre übrigen Eroberungen kümmern sie wenig. Sie nimmt sich nicht einmal Zeit, sie zu zählen. Jetzt beschäftigt sie ein Gedanke unauf- hörlich: „Wird der Fürst mir zu feiner Festlichkeit eine Einladung senden?"
Schon feit mehreren Tagen erzählen die Zettungen von einem Diner, welches der Fürst Orlowsky in Richmond einem kleinen auserwählten Kreis geben will. Keine Kosten, keine Mühen sollen gespart werden, liebet die Preise der Weine, der Südfrüchte, der exotischen Gewächse, welche die Tasel schmücken sollen, coursiren die fabelhaftesten Gerüchte.
Als Lola endlich die feingestochene Einladungskarte in der Hand hält, zuckt ein triumphirendes Lächeln über ihre Züge Sie weiß, die Zahl der Gäste ist auf nur zwölf be- schränkt. bem^(ben Mend begegnet sie dem Fürsten in einer Gesellschaft- gk für den Tag noch nicht versagt, Frau Baronin? ' fragt er mit einer bei ihm ungewöhnlichen Erregtheit. „Ich gebe das Diner hauptsächlich Ihnen zu
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„Sie sind sehr gütig, mein Fürst," erwidert Lola geschmeichelt. „Selbst wenn ich bereits versagt wäre, würde ich mich frei machen." ,, m t
Schweigend drückt er durch eine tiefe Verbeugung fernen ®anE„Äommt Lord Rawdon ebenfalls?" fragt sie hastig.
„Ich habe ihm eine Einladung gesandt. Doch ein Wort °°tt ^JchN'habe weder ein Wort, noch einen Wink Lord Raw- dons wegen," unterbricht sie ihn eisig. „Die Gegenwart dieses Herrn ist mir höchst gleichgiltig. Es war nur eine müßige Frage von mir."
P Forschend blickt der Fürst ihr in die Augen.
Ich möchte wissen, warum Sie und Lord Rawdon einander hassen," sagt er langsam. „Zwei solch' außergewöhnliche Menschen, wie Sie Beide
'«Ich glau?e^fast"" Ich für meinen Theil möchte Lord Rawdon lieber zum Freund, als zum Feind haben. „
„Und ich möchte ihn in gar kemer Gestalt haben, be« merkt sie nachlässig. „Aendern wir das Gesprächsthema!
Nach einer kleinen Pause sagt der Fürst lebhaft. ,^ch sehe mit Ungeduld unserem Richmonder Diner entgegen. Soll 14 3SÄ ZÄ - E wn« w I „Ich wage es wenigstens zu hoffen. Ich sehne mich I nach einer längeren ungestörten Unterhaltung mit Ihnen. I Bis jetzt konnten wir stets nur wenige Worte mit einander wechseln. Und doch möchte ich Ihre Gedanken, Ihr Empfin- I dungsleben kennen lernen." .
I Er spricht in gedämpftem Tone und sichtlich erregt.
„Könnte das Sie thatfächlich interefsiren?" fragt sie, die I Augenbrauen ungläubig emporziehend.
I „So sehr, daß ich mir fest vorgenommen habe, es zu I el'Ot'^e oberflächlichen Gedanken und Empfindungen einer I Frau? Ei, ei, mein Fürst!"
I Und Lola droht neckend mit dem Finger.
I „Erinnern Sie mich nicht daran!" ruft er, die Hände I bittend erhebend. „Auch gibt es zwischen Frauen und Frauen I einen Unterschied. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich I einer Frau begegnet, die mich interessirt, fesselt, entzückt und I ~ ^,Wer kann das sein?" fragt sie mit gutgespielter Un- I ^^Man" nennt sie „Die Dame mit den weißen Hy»' I ClntSit einem vollen Aufschlag ihrer wunderbaren Augen I ruft sie in heiterer Verwunderung: „Das bin ich ja 1W"


