Ausgabe 
28.7.1894
 
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und von einem fast krankhaften Ehrgeiz beseelt, zwang ihn, sich mit ernsten Studien zu beschäftigen, denn sie hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß ihr Felix berufen sei, eine große politische Rolle zu spielen. Ein wesentlich anderer Ehr­geiz erfüllte ihre Schwester Juliane Federn, die zu keinem andern Zwecke nach Gmunden gekommen war, als zu dem, das Herz Webers zu gewinnen. Hätte dieser von dem Plane gewußt, er wäre wahrhaftig sehr erstaunt darüber gewesen. Außer diesen alten Bekannten schloffen sich an Webers noch andere Leute an, wie ein junger Engländer, der das Reisen zu seinem Beruf gemacht hatte, dann ein älterer Herr, ein Jugendfreund des Millionärs, und ein Arzt, Namens Doctor Friedrich, der, wie ein Scherzwort Rollers sagte, von Wien abgereist sei zur Erholung seiner Patienten.

Margarethe bewegte sich unter den Gästen mit ziemlicher Theilnähmlosigkeit. Sie saß am liebsten allein auf der Ter- raffe, wo sie sich im Anblicke des Sees ihren Träumen hingeben konnte, gern auch in Gesellschaft der rothen Sali. Diese sah jetzt, einige kurze Monate nach dem Proceß, ganz anders aus als damals. Margarethe hatte sie, trotz der Ab­mahnung ihres Vaters und ihres Bräutigams, zu sich genom­men und bemühte sich, aus dem verwahrlosten Geschöpf ein menschenwürdiges Wesen zu machen; sie lehrte sie lesen, lehrte sie auf sich achten. Sie fühlte sich hingezogen zu dem Mäd­chen, durch deren entscheidende Aussage Desider gerettet wor­den war.

So saßen die Mädchen auch heute beisammen. Rosalia Pfeifer, deren schlanke Gestalt ein einfaches dunkles Kleid ein­hüllte und deren üppiges Haar ein weißes Häubchen krönte, hatte das Buch, aus dem sie ihrer Herrin vorgelesen, um diese von ihren Fortschritten zu überzeugen, zur Seite gelegt. Da Margarethe nicht in der Stimnmng war, den Unterricht fort­zusetzen, schwiegen Beide eine geraume Zeit hindurch. Endlich sagte Fräulein Weber hastig:Ich muß Dich etwas fragen, Rosal"

Wegen jener Sache?" kam es zögernd von den Lippen der Angeredeten.

Margarethe nickte zustimmend.

Ihnen will ich Alles sagen, Alles," rief Rosa (so wurde sie hier genannt) leidenschaftlich.Sie sind ja so gütig gegen mich I"

Also, dann sprich. Wer war die Frau, welche Herr Jvanyi damals besucht hat?"

Rosalia Pfeifer überlegte.

Wir fanden sie eines Tages vor unserem Hause bewußt­los liegen und nahmen sie hinein," flüsterte sie.Sie war in tiefer Ohnmacht und sah nicht aus wie unseres Gleichen Sie trug schöne, seine Kleider. Als sie zu sich kam, schickte mich die Alte hinaus. Wie ich aber wieder eintreten durfte, haben die Beiden sich umarmt und geküßt."

Hat Deine Großmutter die Fremde gekannt?"

Es scheint so. Sie hat mit mir nicht darüber gesprochen. Am andern Tage sagte sie mir, daß die Dame bei uns blei­ben werde, weil sie krank sei. Dann hat sie mich gleich nach Wolski geschickt."

Und ist er gekommen?"

O ja, sehr oft. Das erste Mal hat er geflucht, dann hat er ihr den Arzt geschickt. Aber es hat nichts genützt. Vierzehn Tage, nachdem sie zu uns gekommen war, ist sie ge­storben in derselben Nacht, in welcher ich Herrn Jvanyi holen mußte."

Hat Herr Wolski viel mit ihr gesprochen?"

Ja. Aber er hat immer zuerst die Alte und mich hinausgewiesen."

Und . . ." fragte Margarethe zögernd,hast Du etwas davon gehört, was er gesagt hat?"

Ja, einmal. Ich war zornig, weil er immer grob mit uns war, und einmal hab' ich mich zur Thürs gesetzt und gehorcht. Er hat Papiere von ihr verlangt und sie hat sie nicht geben wollen. Dann hat sie's doch gethan."

Hast Du diese Papiere gesehen?"

Nur sehr schlecht. Ich hab' durch'« Schlüsselloch ge­

schaut; sie hat die Papiere unter den Polstern herausgezogen und er hat sie zum Tisch genommen und gelesen. Sie waren in einem blauen Couvert und große Buchstaben waren darauf. Dann hat er sie eingesteckt.Du wirst sie verlieren," schreit sie und er sagt:Nein, ich werde sie immer bei mir tragen, und wenn er sie mir nehmen will, muß er mich erst um­bringen."

Und Du weißt nicht, wen er damit gemeint hat?"

Nein, er hat den Namen nicht gesagt."

Und wann war das?"

Vielleicht eine Woche, ehe sie gestorben ist. Nach dem ist er nie mehr gekommen. Sie hat Tag und Nacht auf ihn gewartet und war wie wahnsinnig, weil er sich nicht hat sehen lassen. Einmal hat sie gesagt:Du glaubst, Du bist fertig mit mir und läßt mich hier sterben, ohne Dich um mich zu kümmern aber warte, ich will Dir Dein Spiel ver­derben."

Und was hatte sie mit Jvanyi gesprochen? Hast Du nichts gehört?"

Nur wenig. Ich hab' es vor Gericht nicht sagen wolle« ich hab' mich gefürchtet. Er hat geschrieen:Sie sind toll. Es ist nicht wahr." Und sie:So wahr ein Gott im Himmel ist, und Wolski hat alle Documente." Da schluchzte er:Armes Kind." Und sie schreit:Ihm müssen Sie das Spiel verderben!" Dann fragt er:Wie heißen Sie?" sagt sie . . ."

Was?" schrie Margarethe, vor Erregung zitternd.

Rosina Mori."

Man hörte einen lauten Ausruf, als das Mädchen diesen Namen sprach. Jvanyi stand neben den Frauen.

Weiteri" sagte er.

Mehr weiß ich nicht," versetzte Rosa in mürrischem Tone.

Gott sei Dank," dachte Jvanyi.Gehen Sie," sagte er dann laut.Ich habe mit Fräulein Weber zu sprechen."

Rosa nahm ihr Buch und verließ nach einem sragenden Blick auf ihre Gebieterin, die zustimmend nickte, die Terrasse.

Jvanyi warf sich in einen Lehnstuhl.Wozu hast Du das Mädchen ausgefragt?" rief er fast heftig.

Margarethe wurde dunkelroth, stand auf und ergriff seine Hände.

Warum bist Du nicht aufrichtig gegen mich? Warum sagst Du mir nicht Alles?" fragte sie sanft und sah ihm bittend in die Augen. *

Weil es keinen Zweck hat. Das Geheimntß, das Rosina Mori mir auf ihrem Sterbebett mitgetheilt hat, enthält nichts, was Dich erfreuen könnte."

Betrifft es mich?"

Ja und nein."

Also betrifft es eine dritte Person und mich!" meinte sie ruhig.

Vielleicht. Aber es kann Dir nicht schaden, so lange Du es nicht weißt, aber wehe Dir, wenn Du es erfahren solltest!"

Mein Leben ist jetzt so schön," flüsterte sie, mit einem schwachen Versuch, zu lächeln,und was Du da sagst, wird es gänzlich verbittern."

Ich bitte Dich, Margarethe," rief er streng,frage nicht weiter! Es könnte Dich unglücklich machen." Er stand auf, lehnte sich über das Gitter der Terraffe und schaute in den glänzenden See.Soll das Paradies noch einmal verloren werden?" sagte er träumerisch.

Ist das ein Paradies, wenn ich jeden Augenblick fürchten muß, daraus verjagt zu werden?"

Warum aber? Denke nicht an dieses Geheimniß. Gegen meinen Willen habe ich Doctor Mark verrathen, daß ein solches besteht und daß ich es von Rosina Mori erfuhr ich sage Dir offen, daß es Dich betrifft, aber nur mittelbar durch eine dritte Person. Laß es ruhen, Liebste, ich bitte Dich und zerstöre nicht unser Beider Glück." Sie gab keine Antwort. Meine theure Braut," fuhr er fort,hast Du so wenig Ver­trauen zu mir? Deine Liebe hat sich in einer so harten Zeit bewährt sollte sie jetzt so schwach geworden sein? Mir zu