inals dahinter gekommen, welche Haupt« und Wetterhexe diese alte Bsilstein gewesen. Man hat immer diese Sibille die Hexe von Bingenheim genannt, weil sie ein glattes Gesicht hatte, sonst nichts —"
„O, Frau Schultheißin, schön ist die Person gewesen, schön wie ich wenige sah, und gut und geschickt auch. Ungern sag' ich es!"
„Macht mir nichts vor, Jungfrau Malwine; wir haben hier Mädchen mit viel rötheren und dickeren Backen, als diese Sibille."
„Darin liegt es eben, Frau Schultheißin. Der Klatschmohn ist auch röther wie die Rose und eine Runkelrübe dicker, als ein Borsdorfer Aepflein- Das Feine in Figur und Farbe ist die Hauptsache."
„Meinetwegen glaubt, was Ihr wollt, werthe Jungfrau; ich sage Euch: nicht die Junge, sondern die Alte ist die Haupthexe von Bingenheim; wir sind sie Beide los und das ist unser Werk und Verdienst." — (Fortsetzung folgt )
Seltsame Kreier.
Novelle von Th. Schmidt.
(Schluß.)
Mehrere Minuten lang hörte man nichts, als das Kritzeln unserer drei Federn. Bald bemerkte ich jedoch, daß zwei davon ihre Thätigkeit eingestellt hatten, und als ich den Kopf hob, sah ich, daß Grethe nachdenklich an der Feder kaute, während Fritz, die eine Hand auf das Herz gedrückt, die andere mit dem Ausdruck tiefster Ergebung ihr hinstreckte — ein so spaßiger Anblick, daß Grethe und ich in schallendes Gelächter ausbrachen; doch von ihm bedeutet, daß wir unsere kostbare Zeit nicht vergeuden sollten, nahmen wir unsere Thätigkeit wieder auf, und nach zehn Minuten waren wir mit unseren Episteln fertig.
Fritz war der Erste, der die seine zum Besten gab.
„Liebe Frau Hiller," las er, „warum sollen wir zwei — Sie und ich — im traurigen Alleinsein unser Leben verbringen, während wir vereint so glücklich miteinander sein könnten? Ich habe eine angenehme Stellung, ein gutes Auskommen, ein großes Haus und eine kleine Familie. Was letztere anbelangt, so muß ich allerdings, gestehen, daß Käthe etwas launenhaft ist" — hier zupfte ich ihn nicht gar zu sanft am rechten Ohrläppchen — „Grethe ist der reine Irrwisch, ein Tollkopf, wie man ihn sich nicht schlimmer denken kann" — jetzt war an dieser die Reihe, dem Bösewicht etwas handgreiflich die Moral zu lesen — „aber mein lieber Sohn Fritz, der Stolz und die Hoffnung meines Herzens, ist so gut, so fleißig, so liebenswürdig, daß er reichlich für die Fehler und Schwächen seiner Schwestern entschädigt.
Wollen Sie ihnen Mutter sein und die verehrte Gattin Ihres Ihnen tief ergebenen
Martin Wendig?"
„Wie albern!" kritisirte Grethe.
„Run, wir wollen sehen, ob Du es bester kannst," entgegnete Fritz, indem er ihr da» Blatt aus den Händen riß. „Also!" und mit übertriebenem Pathos Hub er zu lesen an:
„Süße Angebetete I — Ihre vielseitigen Vorzüge und Talente haben mein Herz, das ich fast unempfindlich wähnte gegen die Reize der Frauen, zu so heller Flamme entbrannt, daß es der heißeste Wunsch meines Lebens ist, Sie die Meine nennen zu dürfen. Unmöglich vermag ich Ihnen die tiefe Liebe zu schildern, die diese männliche Brust für Sie empfindet; nur soviel kann ich Ihnen sagen, daß es die Hoffnung meines Daseins ist, Sie als meine theure Gattin in die Arme schließen zu dürfen."
„Etwas stark für einen Mann von fünfundvierzig Jahren", bemerkte Fritz. „Käthe, laß hören, was Du geschrieben hast."
„Meine liebe Frau Hiller I Zum zweiten Mal in meinem Leben bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß e» nicht
gut ist, wenn der Mensch allein sei, und diese Ueberzeugung haben Ihre Güte, Ihre Sanftmuth, Ihre Liebenswürdigkeit und vor allem die Gewißheit in mir hervorgerufen, daß meine lieben Kinder wirklich eine zweite Mutter in Ihnen finden werden. Ich kann Ihnen keine leidenschaftliche Liebe entgegenbringen, dieselbe ist ein Vorrecht der Jugend — und meine Jugend liegt hinter mir — ich zähle fünfundvierzig Jahre. Ich empfinde aber die tiefste, wahrste Zuneigung für Sie, und es soll mir meine erste und heiligste Pflicht sein, mich Ihre» Vertrauens werth zu zeigen, wenn Sie mir als Ihrem Gatten Ihr Glück anvertrauen wollen. Welches auch Ihre Antwort sein mag, liebe Frau Hiller, so werde ich stets bleiben
Ihr aufrichtig und treu ergebener Martin Wendig."
„Fort mit meiner Epistel!" rief Grethe und riß ihren Bogen in Stücke.
„Und mit der meinen!" lachte Fritz, ihrem Beispiel folgend.
„Mit der meinen auch," sagte ich.
„Halt!" rief da aber Fritz, indem er meinen Brief mir aus den Händen rettete, — „Deine Arbeit ist ja wundervoll! Ich will sie kopiren und in den nächsten Briefkasten stecken; dann magst Du mit Deinem Autograph machen, was Du willst."
♦ * ♦
Vierundzwanzig Stunden mußten wir Geduld haben, wenn Frau Hiller ihre Antwort nicht durch einen speciellen Boten sandte.
Das böse Gewiffen macht uns alle Drei auffallend still, unser Vater aber bemerkte es nicht. Erst bei Tisch erschreckte er uns mit der Bemerkung: „Ich war gestern bei Frau Hiller und fragte, ob sie sich an dem Wohlthätigkeitsverein für Alte und Gebrechliche betheiligen wolle."
„Und sie hat zugesagt?" fragte ich.
„Sie will es sich ein, zwei Tage überlegen."
Der nächste Morgen kam; ein Packet Briefe lag uneröffnet neben des Vaters Teller, während er sich sein Frühstück schmecken ließ; Grethe und ich spielten nervös mit unseren Löffeln und Taffen, indeffen Fritz tapfer aß — ihm konnte nichts in der Welt seinen guten Appetit verderben-
Der verhängnißvolle Moment rückte immer näher; jetzt schob der Vater seinen Teller und Taffe zurück und griff nach den Postsachen; das erste war ein Geschäftsbrief; dann kamen ein paar Zeitungen, ein Circulär, jetzt aber war ein kleines zierliches, mit etwas unsicherer Hand adressirtes Couvert an der Reihe. Mir stockte der Athem, während der Vater das Schreiben durchlas.
„Kinder," sagte er alsdann, „ich werde heute bei Frau Hiller zu Abend effen. Sie schreibt mir soeben, sie wolle mir da auf meinen Vorschlag antworten."
Erleichtert athrnete ich auf. Er dachte unter dem „Vorschlag" ohne Zweifel nur au den Wohlthätigkeitsverein. Mein Blick wanderte hinüber zu Fritz, der sich des lauten Lachens kaum erwehren konnte.
* ♦ *
Gegen zehn Uhr hörten wir den Vater heimkehren. Grethe flüchtete eilends in ihr Zimmer, und Fritz hatte, bevor der Vater eintrat, gerade noch Zeit, mir zuzuflüstern: „Alles in Ordnung — das Ganze doch mein Werk — ich hatte die famose Idee — und ich schrieb den Brief!"
„Geht Beide schlafen — sofort!" befahl der Vater in so strengem Tone, wie ich ihn nie an ihm gehört hatte; wie ich ihn mir aber heimlich von der Seite ansah, wollte es mich be« dünken, als sähe er jünger und vergnügter aus, als seit lange; und wie er den bekümmerten Ausdruck auf meinem Gesicht bemerkte, breitete er mir seine beiden Arme aus, daß ich ihm an die Brust sank und mich zärtlich an ihn schmiegte.
„Verzeih', mein Vater," stammelte ich, „wir wollen es nie, niemals wieder thun."
„Hoffentlich werdet Ihr niemals wieder Gelegenheit dazu


