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bett großen grauen Augen und das kaum merkliche Zusammen- ziehen der schöngeformten Brauen? D, ich las Alles in einer Minute — Edith empfand ein tieferes Interesse für Guido.
Bei dieser Wahrnehmung erblaßten meine "Wangen nicht, sie färbten sich vielmehr mit einem höheren Roth. Jetzt verlangte es mich mehr beritt je darnach, ihn zu sehen. Nur diesen einen Abend, wenn nicht wieder, wollte ich trtumphiren. Er sollte wählen zwischen uns, zwischen Edith und mir, diesen einen Abend wenigstens standen wir einander gleich.
Ueber eine Stunde verbrachte ich allein mit Edith; dann begaben wir uns zu Lady Ponsonby in die bereits sich füllenden Gesellschaftsräume.
Wir standen mit einigen Gästen plaudernd am Fenster, das Gesicht der Thüre zugekehrt. Ich freilich hörte wenig von der Unterhaltung, denn meine Gedanken waren anderwärts.
Da fiel mein Blick auf die Thüre: Guido trat ein, mit der Liebenswürdigkeit und dem stolzen Selbstbewußtsein, die ihm von jeher eigen waren- Ich erkannte ihn sofort, obwohl die Jahre, das Klima und die Gesellschaft ihn äußerlich verändert hatten.
Er kam direct "auf Edith zu, die ihm allerdings mit dem Fächer kokett einen Wink gegeben hatte. Nachdem er sie mit ein paar schmeichelhaften Worten begrüßt hatte, wandte er den Kopf zu mir — und zum ersten Male begegneten sich unsere Blicke.
Er schrak fichtlich zusammen, aber er verzog keine Miene. Er glitt mit der Hand über die Augen und biß sich auf die Lippen; dann, sich schnell zu Edith wendend, bat er sie, die Vorstellung zu übernehmen.
„Das ist wohl nicht nöthig, Herr von Berry, wir kennen uns ja von früher," nahm ich da das Wort und reichte ihm ruhig die Hand-
Er ergriff sie, ohne den Blick von mir zu wenden; aber seine Finger umklammerten dis meinen so fest, daß es mich fast schmerzte. „Der Tanz beginnt, gnädiges Fräulein," sagte er zu mir. „Darf ich um das Vergnügen zu dieser Quadrille bitten?"
Ich verneigte mich leicht und nahm seinen mir gebotenen Arm.
Während des Tanzes sprach er wenig, aber ich bemerkte, daß er den Blick nicht von mir wandte. Nachdem der Tanz zu Ende, führte er mich in das kühle Gartenzimmer.
„Nun sehen wir uns nach neun langen Jahren wieder, Madeleine," sagte er, indem er mir in die Augen blickte und meine Hand ergriff.
„Ihre Schuld ist's, daß es so lange Zeit geworden ist, nicht die meine," versetzte ich ruhig.
„Was hat sich Alles ereignet, seit wir uns nicht gesehen haben I" sagte er ohne näher auf meine Worte einzugehen. „Theodor'- Liebling hat Verwandte gefunden, die ihre Rechte geltend machen — und Sie?"
«Ich? Ich lebe einsam und verlassen," erwiderte ich mit einem Anflug von Bitterkeit. „Die eine Schwester ist auf Rosen gebettet, die andere —"
„ ... Ist in diesem Augenblicke die Königin dieses Festes," fiel Guido mir in's Wort. „Er giebt wohl keine Dame hier im Saale, die Sie nicht mit Neid betrachtete, Madeleine. Wie sind Sie zu dieser wunderbaren Schönheit gelangt?"
Bei diesen Worten legte sich sein Arm um mich, und bevor ich es mir recht bewußt war, preßte er mich an sich, als wollte er mich nie wieder von sich lassen.
O, wie süß war diese lange, innige Umarmung I Alles irdische Leid und alle Bitterkeit schienen mir zu schwinden, während er mich fest an sein Herz drückte- Endlich hob er mein Gesicht empor und schaute mir forschend in die Augen.
„Du bist zwanzig Mal schöner als vor neun Jahren, Madeleine," sprach er, „liebst Du mich aber noch so wie einst?"
„Wie können Sie Ihr langes Schweigen rechtfertigen?" sagte ich, seiner Frage ausweichend. ®
Er sah mich eine volle Minute an, bevor er antwortete. - „Warum nennst Du mich nicht „Du" und „Guido"?« sprach er dann, und wie einem neuen plötzlichen Gedanken nachgebend, ließ er meine Hand los und setzte mit einem Blick auf meine Linke leiser hinzu: „Ziehe den Handschuh aus."
Ich gehorchte.
Er nahm meine Finger in die seinen, blickte sie einen Moment an, dann ließ er meine Hand langsam sinken. „Wo ist der Ring, den ich Dir gab?^ fragte er.
«Ich zog ihn heute zum ersten Male ab, Guido," erwiderte ich mit zitternder Stimme. „Ich wußte, daß ich Dich heute hier treffen würde, und ich wußte auch, daß Du ein Anderer geworden."
„In vielen Dingen ja," entgegnete er fast traurig; „aber nicht, wie Du es meinst. Wann darf ich den Ring wieder an Deinen Finger stecken, Geliebte?"
| «O, Guido," versetzte ich, „angenommen, daß Du mich
I heute liebst — glaubst Du aber auch, daß Deine Empfin- I düngen dieselben bleiben werden, wenn Du mich morgen in ganz anderer Umgebung, in ganz anderen Verhältnissen siehst?"
„Ich werde Dich immer lieben, Madeleine, so lange ich lebe," antwortete er; „darf ich Dich morgen besuchen?'
„Ja, Guido."
In dem kurzen Taumel des Augenblicks gab ich mich ganz dem Genüsse feiner Gesellschaft hin. Ich vergaß die traurige, qualvolle Vergangenheit und lebte nur in der glücklichen, wonnigen Gegenwart.
Als wir wieder in den Ballsaal traten, sahen wir uns Walter gegenüber.
Ich blieb stehen und sprach mit ihm, ohne Guidos Arm loszulaffen. Einen Moment schaute er in mein glückliches, erregtes Gesicht und wandte sich dann mit einer leichten Verbeugung zu Guido-
„Wollen Sie mir die junge Dame jetzt überlassen?" sagte er. „Ich versprach, sie Fräulein Ponsonby.zuzuführen."
Eine Secunde drückte Guido meine Hand herzlich, ehe et jte losließ; dann sagte er: „Sie erlauben mir Ihre Tanzkarte eine Minute, Fräulein? — Ich bringe sie Ihnen gleich zurück."
Ich gab sie ihm und ging dann mit Walter weiter.
„Wie freue ich mich, Sie glücklich zu sehen," sagte dieser. „Aber was meinen Sie zu der kleinen Edith? Ist sie in den zwei Jahren nicht ein reizendes Geschöpf geworden?"
„Sie ist entzückend," erwiderte ich- „Ach, da kommt sie eben auf uns zu!"
«Jetzt geht der Walzer an," sagte Ediths muntere Stimme, „wo ist denn Dein Tänzer, Madeleine?"
„Vorläufig habe ich noch gar keinen," versetzte ich lachend; „ich bin eben erst wieder in den Saal getreten. Mit wem tanzest Du jetzt, Edith?"
„Mit Herrn von Berry," gab sie zur Antwort, während sie sich, die Stirn in leichte Falten ziehend, nach dem Betreffenden im Saale rings umschaute.
Da trat ein Herr heran, bat um den Tanz und tanzte mit mir davon. Als wir wieder zu tanzen aufhörten, kam Guido mit Edith am Arme auf mich zu.
„Hier, Ihre Tanzkarke," sagte er mit einer höflichen Verbeugung und ging weiter.
Ich.warf einen Blick auf die Karte und wurde dunkel« roth, als ich sah, daß er mich gegen alle Sitte zu fast allen Tänzen engagirt hatte. Jene unvergeßlichen Stunden verstrichen nur zu schnell. Als sich im fernen Osten das erste Morgendämmern zeigte, hing Guido mir meinen Mantel um die Schultern und begleitete mich die breite Treppe hinunter an den Wagen. Als ich bereits eingestiegen war, bog er sich über mich und nahm mir ohne Erlaubniß die Rose von der Brust.
„Gute Nacht, Geliebte," flüsterte er und seine Lippen begegneten den meinen in einem langen zärtlichen Kuß.
(Fortsetzung folgt.)


