455
Augen lügen konnten, so wenig vermochten ihre frischen rothen Lippen eine Unwahrheit zu sagen.
„Nein," entgegnete sie endlich zaghaft; „vielleicht wäre es bester gewesen, Fräulein Marianne von Rodegg wäre gestorben, ehe sie Sünde und Schande über dieses Haus brachte."
Und wie ich in meiner Neugier weiter in sie drang, erzählte sie mir, so viel sie selbst von dem traurigen Ereigniß wußte, das sich lange vor ihrer Zeit auf dem Schloste zugetragen hatte. Marianne von Rodegg mit ihrer schönen Gestalt, ihrem aschblonden Haar, ihren rehbraunen Augen war nicht nur der Vorzug ihres Vaters gewesen, sondern auch der Liebling Aller, die sie kannten, und als sie erwachsen war, fanden die Gesellschaften, die Diners und Soupers, die Bälle und Festlichkeiten auf dem Schlosse kein Ende. Die Damen bewunderten, die alten Herren verwöhnten und die jungen Herren vergötterten sie. Unter letzteren befand sich auch ein junger Franzose, dem es mit seinem schönen Gesicht, mit seinen schwarzen Augen und seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit nicht schwer ward, der schönen Marianne ganzes Herz zu gewinnen. Er warb um sie bei dem Vater und als dieser ihm als Antwort für immer verbot, sein Haus je wieder zu betreten, war der junge Mann am andern Tage verschwunden, aber mit ihm auch Marianne- Seitdem ist das Schloß hier wie umgewandelt; dem Vater brach bald darauf vor Kummer und Scham über die Schande, welche die Tochter durch ihre Flucht über sein Haus gebracht, das Herz und auch Herr Arthur von Rodegg ist seitdem ein Anderer geworden. Kaum daß ein Fremder je das Haus betritt, mit den Festlichkeiten ist es vorbei, kein frohes Lachen, keine munteren Stimmen hallen mehr wie einst in diesen Räumen wieder. Dreioiertel des Jahres steht das Schloß gewöhnlich leer. Herr Rodegg weilt immer nur kurze Zeit hier; es läßt ihm selten lange Ruhe, dann geht er wieder fort auf weite Reisen. Die zwei Zimmer, die speciell Fräulein Marianne gehörten, sind überhaupt stets verschlossen, kein fremder Fuß darf sie je betreten.
Lisette wurde abgerufen, während ich, mit meinen Gedanken noch ganz bei dem soeben Gehörten, weiter darüber grübelte.
„Das also ist das Geheimniß," dachte ich, „weshalb er immer so ernst und düster dreinschaut, weshalb seine Stirn in so tiefen Falten liegt und seine Lippen meist so fest aufeinandergepreßt sind, als bedrücke ihn ein schwerer Kummer." — Wo nur Lisette blieb? — Er wurde immer dunkler um mich her; kein Laut tönte aus den unteren Räumen zu mir herauf; so allein mit mir und meinen ernsten Gedanken, ward es mir allmälig ganz ängstlich und unheimlich zu Muths. Da klopfte es leise an die Thüre.
„Gut, daß Sie endlich wiederkommen, Lisette, ich fing wirklich an, mich zu fürchten," rief ich ihr entgegen, aber es war nicht Lisette, sondern Rodegg.
„Ich mußte Lisette zur Post schicken — sie wird nicht lange bleiben. Aber das Feuer ist aus, es ist kalt hier," fuhr er mit einem mitleidigen Blick auf meine bleichen Wangen fort, „wollen Sie nicht mit hinunter in mein Zimmer kommen, und mir beim Thee Gesellschaft leisten?"
„Gern," erwiderte ich, alles Andere dem längeren Alleinsein vorziehend, und mich in ein warmes Tuch hüllend, folgte ich ihm die Treppe hinab.
„Was für ein reizend behagliches Zimmer I" rief ich unwillkürlich aus, als meine bewundernden Blicke über die hohen, mit Büchern besetzten Regale glitten.
„Das heißt für Jemand, der Bücher liebt," entgegnete Rodegg lächelnd. „Lesen Sie gern?"
„O ja, wenn es etwas Hübsches ist."
„Welche Art Lectüre tnöa.en Sie am liebsten?"
„Was mich unterhält, was nicht so trocken und langweilig geschrieben ist."
„Darüber ist der Geschmack freilich sehr verschieden," versetzte Rodegg ironisch; „gar Mancher wird das für hochinteressant halten, was Sie und ich entsetzlich trocken und langweilig finden. — Was meinen Sie dazu," fuhr er fort, als ich verlegen schwieg, „wenn Sie sich einmal zwischen 9
meinen Büchern, vielleicht da auf dem ersten Regal rechts unten, umsähen und etwas rach Ihrem Geschmack suchten? — Was ist das?" fragte er, als ich ein Buch herauszog.
„Die Zeit des Mittelalters," las ich.
„Das ist nichts, Geschichte mögen Sie nicht gern — wie Sie mir neulich sagten."
Ich griff nach einem zweiten Buche.
„Was haben Sie da?"
„Brehms Naturgeschichte."
„Das ist auch nichts für einen Reconvalescenten," sagte er lächelnd, wohl an dem Ton, in welchem ich den Titel las, errathend, daß Naturgeschichte nicht zu meinen Lieblingsfächsrn gehörte.
„Was kommt dann?"
Ich las den Titel mehrerer Bücher.
„Halt!" sagte er bei „Tasso", „wie gefällt Ihnen das?"
„Es ist das schönste Buch, das ich kenne!" rief ich begeistert aus, und seiner Aufforderung folgend, setzte ich mich ihm gegenüber vor das helllodernde Kaminfeuer und vertiefte mich in die Lectüre, während Rodegg Zeitungen und Geschäftsbriefe durchsah, die vor ihm auf dem Tische lagen.
Nach einer Weile klopfte es und der Diener brachte den Thee.
„Würden Sie sich wohl der Mühe unterziehen und den Thee einschenken?" wandte sich Rodegg lächelnd zu mir. „Sonst muß ich dies selbst besorgen, heute soll er mir darum aber auch doppelt gut schmecken."
Zum ersten Mal in meinem Leben unternahm ich mit vor Angst zitternden Fingern dieses Amt; schweigend folgten Rodeggs Blicke meinen Bewegungen; schweigend tranken wir unseren Thee, dann wandte er sich wieder seinen Briefen zu, während ich mich wieder in mein Buch vertiefte.
„Tante Aurelie läßt Sie grüßen," Hub Herr von Rodegg nach einiger Zeit an. „Sie scheint sehr besorgt um Ihr Befinden. Gut, daß sie verhindert ist, selbst zu kommen; sie würde, fürchte ich, nicht wenig verwundert sein, wenn sie uns so behaglich hier zusammen am Theettsch sehen könnte. Die Binde an meinem rechten Arme ist wohl noch der einzige sichtbare Beweis unseres Unfalls."
„Wie geht es heute mit Ihrem Arme?" wagte ich schüchtern zu fragen — das erstemal, daß ich mich überhaupt danach erkundigte, und wie vorsorglich und aufmerksam war er während meines Krankseins gegen mich gewesen! — Dessen wohl eingedenk glitt ein Lächeln über seine Züge, als er erwiderte: „Er macht mir noch viel Schmerzen und ist noch gar nicht recht wieder brauchbar; ich hätte Ihrer Tante gern gleich heute noch geantwortet, aber es ist wohl besser, ich schone den Arm noch ein wenig."
Dunkelroth vor Verlegenheit fragte ich, ob ich ihm nicht behilflich sein, ob ich nicht für ihn schreiben könnte; anfangs lehnte er mein Anerbieten ab; ich sei noch Reconvalescentin und müsse mich schonen, aber lachend entgegnete ich, ich fühlte mich so wohl wie je und f-ntf Minuten später saß ich an seinem Schreibtisch und ließ mir einen Brief an Tante Aurelie dictiren.
Damit fertig, fragte ich, ob ich noch mehr für ihn schreiben könnte.
Ein Geschäftsbrief müsse allerdings spätestens morgen früh expedirt werden, meinte er; so griff ich nach einem zweiten Bogen und schrieb, was mir dictirt wurde.
Es war ein Geschäftsbrief voll juristischer Ausdrücke, aber ich nahm mich zusammen und schrieb mit so schneller, leichter Hand, als ich vermochte.
„Was nun?" fragte ich, als ich auch damit fertig war, mit vor Eifer Hochrothen Backen.
„Sind Sie noch nicht abgespannt?"
„O nein!"
Und ohne ein weiteres Wort Hub er an, mir französisch zu dictiren.
Dank Mademoiselle Lebruns strengem Unterricht war ich auf ein französisches Dictat gut eingeübt und wurde meiner


