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gewohnt, so matt, so unglücklich: ich kam mir mit meinem stummen Begleiter so einsam, so verlassen vor, daß ich mich schließlich nicht mehr beherrschen konnte und zu weinen anfing. Rasch wandte mein Reisegefährte stch mir zu und fragte, was mir sei, ob ich mich krank fühle; aber die leichte Ungeduld, die aus seiner Stimme herausklang, verletzte und kränkte mein empfindsames Ohr so, daß ich trotzig den Kopf abwandte und jede Hilfe, jede Aufmerksamkeit von ihm in unfreundlichem Tone ablehnte.
Als wir eine Stunde später den kurzen Aufenthalt benutzten, um zu frühstücken, meinte Herr Rodegg, ich sähe so müde und angegriffen aus, ob wir nicht ein paar Stunden hier bleiben und erst nach Mittag weiter fahren wollten; aber ich gab ein kurzes entschiedenes „Nein" zur Antwort, worauf mein Begleiter nur stumm und ergeben die Achseln zuckte, mich im Stillen aber sicher für das eigensinnigste, unartigste Mädchen hielt, mit dem er je zu thun gehabt hatte. Dieser zweite Tag verstrich in gleich monotoner Weise wie der erste. Nachts zwölf Uhr erwarteten wir in D- zu sein; dort wollten wir übernachten, um am nächsten Morgen per Dampfer unser Endziel zu erreichen.
Schon senkten sich die abendlichen Schatten auf die Erde herab; regungslos saß ich da, - die Augen auf die einzelnen Häuser und Lichter gerichtet, nach denen wir uns wieder einer Station näherten, — und gedachte mit Wehmuth und Sehnsucht der sorglosen Zeit, die ich bei Mademoiselle Lebrun zugebracht hatte, als plötzlich ein heftiger Stoß erfolgte — ein furchtbarer Krach — ein markerschütternder Schrei — ein entsetzlicher Schlag auf meinen Kopf — und ich wußte nichts mehr von mir.
Ich weiß nicht, wie lange es währte, ehe ich wieder zum Bewußtsein kam. Als ich die Augen wieder aufschlug und um mich sah, hatte ich einen klaren, sternenhellen Himmel über mir. Doch unlustig, mich auch nur zu rühren, blieb ich in dieser halben Betäubung liegen, bis sich zwei dunkle Gestalten mir näherten; eine derselben beugte sich zu mir herab und an der Stimme, womit er bei meinem Anblick einen Ausruf der Freude that, erkannte ich ihn als meinen Reisegefährten. Ich wollte mich aufrichten, aber in demselben Moment empfand ich abermals einen heftigen Schmerz; es ward mir schwarz vor den Augen und mit einem entsetzlichen Gefühl, als sänke ich tiefer und tiefer in einen grundlosen Abgrund, verlor ich zum zweiten Male die Besinnung.
Als ich mir wieder einigermaßen dessen bewußt war, was um mich herum vorging, war es inzwischen Heller Tag geworden. An meinem Lager standen Rodegg und ein Fremder, offenbar ein Arzt.
„Der Fall hier ist nicht so schlimm," sagte Letzterer. „Sie können außer Sorge sein, das Fieber ist sichtlich im Abnehmen begriffen."
„So können wir wohl wagen, ihr ein bequemes Unterkommen zu schaffen?"
„Wenn solches sich finden läßt," entgegnete der Arzt in bedenklichem Tone; „wir haben schon Mühe gehabt, alle Verunglückten überhaupt unterzubringen. Beide Gasthäuser, die wir haben, sind voll und ein großer Theil der Bewohner ist in liebenswürdigster Weise bereit gewesen, einen oder ein paar der Unglücklichen bei sich aufzunehmen."
„Dann ist es wohl das Beste, wir bringen sie gleich nach meiner Besitzung; in gutem Wagen, bequem gebettet, wird ihr die dreistündige Fahrt nicht schaden. Hier in dem elenden Ort können wir doch unmöglich zwei bis drei Wochen bleiben — eher wird sie wohl nicht reisen können, und mein Arm wird, fürchte ich, die unruhige Bewegung der Eisenbahnfahrens auch sobald nicht vertragen können."
Rodeggs Arm lag in einer Binde und hin und wieder glitt ein Ausdruck physischen Schmerzes über sein Gesicht.
Der Arzt gab, wenn auch scheinbar widerwillig, seine Zustimmung und noch an demselben Abende langten wir auf Schloß Rodegg an.
Ich verbrachte eine unruhige, fast schlaflose Nacht; überhaupt schon in höchster krankhafter Erregung, machte das
große, düstere Zimmer einen geradezu unheimlichen Eindruck auf mich. Nein, hier konnte, hier wollte ich nicht bleiben! Ich wollte den Doctor bitten, daß er mich hier fortnähme oder an Tante Aurelie schreibe, daß er komme und mich hole — oder besser noch, ich floh, floh so schnell als möglich aus diesem stillen, düsteren Hause, wo ich sicher sterben würde, wenn ich länger bliebe. Voll Verzweiflung ballte ich die Hände und begrub mein thränenüberströmte« Gesicht in den Kiffen. Da that sich die Thürs auf und der Arzt mit Rodegg trat ein.
Ersterer fühlte mir den Puls, stellte verschiedene Fragen an Frau Altener, Rodegg« Haushälterin, und verabschiedete sich darauf wieder. Rodegg gab ihm das Geleite, kehrte dann aber zurück und sagte mir, er habe gleich gestern an Tante Aurelie telegraphirt, damit sie, wenn sie von dem Eisenbahnunglück höre, nicht erschrecke. Heute habe er ihr ausführlich geschrieben und sie über meinen Zustand beruhigt, ihr auch versichert, es sei durchaus nicht nöthig, daß sie herkomme, ich sei in besten Händen. „In zwei bis drei Wochen," fuhr er fort, „hoffe ich, sind Sie völlig wieder hergestellt, daß wir reisen können."
Zwei bis drei Wochen hier bleiben! — Dieser Gedanke war mir so entsetzlich, daß ich, in bittere Thränen ausbrechend, rief: „O, ich bin jetzt schon wohl genug! Ich will gleich zu Tante Aurelie reisen!"
Rodegg setzte sich an mein Bett und meine Hand in die seine nehmend, sprach er wie zu einem Kinde: „Sie würden sich sehr schaden, wenn Sie jetzt reisen wollten. Vielleicht sind Sie aber viel schneller wieder gesund, als der Doctor glaubt. Haben Sie nur ein klein wenig Geduld und seien Sie versichert, daß wir reisen, sobald Ihr Befinden es zuläßt."
Ich aber schüttelte den Kopf und schluchzte krampfhaft.
„Mein liebes Kind," fuhr er in fast väterlichem Tone fort, „so hören Sie doch auf mit Weinen, das regt Sie ja nur unnütz auf. — Sie haben gewiß noch Kopfweh?"
„Ach ja, schreckliches Kopfweh — wenn ich nur schlafen könnte!"
„Ich gebe Ihnen etwas Beruhigendes, dann werden Sie schlafen können," entgegnete er. Darauf nahm er ein Glas Wasser, schüttelte ein weißes Pulver hinein und reichte es mir. Ich trank und ließ dann, seinem Rathe folgend, meinen heißen Kopf in die Kissen zurücksinken, während er sich wieder nieder- setzte und in freundlichem Tone fortfuhr, mir zuzureden, als wäre ich ein Kind von acht Jahren.
„Morgen werden Sie auch umgebettet in das blaue Zimmer," tröstete er mich; „da wird es Ihnen besser gefallen; es ist an und für sich freundlicher und behaglicher als hier und hat die Fenster nach dem Park. Und wenn es Ihnen allein zu einsam ist, soll Frau Altener in Ihrem Zimmer schlafen."
Der Ausdruck auf meinem Gesicht war wohl nicht mißzuverstehen, denn schnell fuhr er fort: „Vielleicht ist es auch besser, ich gebe Ihnen Lisette, Frau Alteners Nichte, zur Bedienung; das ist ein frisches, munteres Mädchen, das Ihnen gewiß besser gefallen wird, als die ernste Frau Altener."
Dieses freundliche Zureden that mir so wohl, daß der böse Schmerz in meinem Kopfe bald ganz erträglich ward und ich allmälig in einen leichten Schlaf verfiel.
II.
Das freundliche blaue Zimmer und Ltsettes munteres Geplauder wirkten Wunder. Am dritten Tage konnte ich schon ausstehen und, in einen bequemen Armstuhl gebettet, eine Stunde am Fenster sitzen und hinausschauen auf den schönen Park.
Ich glaube, Lisette hatte strengen Befehl von ihrem Herrn, mir so viel als thunlichst Gesellschaft zu leisten. Sie ging selten von mir und erzählte mir allerhand über Rodegg und seine Familie. Er war der einzige noch Lebende von drei Geschwistern. Er hatte noch einen älteren Bruder und eine Schwester gehabt.
„Die sind Beide so früh gestorben?" fragte ich mitleidig.
Lisette, offenbar nicht recht wissend, was sie antworten sollte, wurde sehr verlegen, aber so wenig wie ihre treuherzigen


