Ausgabe 
28.8.1894
 
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sagte mit ruhiger Stimme zu seinem Burschen:Meine Koffer packen, Josef, ich will mit dem Nachtzuge nach Wien abreisen I"

Zu Befehl, Herr Oberlieutenant," erwiderte der Bursche Josef und ging sofort an seinen Auftrag.

Nun las Bernthal zum zweiten Male das vorhin sehr oberflächlich durchflogene Schreiben. Aber die Finger, in denen er es hielt, zitterten.

Auch das noch I" murmelte er finster vor sich hin. Dann steckte er den Brief nachdenklich in die Brusttasche seines Waffenrockes.

Eine Stunde darauf waren seine Koffer eingepackt und alle Reisevorbereitungen getroffen. Josef hatte nur noch den Wagen zur Fahrt nach dem Bahnhof zu bestellen.

Bernthal verließ seine Wohnung, um noch einige unum» gängliche Abschiedsbesuche zu machen. Dem Bezirkshauptmann und mehreren älteren Offizieren mußte er persönlich Lebewohl sagen, das erforderte die Höflichkeit; jüngeren Kameraden sollte mit Karten Lebewohl gesagt werden- Aeußerlich war er ge­faßt und ruhig, denn er wußte sich zu beherrschen. Niemand merkte es ihm an, daß schweres Leid seine Seele bedrückte.

Und scheinbar ruhig schickte er sich auch zur letzten Visite an. Er mußte Lucia Campello Adieu sagen. Das war sein schwerster Gang.

Die schöne Mexikanerin hatte bereits in fieberhafter Un­geduld auf sein Erscheinen gewartet, ebenso wie fie eine Ant­wort auf ihren Brief von ihm erwartete.

Nachdem ihm der Portier des Hotel Nufsie, in dem sie eine ganze Etage gemiethet hatte, da sie viel Dienerschaft mit sich führte, versichert hatte, daß die gnädige Frau daheim sei, stieg er rasch die teppichbelegten Marmortreppen hinan und klopfte an die Thür des Vorzimmers ihrer Wohnung, wo sich Margitta, da« Kammermädchen, befand und ihn sofort ohne Anmeldung in das Boudoir ihrer Herrin führte.

Lady Campello saß am offenen Erkerfenster in ihrem Schaukelstuhle, nach mexikanischer Sitte mit einer Cigarette zwischen den Lippen, und durchblätterte amerikanische Zeitungen. Sie hatte mit wahrhaft raffinirter Koketterie Toilette gemacht. Das rothblonde, üppige Haar floß in halb aufgelösten Ringeln über Hals und Schultern und wie ein Schleier über ihr phantastevoll garnirtes Spitzenkleid herab.

Als Bernthal in ihr Boudoir trat, fprang sie hastig auf, eilte rasch und geschmeidig über den weichen Smyrnateppich zu ihm hin und reichte ihm ihre schöne Hand. Eine heiße Leiden­schaft loderte dabei aus ihren fchwarzen Augen und ihre Lippen zuckten. Und diesem bestrickenden Feuer war jedoch eine sanfte Unterwürfigkeit dem Wesen dieser stolzen Frau beigemischt.

Böser, böser Mann," lispelte sie weich und klagend in ihrem fremden Accent.Was habe ich gethan, daMSie mich seit vier Tagen unbarmherzig vernachlässigten? Was habe ich verbrochen, um diese Kälte, diese Zurücksetzung zu ver­dienen? Sagen Sie es mir, ich bitte, ich beschwöre Sie!"

Sie warf den Kopf in den Nacken, faltete die Hände über der Brust und blickte ihn schmachtend an.

Bernthal hegte die Befürchtung, daß die Leidenschaft und der gekränkte Stolz des jungen Weibes ihm eine böse Scene spielen würden, wenn er nicht mit großem Geschicke ihrem Un- muth begegnete. Gerade ihre kaum verhaltene Gluth, mit der sie ihm entgegenkam, hatte seine ansängliche Zuneigung schnell wieder erkalten laffen.

Theure Mylady, liebe Lucia," sagte er so ruhig als möglich.Fragen Sie nicht dringen Sie nicht in mich! Ich kann mich mit Erklärungen nicht aushalten, die Ihnen wie mir nur peinlich werden würden. Ich bin Offizier und als solcher nicht Herr meines Schicksals und auch nicht Herr meiner Zeit."

Sie hatten aber sonst mehr Zeit für mich übrig," schmollte sie.

Jawohl! Gewiß! Aber ich muß heute noch fort und ich kam her, um Abschied von Ihnen zu nehmen!"

Abschied nehmen? Weshalb müssen Sie fort?" rief sie erregt und maßlose Angst ,klang in ihrer Stimme.Sie haben vor fünf Tagen noch nicht an die Abreise gedacht und

ch weiß keinen Grund dazu. Habe ich Sie unwissentlich be­leidigt? Ach, theurer Freund, dann will ich abbitten mich bessern! Ich will meinen Stolz, meine Laune ablegen. Aber so sprechen Sie doch! Stehen Sie doch nicht so gleich» giltig da! Sehen Sie nicht meine Angst nicht meine von Thränen gerötheten Augen, die ich um Sie vergossen Habel Aber ich ertrage es nicht länger, ich muß endlich erfahren, was Sie mir entfremdet hat. Darum reden Sie! Erklären Sie mir Alles! Ich ich" Sie brach aufgeregt ab und preßte ihre Hand auf die heftig wogende Brust.

Sie sollen Alles erfahren, aber bitte, beruhigen Sie sich erst ein wenig," erwiderte Bernthal leise und bot ihr den Arm, führte sie zu einem Fauteuil und ließ sich auf einem Tabouret nieder, das zur Seite stand. Trotzdem er gewohnt war, Damen gegenüber stets zarte ritterliche Rücksicht auszuüben, fühlte er sich heute bewogen, nichts zu beschönigen und der heißblütigen Mexikanerin die Wahrheit zu offenbaren. Aber es war ihm eine grenzenlose Pein, daß er es thun mußte.

Ich habe Sie lieb wie ein Freund, wie ein Bruder, theure Lucia," erwiderte er so sanft als möglich,und in dieser Weise habe ich Sie immer geliebt. Ihnen mehr zu sein, ist mir aber unmöglich und tief beschämt stehe ich vor Ihnen, daß ich Ihre Gefühle nicht erwidern kann!"

Seine Stimme zitterte, die Worte waren ihm zu schwer geworden.

Sie stoßen mich zurück! Sie verachten mich!" rief sie mit flammenden Blicken.Aber warum denn? Warum denn? Oder sollte es wahr sein, was gestern einer Ihrer Kameraden bei der Mittagstafel erzählte Ihr Herz wäre eine Wetter­fahne und schwirrte jetzt um einen neuen Stern herum! Aber dann hätten Sie ja Comödie mit mir gespielt I O, mein Gott, Sie ließen mich doch glauben, daß"

Sie schnellte mit Ungestüm empor und warf sich vor Bernthal auf die Kniee.

Nein, nein! Sie können mich nicht getäuscht, nicht ver- rathen haben, nachdem Sie mir so lange treu waren!" stieß sie in wahnsinniger Verzweiflung hervor und umklammerte seine Hände.O, lassen Sie mich an Ihre Liebe glauben, verlassen Sie mich nicht! Alles, was ich bin und habe, lege ich Ihnen zu Füßen, ich kehre nicht wieder nach Mexiko zurück; ich breche mit Heimath und Familie, mit Allem, und folge Ihnen, theurer Franz, wohin Sie mich führen wollen."

Ihre Worte erstickten in einem heißen Strom von Thränen» Bernthal war von diesem Auftritt entsetzt, seine Augen weiteten sich vor Erregung. Daß Lucia Campellos leiden­schaftlich südländisches Naturell so alle weibliche Würde in den Hintergrund drängen würde, hatte er sich doch nicht vorgestellt. Aber seine Entschlossenheit wankte nicht-

Mit discreter Zartheit befreite er seine Hände von den ihren und trat so weit von ihr fort, daß zwischen ihnen ein weiter Raum blieb.

Beruhigen Sie sich, gnädige Frau!" sagte er-Weinen Sie nicht so bitterlich! Es thut mir sehr wehe, daß Sie so viele Liebe nutzlos für mich vergeuden. Ich kann Ihnen mein Herz nicht schenken denn ich kann Sie nicht belügen und betrügen!"

Sie stieß ein heiseres Lachen aus.

Also verschmäht bin ich, verschmäht!" schrie sie auf. Doch jetzt will ich Alles wissen, genau wissen! Ich habe ein Recht, zu fragen! Schauen Sie mir offen in die Augen und antworten Sie mir auf Ehrenwort! Lieben Sie eine Andere? Die Wahrheit will ich wissen, Herr OberlieutenantI Die Wahrheit! Antworten Sie doch!"

Ihre schwarzen Augen schossen förmlich Blitze. Jetzt war neben der Leidenschaft das unheimliche Feuer der Eifersucht darin zu sehen.

Bernthal behielt noch immer seine Fassung obwohl im Innersten empört über die Art und Weise, wie die Mexika­nerin, der er nie eine Liebeserklärung gemacht hatte, ihm jetzt entgegentrat.

(Fortsetzung folgt.)