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flrumpf in den Händen und erfreute sich des schönen Morgens. Sie sah mit einem einzigen Blick ihrer großen klugen Augen alles Herzeleid und alle Qual des jungen Mädchens. Sie sprang hastig auf, umfaßte Annie, zog ihr hübsches Köpfchen an ihre Brust und strich liebkosend Über ihre Stirn und Wangen. „Nur Muth, Fräulein! Nur Hoffnung!" sagte sie sanft.
„Aber er ist fort — weit fort! Und ich werde ihn in der ganzen Welt niemals Wiedersehen!" klagte Annie.
„Warum denn nicht, mein liebes Kind? Es kann sich noch Alles zum Besten wenden! Ein davongegangener Mann ist noch lange kein tobtet Mann. Er wird schon Wiederkommen, wenn seine Verhältniffe sich gebeffert haben!"
Annie schüttelte traurig den Kopf.
„Er wird wiederkommen, so gewiß, so sicher, wie er fort* gegangen ist!" betheuerte aber das alte Fräulein.
„Sie können jedenfalls noch hoffen, liebes Fräulein! Ich hoffe auch für Sie, ich habe den Oberlieutenant kennen gelernt. Was das für ein edler Mensch ist — ein echter Cavalieri Und welch' großartigen Stolz er besitzt und wie lieb er Sie I hat. Mit einem Wort: er gefällt mit sehr und ich hab's ihm j heimlich abgebeten, daß ich erst nicht gut von ihm dachte."
„Sie haben ihn kennen gelernt?" frug das junge Mäb- I chen erstaunt- „Aber wie und wo?"
Fräulein Brunner machte ein eigenthümlich befangenes I Gesicht und sah zu Boden, dann sprach sie in ernstem Ton: I „Ja, es ist doch so — und nun ich schon so viel gesprochen, I muß ich auch das Uebrige beichten. Ich war gestern Abend | bei ihm. Ich traf ihn noch glücklich vorüber Abreise an. | Seine Koffer standen schon gepackt. Als ich merkte, daß ihm j die Zeit gemessen war, hielt ich mich nicht lange mit der Vor* I rede auf, sondern bot ihm kurz unv bündig meine Hilfe an. I Ich that's gern, denn ich habe doch für meine alten Tage I genug und kann mir das schon erlauben, einem edlen jungen I Manne zu helfen. Wenn ich mal sterbe, beerben mich so wie I so fremde Leute, denn ich habe keine nahen Anverwandten." I
Da stieg eine brennende Röths in Annies bleiche Wangen. I „Das haben Sie gethan?" rief sie erregt. .
„Nun ja — und was macht das aus? Als ich sah, welch' schweres Unglück ein so junges Mädchen betroffen, wie Sie es sind, da wurde mir das Herz weich und ich versuchte zu Helsen, so gut ich'S vermochte. Aber ich konnte nichts ausrichten, gar nichts — denn der junge Mann wollte keine Hilfe von mir. Ach, Annerl, Sie glauben nicht, wie offen, wie verständig und rechtschaffen er über Alles sprach. — „Sie meinen es herzlich gut mit mir," erklärte er, „und ich schulde Ihnen großen Dank, aber neue Verpflichtungen darf ich nicht auf mich laden. Ich muß mir selbst helfen und ich will meine ganze Kraft einsetzen, um meine Verhältniffe bester zu gestalten. Ich bin jung und kräftig und kann arbeiten, wenn es sein muß, mit der Hacke in der Hand. Auf Beförderung im Dienst will ich nicht warten, denn selbst wenn ich Hauptmann bin, ist es doch nur ein armseliges Loos für mich, weil ich kein Vermögen habe, sondern nur Schulden." Und dann sprach er auch so rührend von Ihnen, Fräulein, und daß er Alles in der Welt ertragen würde, wenn er Sie nur wieder so glücklich und sorglos machen könnte, wie Sie früher waren!"
Die arme Annie! Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht vor Wehmuth von einem neuen Schmerzausbruch niedergeworfen zu werden. Sie preßte die Hand traurig gegen ihre Stirn und seufzte, während ihr die Thränen in die Augen traten.
„Sie wüsten nicht verzweifeln, mein liebes Kind, und nicht verzagen, sondern sich in Geduld fasten, denn wir Alle haben unser Theil Sorgen und müssen sie tragen," tröstete das alte Fräulein. „Sie sind noch so jung und können noch viel, viel Glück erwarten, darum werden Sie nur wieder ein Mädchen mit frohem, sorglosem Sinn, wie es für Ihre Jahre sein muß, und hoffen Sie das Beste für sich und für bett jungen Mann."
Mit liebreicher Theilnahme versuchte Fräulein Brunner sie noch weiter zu trösten.
Aber es war Annies erstes großes Herzeleib, welches sie
zu ertragen hatte und sie konnte es nicht so rasch überwinberu Als sie enblich töieber ihr Köpfchen von ber Brust ber alten Jungfer erhob, sagte sie tief ergriffen: „Wie gut Sie sind, Fräulein, wie soll ich Ihnen nur genug für Ihre Güte danken. Geben Sie mir Ihre Hand, daß ich sie küssen kann. Und auch ihm wird Ihre Theilnahme wohlgethan haben, er ist ein warm fühlender Mensch. Aber er hat einen nobeln, stolzen Sinn, darum nahm er nicht, was Sie ihm boten. Nur wenn man so ist wie er, kann man so viel und still leiden — ich vermag es leider noch nicht! Ach, wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin, und nichts kann mich mehr trösten!"
Das alte Fräulein erhob ihr Haupt und blickte zum Himmel empor.
'„O ja, Einer kann es, ber Allvater, ber über bett Wolken thront, Sie thörichtes Kind," versetzte sie im feierlichen Ton. „Denn sicherer als menschliche Hilfe ist Gottes Hilfe, bie über Allen wacht. Also tragen Sie gebutbig, was Ihnen bas Schicksal auferlegt hat. Der Herr ist barmherzig!"
Dann trat tiefe Stille ein. Annie wartete gebutbig, ob Fräulein Brunner noch etwas sagen würbe, aber biefe war jetzt wie in tiefe Gedanken versunken und schien Annies Nähe ganz vergessen zu haben. So schlüpfte sie still aus ber Laube unb sank bald wieder in ihren Kummer zurück. Es fehlte ihr ber kräftige Wille, denselben zu beherrschen, und sie ließ sich noch zu sehr von ihren Empfindungen leiten.
Langsam schritt sie bie Parkstraße hinab unb dann auf dem sehr belebten Quai weiter. Wie im Traum sah unb hörte sie bie Menschen, bie um sie herum schwirrten.
Die Mutter kam ihr schon entgegen unb bann gingen sie miteinanber ber gewohnten Weg Über bie alte Wiese zu den Pupp'schen Anlagen. Annie sah nicht rechts noch links, ihr Blick war trübe und sie hielt bett Kopf gesenkt. Ihr ernstes, niebergeschlagenes Wesen ängstigte und bekümmerte bie Mutter auf's Tiefste, aber sie that, als ob sie es nicht bemerkte, sie wollte zunächst nicht mehr die Herzenswunbe berühren und erst später Annie auf andere Gedanken bringen.
Kurz vor den Pupp'schen Anlagen in der Nähe ber Villa Quisisana begegneten die Damen dem Professor Hiller. Er | begrüßte sie mit großer Herzlichkeit, fragte angelegentlich nach ihrem Befinden und ließ sich, woraus er offenbar gewartet hatte, I von ber Frau Rath Göhren einladen, das Frühstück mit ihnen einzunehmen. _ , „
Annie nahm kaum Notiz von dem wackeren Professor. Stumm unb kühl hatte sie feinen Gruß erwidert unb auf feine besondere Frage nach ihrem Befinden ganz einsilbig geantwortet.
Der Professor sah heute sehr frisch und munter aus, wie | verjüngt. Er war auch viel mittheilsamer, als neulich, und erzählte lebhaft von den Ereignissen in ber großen Welt und I besprach auch manche Zeit- und Streitfrage.
Die Räthin hörte seine Erzählungen unb Berichte mit | Theilnahme an, erklärte aber schließlich, daß sie von allen diesen a Dingen nicht viel verstehe, unb ber Professor fing daher bald I von anderen Dingen zu reden an.
Inzwischen hatte bie kleine Gesellschaft bie Pupp'schen An- I lagen erreicht unb gleich darauf einen hübschen Platz unter den | schattigen Kastanien erobert, welche jetzt von oben bis unten | mit weißen Blüthenkerzen übersäet waren.
Die Unterhaltung zwischen dem Professor unb ber alten I Dame nahm auch während des Kaffeetrinkens ihren Fortgang. I Er hatte Reisen in aller Herren Länder gemacht, erzählte I allerlei interessante Episoden unb machte lustige Bemerkungen । darüber. Sie klagte ihm über die Kur, baß bieselbe sie so | angriffe, ber heiße Brunnen ihre Nerven errege unb baß sie I schon ganz reizbar unb nervös geworben sei, was sonst gar I nicht ber Fall wäre. Auch bas frühe Aufstehen gefalle ihr । nicht und ber colossale Andrang ber Menschen des Morgen« I bei den Heilquellen mache sie völlig verwirrt. So klagte und I jammerte sie eine gute Weile fort unb fügte noch hinzu, daß I sie recht froh sein würde, wenn die Kur in Karlsbad, um die I sie von vielen Bekannten beneidet werde, zu Ende sei und sie j sich wieder ber gewohnten Ruhe unb Gemüthlichkeit in ber • lieben Heimath erfreuen könnte.


