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lächelnd, „denn die Dame Ihrer Jugendliebe kann noch gefreit werden."
„Ach, scherzen Sie nicht mit meiner Jugendliebe, Major. Sie ist für mich doch immer noch zuweilen eine schmerzliche Erinnerung."
„Sagen Sie Lefler eine liebe Erinnerung, denn Sie lieben Hilda von Hausen oder vielmehr die jetzt verwittwete Baronin von Sassen doch noch ein wenig, und ich will Ihnen verrathen, daß die Dame stch auch noch sehr lebh-ft für Sie interessirt."
„Woher wissen Sie das?" frug Homberg erstaunt.
„Weil Frau von Sassen die intimste Freundin Juttas von Helborn, meiner neuen Schwägerin, ist und gestern bei der Verlobung zugegen war. Wir sprachen da auch von Ihnen und da machte ich so meine Beobachtung. Ich kann Ihnen nur noch versichern, lieber Homberg, daß die Baronin noch eine sehr reizende Erscheinung und eine der liebenswürdigsten Damen ist, die ich je kannte."
„Aber gerade darum und weil sie auch Baronin ist, wird sie sich schwerlich entschließen, ein Freundschastrverhältniß mit mir wieder anzuknüpsen."
„Aber bester Homberg, taxiren Sie sich doch nicht so niedrig ein. Sie sind seit der Zeit, wo Hilda von Hausen Baronin wurde, doch auch Commerzienrath geworden und Ihre glänzende Stellung verträgt doch wahrhaftig einen Vergleich mit einer verwittwetcn Baronin."
„Schmeicheln Sie nicht so sehr, lieber Major, sonst glaube ich es Ihnen nicht," gab der Commerzienrath lakonisch zurück.
„Ich schmeichle gar nicht," erklärte der Major. „Nehmen Sie es als Ernst oder Scherz auf, so sage ich Ihnen nur so viel, daß Sie über kurz oder lang Hilda wiedersehen werden und dann können Sie ja Ihre Entschließungen treffen, wie Sie wollen," fügte er dann noch lachend bei und verabschiedete sich herzlich von dem Genesenden.
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Die Heilung der Wunde des Commerzienraths war viel schneller von Statten gegangen, als die Aerzte ursprünglich angenommen hatten, und auch die Kräfte des Verwundeten, welcher eine ausgezeichnete Körperconstitution besaß, waren auch zum großen Theile wieder zurückgekehrt. Als die Aerzte daher nach weiteren drei Tagen dem Commerzienrath gestatteten, das Bett zu verlassen, vermochte auch Niemand den an Bewegung und Thätigkeit gewohnten Homberg ganz an das Zimmer zu fesseln-
So saß Homberg eines Nachmittags in der Laube seines Gartens, als sein Neffe etwa« erregt zu ihm trat.
„Onkel, ich habe viel, viel an Deiner Güte gesündigt," sagte Matthey nach der üblichen herzlichen Begrüßung, „und ich habe heute den Versuch gemacht, Einiges von meiner großen Schuld abzutragen."
„Ach, laß diese Schwärmereien, Curt," entgegnete Homberg ruhig. „Werde ein tüchtiger Maler und ein guter Mensch, und ich bin mit Dir zufrieden."
„Das weiß ich, Onkel, aber ich weiß auch, daß Du mit Dir selbst nicht zufrieden bist und ich hoffe, Dich zufriedener zu machen, wenn Du mir noch heute in mein Atelier folgen willst. Ich werde Dir dort ein Bild zeigen, an dem Du Deine helle Freude haben sollst. Du fühlst Dich doch auch heute ganz wohl und da schlage ich vor, daß Du sofort mit mir nach meinem Atelier fährst."
„Curt, Du bist ein sonderbarer Schwärmer, aber wenn Du glaubst, daß Dir ein Bild ganz vorzüglich gelungen ist, so will ich es mir schon ansehen! Ich denke aber, es hat Zeit bis morgen."
„Nein, nein, es hat keine Zeit, denn ich muß vielleicht noch heute das.Bild abltefern."
„Nun, so will ich mitkommen- Laß den Wagen anspannen. In einer halben Stunde bin ich bereit, denn etwas Toilette muß ich für meine erste Ausfahrt doch machen."
Es war noch keine Stunde vergangen, so trat Homberg am Arme seines Neffen in dessen Atelier.
„Es sieht hier wirklich jetzt so au», als ob Du Dich
von frühester Stunde bis spät Abends Deiner Kunst widmest," bemerkte der Commerzienrath lächelnd zu feinem Neffen.
„Daß es der Fall ist, das will ich Dir gleich beweisen," sagte Matthey. «Hier, lieber Onkel, setze Dich auf den Stuhl vor das verhängte Gemälde und Du sollst gleich ein Bild sehen, was Dein Herz entzückt."
Matthey entfernte lächelnd die Hülle von dem Gemälde und vor Homberg stand das vorzüglich getroffene Bild der Baronin von Sassen-
Dieser saß ganz betroffen und gerührt vor dem Bilde und flüsterte leise unverständliche Worte.
„Das Bild ist Dir vortrefflich gelungen, Curt," sagte er dann weich zu dem jungen Maler, „ich danke Dir von Herzen für die Freude, welche Du mir dadurch bereitet hast, daß Du es mir zeigtest. Die Baronin ist in der That noch eine sehr schöne Frau, wenn Du ihr auf dem Bilde nicht so sehr geschmeichelt hast."
„Nun, Du wirst gleich Gelegenheit haben, das Bild mit der Dame zu vergleichen, die es vorstellen soll."
„Aber Curt, was fällt Dir denn ein? Ich kann doch hier meine Bekanntschaft mit der Baronin nicht erneuern!"
„Da weder Du noch die Baronin den ersten Schritt thun wollte oder konnte, Euch wiederzusehen, so habe ich es zu veranlassen unternommen, um zwei Herzen, die sich einst nahe standen, wieder zusammenzuführen. Ich hoffe, lieber Onkel, daß Du mir darüber nicht böse sein wirst."
Bei den letzten Worten verließ der Maler das Atelier, und Homberg hörte nur, daß vor dem Hause ein Wagen vorfuhr.
„Die Baronin scheint wahrhaftig zu kommen, um ihr Bild in Augenschein zu nehmen," dachte jetzt Homberg. „Nun, ich werde mich einstweilen etwas in den Hintergrund zurückziehen."
„Mein Bild ist wirklich schon vollendet, Herr Matthey," erklang jetzt die glockenreine Stimme der Baronin, welche, geleitet von dem Maler, in das Atelier trat.
„Bitte, gnädige Frau, wollen Sie sich davon überzeugen," erwiderte Matthey und wies mit der Hand nach dem Gemälde-
Mit freudigem Erstaunen blieb die Baronin vor ihrem wohlgetroffenen Bilde stehen und sagte: „Ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Matthey, das Bild ist eins vorzügliche Leistung und ich bewundere ebenso Ihr Talent wie Ihren Fleiß. An Ihrem künstlichen Schaffen kann man jetzt seine wahre Freude haben, wenn es auch seltsam klingt, daß ich mein eigenes Bild lobe-"
„O, Sie ehren ja damit nur die Kunst, gnädige Frau, und ich war Ihnen noch den Beweis schuldig, daß Sie Ihre großmüthige Freundschaft keinem Unwürdigen geschenkt haben."
„Sie haben Ihre Versprechungen nicht nur gehalten, sondern sogar übertroffen, Herr Matthey."
„Wissen Sie, wem das Bild auch vorzüglich gefallen hat, gnädige Frau?"
„Nun wahrscheinlich Ihrem berühmten Lehrer Professor Hollmann."
„Nein, meinem Onkel, Commerzienrath Homberg!"
„War derselbe hier?"
„Er ist sogar noch hier. — Onkel, bitte, ich will Dich der Frau Baronin vorstellen."
Mit einer tiefen Verbeugung trat der Commerzienrath jetzt vor die Baronin, und langsam und innig sahen sich die Beiden in die Augen, doch ihre Lippen blieben stumm.
Matthey war Menschenkenner genug, um zu wissen, welche Empfindungen jetzt die Seele der Beiden bewegten und zog sich leise in ein Nebenzimmer zurück.
„Hilda — gnädige Frau!" rief dann Homberg mit vor Freude bebender Stimme. „Wie nach einem langen, schweren Traume erscheint Ihr Bild wieder vor meinen Augen so hold und schön wie damals, als wir uns zum ersten Male sahen."
„Und Sie können mir wirklich das Unrecht verzeihen, Herr Commerzienrath, welches ich einst an Ihnen beging?" frug sie, indem eine Thräne in ihrem Auge schimmerte.


