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Abends hatte ich einen Besuch bei der Familie des Ärzte« gemacht und Walter begleitete mich nach Hause.
„Ich erhielt heute Morgen Nachricht von Lady Pon- sonby," sagte er plötzlich, als ich, an meiner Wohnung angelangt, ihm Gute Nacht sagen wollte. „Der Brief enthält auch Grüße von Edith für Sie."
„Das freut mich; ich habe seit längerer Zeit nichts von ihr gehört. Schreibt sie etwas über ihre Rückkehr ?" fragte ich noch«
„Nein, aber ich soll Sie, mein Fräulein, sinladen, Lady Ponsonby zu besuchen." „ , ,, ,
„Ich sie besuchen? Und Sie können glauben, ich ginge nach Paris? — Ich hatte fest gehofft, sie würde bald zurück- kommen. Sie ist nun volle zwei Jahre fortl"
„Nicht nach Paris sind Sie eingeladen, sondern nach dem Bergschloß, einem schönen, stattlichen Gebäude in geringer Entfernung von hier, das lange leer gestanden hatte und, wie wir auf unserem neulichen Spaziergange bemerkten, neu hergerichtet wurde, ohne daß wir eine Ahnung davon hatten, wer seine künftigen Bewohner sein würden.
„Die Vorbereitungen, die in dem Schlöffe getroffen werden," fuhr mein Begleiter fort, „sind für Lady Ponsonby und eine große Zahl von Gästen berechnet, denn der steinreichen und die ewige Abwechselung liebenden Dame hat, als sie hier war, die hiesige romantische Gegend so gut gefallen, daß sie sich hier angekauft hat. Am Tage nach ihrer Ankunft soll ein großer Ball auf dem Bergschloß stattfinden, zu dem Sie geladen find und auch ich."
Ich war sprachlos vor Erstaunen.
„Unter den Gästen befindet sich ein Mann, welchen ich Ihnen wohl nennen muß, Madeleine," setzte der Rector in herzlichem, leisem Tone hinzu. „Guido von Berry wird auch da sein."
Ich weiß nicht, wie ich in das Hau» gelangte, der Kopf schwindelte mir; ich taumelte in mein Zimmer und sank da halb ohnmächtig auf einen Stuhl- Tausenderlei Gedanken und Vermuthungen schwirrten mir durch den Kopf-
Also Edith kam endlich wieder — aber wie plötzlich kam diese lang verschobene Rückkehr I Und unter den Freunden» die Lady Ponsonby und ihre Enkelin begleiteten, befand sich auch Guido — mein Guido, mein Geliebter, der Held meiner Jugend! — Wie kam er zu Jenen? fragte ich mich. Warum verweilte er in Paris, wo er doch gleich hätte zu mir kommen sollen? Hatte er den Schwur der Treue gebrochen, den er mir geleistet an jenem Abend, al» wir das letzte Mal zusammen am Fenster standen? Hatte er den Ring vergeffen, den er uns an unserem Verlobmigstage an den Finger steckte? Jene letzte innige Umarmung, das klopfende Herz, das gegen das meine schlug, und die Stimme, die bei dem leidenschaftlichen Lebewohl erzitterte — gehörte das Alles einer tobten, begrabenen Vergangenheit an?
Eine unerträgliche Last schien sich auf meine Brust herabzusenken. Dann sprang ich auf, von einem plötzlichen Impuls getrieben, und trat vor den Spiegel.
Hatte ich mich, seit wir einander zum letzten Male gesehen, äußerlich sehr verändert? — Er war stets ein Verehrer großer Schönheit gewesen.
Ich betrachtete mich genau. Meine Haut war so zart und weich, wie vor neun Jahren, nur die Wangen waren ein klein wenig blaffer; meine Augen waren noch so blau, mein Haar so golden wie einst- Ja, ich hatte mich nicht merklich verändert; ich fühlte, daß es nur der nöthigen Toilette bedurfte, um so hübsch auszusehen wie früher.
Der nächste Morgen brachte mir eine gedruckte Einladung und einen herzlichen Brief von Edith. Sie schrieb mir, sie würden erst am Abend vor dem Ball auf dem Bergschloß eintreffen, da wäre es bei der Unruhe im Hause wohl bester, wir sähen uns erst am nächsten Tage. Der Wagen würde mir aber sehr zeitig geschickt werden, damit wir noch eine Stunde gemüthlich plaudern könnten, bevor die übrigen Gäste kämen. —
An demselben Tage fuhr ich zur Stadt, um meine Ein
käufe für die bevorstehende Gesellschaft zu machen. Dieses eine Mal wollte ich verschwenderisch sein- Der Schmuck und die Edelsteine, die viele Jahre unberührt in ihren Sammetetuis gelegen hatten, sollten wieder bei Hellem Kerzenschein blitzen und funkeln.
Mein kleines Haus sollte mich gar nicht wieder erkennen, wohl aber ein Anderer! Er mit der hohen Stirn, den stolz blickenden Augen und dem unbeständigen Herzen, er, mein Guido!
Ich konnte die Zeit kaum erwarten, nirgends fand ich Ruhe, bis ich endlich den ebenso gefürchteten wie erwarteten .Tag begrüßen konnte! Das weiße Atlaskleid mit langer Schleppe und einer duftigen Wolke von Tüll und Spitzen lag bereit. Um sieben Uhr sollte der Wagen da sein- Es war Zeit, Toilette zu machen. Eine zarte Rose im Haar und an der Brust vollendeten den Anzug. Guidos Verlobung», ring streifte ich an dem Abend zum ersten Male ab. Da hörte ich den Wagen herbeirollen und schnell nach Fächer und Handschuh greifend, eilte ich die Treppe hinab in das Wohnzimmer.
Als ich eintrat, machte Hanna, meine alte Dienerin, große Augen und schlug verwundert die Hände zusammen.
„Aber Fräulein!" rief sie ganz entzückt. „Wer hätte gedacht, daß ein weißes Kleid einen Menschen so verändern könnte! Wahrhaftig, Sie sehen so schön au», wie ich noch nie einen Menschen gesehen habe!"
Ich lachte vergnügt, "benn ich wollte ja an diesem wichtigen Abende auch noch in anderen als der alten Hanna Augen schön sein.
Wie langsam kam der Wagen vorwärts im Vergleich mit meiner Ungeduld! Es erschien mir eine halbe Ewigkeit, ehe ich die hellen Fenster des Schlaffes erblickte. Die Flügel- thüren wurden diensteifrig geöffnet, ich schritt zwischen einer Anzahl Diener in steifer Livree durch und ließ mich gleich in Fräulein Ponsonby» Boudoir führen. Mit vor Aufregung hochgeröthetem Gesicht trat ich ein-
Mitten in einem kleinen, elegant ausgestatteten Zimmer stand ein junges Mädchen in Balltoilette, eben damit beschäftigt, ein kostbares Armband um den schönen runden Arm zu schließen. Ihr braunes Haar war au» der Stirn zurückgestrichen und fiel in schweren Locken auf einen blendend weißen Nacken herab. Neben ihr, auf einer kleinen Console, lag ein herrliches Bouquet von köstlichen Treibhaueblumen. Es war Edith.
Bei meinem Eintreten hob sie den Kopf und sah mich einen Moment erstaunt an. In der nächsten Minute lag sie in meinen Armen und küßte mich herzlich.
„Du bist'«, Madeleine! Meine theure, meine geliebte Schwester!" rief sie. „Ich ahnte gar nicht, daß es schon so spät sei- Wie geht es, Madeleine? Wie gefalle ich Dir? Findest Du mich gewachsen?"
„Viel größer bist Du nicht geworden, aber zehn Mal hübscher!"
Edith schien sich über mein Compliment zu freuen, schaute mich aber halb neugierig, halb bewundernd an. „Madeleine," sagte sie, „Du hast Dich in diesen zwei Jahren viel mehr verschönert, als ich."
„Kleider machen Leute, wie Du weißt," versetzte ich lächelnd. „Streife mir mein schönes Gefieder ab, und ich bin ein ganz gewöhnlicher Vogel."
Plötzlich wurde das lebhafte Gesicht ernst.
„Madeleine," sagte sie, „erinnerst Du Dich an Guido? Er ist heute Abend hier."
„O, gewiß erinnere ich mich seiner," erwiderte ich; „ob er sich auch meiner noch entsinnt?" fuhr ich ruhig fort. # „Anfangs, als wir uns sahen, sprach er öfter von Dir, versetzte Edith; „in der letzten Zeit hat er Deiner aber wohl kaum erwähnt. — Er hat keine Ahnung, daß Du heute Abend hier bist. Ich bin begierig, ob er Dich erkennen wird — wohl schwerlich. Er ist, wie er mir erzählte, neun Jahre lang in Indien gewesen-" .
Warum entstand so plötzlich ein bekümmerter Blick m


